Krisengewinner Wie Ölspekulanten die Sprit-Preise in die Höhe treiben
Bericht: Markus Zeidler, Kim Otto, Jochen Leufgens
Sonia Seymour Mikich: "Ich freue mich über Sie, willkommen. Und wir legen los mit der täglichen Empörung an den Zapfsäulen. E10 oder nicht E10, die ganze Nation redet darüber. Einen noch größeren, anderen Skandal nimmt kaum jemand wahr, die Rekord-Rohölpreise. Alles wegen Libyen? Wegen der Araber? Ach was. Alarm, die Zocker sind wieder da."
Rolf Weitjes, Taxifahrer
Rolf Weitjes, Taxifahrer: "Kannst du mir mal eine günstige Tankstelle für Diesel hier im Raum Süd nennen?"Kollege in der Zentrale: "Jo, mach ich, schick ich dir auf dein Dienstgerät."Rolf Weitjes, Taxifahrer: "Ja, danke!"Schon wieder ist der Tank leer. Und schon wieder ist der Kraftstoff teurer. Seit Wochen geht das nun schon so. So gesehen geht es Taxifahrer Rolf Weitjes aus Essen so wie Millionen anderen Autofahrern. Nur bei ihm geht es langsam um die Existenz. Aber was will er machen?Rolf Weitjes, Taxifahrer: "Oh, das geht rasant. Ich krieg das direkt immer bei jedem Tanken mit. So Schwellen werden dann übertreten, erst zahlt man 70,- , und dann auf einmal 75,- und jetzt über 80,- schon."Über 80,- für eine Tankfüllung. Stefan Müller sieht das mit anderen Augen. Er weiß, wie man mit Öl Geld macht. Er kennt die Finanzwelt, hat zehn Jahre als Spekulant gearbeitet. Heute spekuliert er nicht mehr selbst, heute berät er professionelle Anleger. Einer seiner Schwerpunkte: Spekulationen mit Öl, im großen Stil.
Stefan Müller, Investmentberater
Stefan Müller, Investmentberater: "Gut, es kann schon durchaus in die Hunderte von Millionen, wenn nicht noch mehr, gehen. Es kommt natürlich immer drauf an, wo man eingestiegen ist, wie die Position strukturiert ist, aber im Vergleich zu, ich sag mal einfachen Aktiengeschäften sind die Gewinne in Öl, wenn man auf der richtigen Seite ist, und wenn man eine großgenügende Position hat, kann das durchaus - wie gesagt - im Bereich der dreistelligen Millionen sein."Und Taxi-Unternehmer Weitjes? Der macht Pause, schaut vorbei beim Kollegen in der Zentrale. Und auch dort immer wieder das eine Thema.Rolf Weitjes, Taxifahrer: "Du heute Schicht?"Kollege: "Na klar."Rolf Weitjes, Taxifahrer: "Beschweren die anderen sich auch über die Spritpreise?"Kollege in der Zentrale: "Na klar."Rolf Weitjes, Taxifahrer: "1,36 , 1,38 jetzt."Kollege in der Zentrale: "Ja, Diesel, ne."Der Sprit wird immer teurer. Hier scheint klar, wer schuld ist.Kollege in der Zentrale: "Weil die Scheichs da unten Krieg führen."
Die Unruhen in Nordafrika. Wirklich der Grund? Die Menschen in Libyen gehen auf die Straßen, um den Diktator zu stürzen. Und die Folgen für uns? So wird es in den Medien dargestellt. Angst vor dem Ölpreisschock. Steigende Spritpreise. Weil in Libyen die Ölproduktion zusammengebrochen ist. Nur welche Rolle spielt das für den globalen Ölmarkt?
Steffen Bukold, Forschungsinstitut EnergyComment: "Auf den Weltölmärkten herrscht keine Knappheit an Öl. Dazu waren die wegfallenden Mengen auch zu gering, es waren ja noch weniger als 2 % der Weltölmenge. Es gibt keine Knappheit auf den Weltölmärkten, die Lager sind gut gefüllt. Aber es ist eine gewisse Nervosität entstanden."Keine Engpässe beim Öl - aber Nervosität. Nervosität an den Rohstoffbörsen, die Chiffre für Goldgräberstimmung. Hier wetten die Spekulanten auf steigende Ölpreise. Schlechte Nachrichten aus Libyen sind da bares Geld, das weiß auch Investitions-Berater Stefan Müller. Die Ölkurse im Blick - Telefonat mit einem Kunden.
