Freitag, 11. März 2011

Bahn AG unter Zugzwang [Neues Deutschland - 11.03.2011]


Bahn AG unter Zugzwang

Von Rainer Balcerowiak
(Neues Deutschland)
 

Von den vielzitierten »genervten und wütenden Fahrgästen« war am Donnerstag morgen im Berliner Hauptbahnhof wenig zu sehen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte ihre bundesweite Arbeitsniederlegung im Personenverkehr erneut zwölf Stunden im voraus angekündigt.

Zwischen vier und zehn Uhr morgens fuhren hier und in anderen Bahnhöfen nur wenige Züge, doch nach mittlerweile drei Warnstreiks in den vergangenen zwei Wochen scheinen sich die meisten Kunden auf die Ausfälle vorbereitet zu haben.

Rund 20 GDLer versammelten sich in der Vorhalle des Bahnhofs, darunter auch der stellvertretende Bundesvorsitzende Sven Grünwoldt. Der zeigte sich mit der ersten »regulären« Arbeitsniederlegung im laufenden Tarifkonflikt zufrieden.

Rund 80 Prozent aller Züge im Güter- Fern- und Nahverkehr seien ausgefallen oder deutlich verspätet gewesen. Auch habe man diesmal bei den Privatbahnen »deutlich mehr Streikwirkung erzielt« als bei den ersten Ausständen, so Grünwoldt gegenüber jW. Angesichts der Weigerung der DB-Konkurrenten im Nahverkehr, mit der GDL über einen Flächtentarifvertrag für Lokführer zu verhandeln, werde man diese Unternehmen künftig überproportional in den Arbeitskampf einbeziehen, kündigte Grünwoldt an.

Nicht alle GDL-Mitglieder sind von der Streiktaktik des Bundesvorstandes überzeugt. »Ein paar Stunden bringen nicht viel«, sagt ein DB-Regio-Lokführer. Durch das »Hoch- und Runterfahren« der Arbeitskämpfe würden zudem besonders die aktiven Gewerkschafter »kaputtgestreikt«, also diejenigen, die zwischen ihren regulären Schichten die organisatorische Arbeit vor Ort leisten. Und im Güterverkehr könne man ohnehin nur Wirkung erzielen, wenn wenigstens drei Tage am Stück gestreikt würde. Seine Forderung: »Streiken und erst aufhören, wenn der Bundesrahmen-Lokführertarifvertrag unterschrieben ist«.

Der GDL-Vorstand schließt eine derartige Eskalation zwar nicht prinzipiell aus, will der Bahn AG und den anderen Unternehmen aber nochmals eine »Streikpause« gönnen und damit die Gelegenheit geben, ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen, wie der Vorsitzende Claus Weselsky am Donnerstag erklärte.

Doch dazu ist bislang keinerlei Bereitschaft erkennbar. Die Bahn AG wiederholte ihre Behauptung, daß sie die wesentlichen Forderungen der GDL bereits erfüllt habe, und forderte die Organisation auf, den Arbeitskampf unverzüglich zu beenden.

Scharfe Kritik kam auch von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die vor einigen Wochen einen Branchentarifvertrag für den Schienenpersonennahverkehr abgeschlossen hat, der Vergütungen unter dem Niveau der Deutschen Bahn AG festschreibt und keine Übernahmegarantie für Beschäftigte bei einem Betreiberwechsel enthält.

Beides lehnt die GDL kategorisch ab. EVG-Chef Alexander Kirchner warf der ungeliebten Konkurrenz am Donnerstag vor, »Chaos anzurichten, das unsere Mitglieder ausbaden müssen«.

Streik dürfe nur das »allerletzte Mittel« sein, so Kirchner. Die GDL wolle aber »mit dem Kopf durch die Wand, das geht nicht«. Allerdings organisiert die EVG nur rund zehn Prozent aller Lokomotivführer.

Bei der Bahn AG mußte sie sich daher bereits 2008 nach einem erbitterten Arbeitskampf gegenüber der GDL verpflichten, auf die tarifliche Vertretung dieser Berufsgruppe zu verzichten.

Und auch bei den Privatbahnen gäbe es für die GDL »keinen Grund, den Abschluß einer schwachen Gewerkschaft zu akzeptieren«, so Weselsky.

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