Stefan Müller, Investmentberater
Stefan Müller, Investmentberater: "Das ist der helle Wahnsinn. Die Kurse bewegen sich ausnahmslos heute, und nach den Nachrichten aus Libyen. Ich meine, wir haben 20 % Plus gemacht im Öl jetzt in wenigen Wochen und jetzt kriegen wir da ein bisschen zur Beruhigung. Und das wird eben honoriert, wir haben gerade mal 2 % verloren aus dem High."Wetten auf steigende Ölpreise, fast schon ein sicheres Geschäft. Vielleicht auch, weil sich die Öl-Story den Anlegern so einfach erzählen lässt.Stefan Müller, Investmentberater: "Wir haben einen Rohstoff, der in der allgemeinen Darstellung sowieso nur steigen kann. und der aber eben durch diese geopolitischen Probleme in Nordafrika jetzt noch mal so eine Art Turbo hintendrauf bekommt. Das heißt, die Leute denken erst recht, wenn nicht jetzt, wann dann."Reporter: "Aber dann wird mit Angst Geld verdient?"Stefan Müller, Investmentberater: "An der Börse wird mit Angst immer Geld verdient und auch verloren."Diesmal also ist es die Krise in Libyen, die die Preisphantasie der Spekulanten beflügelt. Die Preisphantasie der Spekulanten: Beim Rohöl ist sie seit langem entscheidender Faktor. Und offenbar nicht das reale Angebot und die tatsächliche Nachfrage. Seit Ende der Wirtschaftskrise ist die Nachfrage nach Öl konstant angestiegen. Aktuell ist der Trend sogar leicht fallend. Das Angebot konnte stets Schritt halten. Anders die Entwicklung des Rohölpreises. Einer Fieberkurve gleich schießt er in die Höhe, wie losgelöst vom realen Angebot und der Nachfrage. Fast deckungsgleich jedoch die Kurve der spekulativen Wetten auf steigende Ölpreise. Vor wenigen Tagen erreichten die Wetten ein Rekord-Hoch. Längst ist das tägliche Volumen der Öl-Spekulationen bis zu 15-mal höher als die tatsächlich geförderte Ölmenge. Eine neue gigantische Finanzblase. Und nicht nur beim Öl sondern auf vielen Rohstoffmärkten, wie man bei den Vereinten Nationen mit Sorge beobachtet.
Prof. Heiner Flassbeck, Chef-Ökonom UN-Konferenz für Handel und Entwicklung
Prof. Heiner Flassbeck, Chef-Ökonom UN-Konferenz für Handel und Entwicklung: "Wenn jetzt irgendein Ereignis passiert, sagen wir eine größere Krise in Nahost oder eine Leitzinserhöhung in mehreren großen Industrieländern, dann krachen alle diese Märkte zur gleichen Zeit ein. Und dann haben wir die Finanzkrise Nummer 2. Dann haben wir genau die gleiche Situation, die wir hatten, als die amerikanischen Immobilienmärkte eingebrochen sind, dann brechen alle anderen Märkte sofort mit ein."Noch sind die Blasen nicht geplatzt. Doch Rolf Weitjes und alle anderen Autofahrer zahlen für die Ölzockerei schon jetzt bei jedem Tankstopp extra drauf. Die Mehrkosten der Spekulation: 7,- pro 50-Liter-Tank. So das Ergebnis einer Studie aus dem Frühjahr 2010. Und die Spekulationen sind seither nicht weniger geworden. Rolf Weitjes Rechnung sieht so aus.Rolf Weitjes, Taxifahrer: "Bis zu 400,- pro Monat habe ich jetzt mehr an Kosten. Bei meiner Gewinnspanne ist das schon 10, 15 % weniger Einkommen. Und ich hab nicht so viel Einkommen, dass ich das so ohne weiteres wegstecken kann. Das ist für mich existenzbedrohend."Reporter: "Das heißt, Wenige verdienen Milliarden auf Kosten der Vielen?"Stefan Müller, Investmentberater: "Das kann man im Zweifel auf so eine einfache Formel reduzieren, ja."Reporter: "Moralisch okay?"Stefan Müller, Investmentberater: "Wie gesagt, was legal ist, ist auch legitim. Sie werden kaum eine Bank finden, die Moral auf der Fahne stehen hat, was okay ist. Finanzinvestoren, Banken, Hedgefonds, Asset-Manager, wer auch immer haben genau eine Aufgabe. Aus Geld mehr Geld zu machen und sie bedienen sich der Instrumente des Marktes."Die Preisexplosion beim Rohöl. Das ist nicht die Geschichte einiger brachliegender Ölfelder in der libyschen Wüste. Es ist die Geschichte über das der Versagen der Politik, die Finanzmärkte nach der letzten Krise zu zähmen. Handelsschluss an der Ölbörse in New York. Morgen 9:00 Uhr Ortszeit macht das Kasino wieder auf.
MONITOR-InterviewSteffen Bukold, Energie-Forschungsinstitut EnergyComment
MONITOR-InterviewHeiner Flassbeck, Chef-Ökonom der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD)
tagesschau.deSpritpreise ziehen erneut an
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