Zen mit Perlenkette
Die Rute des Hüters der Bescheidenheit:
Notizen zu St. Nikolaus und weniger heiligen Öffentlichkeitsmenschen
Von Hansgeorg Hermann
[via Junge Welt]
Eine Faustregel in der Politik lautet: Je weniger ein Protagonist wert ist, desto eitler muß er sein. Narzißmus ist in Parlaments- und Regierungskreisen ganz normal krankhaft, die Sucht, sich zu exhibitionieren, unstillbar. Eine kleine Vor- und Rückschau zum Nikolaus, dem inoffiziellen Hüter der Bescheidenheit.Kaum haben den Italiener Silvio Berlusconi die eigenen Leute zur Vordertür des Regierungspalastes hinausgetreten, da ist er durch die Hintertür schon wieder drin. Er sei jetzt nicht mehr Premierminister, sagt er, aber Präsident. Nämlich des Fußballklubs AC Milan, der ihm gehört, so wie anderen, weniger betuchten Zeitgenossen beispielsweise ein Fernsehapparat gehört. Solche, die Berlusconi bisher, aus Unverstand oder böswillig, »Cavaliere« statt schlicht und einfach »Porco« (Schwein) genannt haben, sollen an dieser Stelle endlich aufgeklärt und korrigiert werden: »Cavaliere« ist im Italienischen eine »Persona dai modi gentili«, eine Person von ausgesuchter Höflichkeit und Kultur. Wer diese Eigenschaften nicht in oder wenigstens (oberflächlich) auf sich vereinigt, dem können sie schwerlich verliehen, das heißt angedichtet werden. Einerseits.Andererseits den »Cavaliere« hatte ihm, wir sind immer noch bei Berlusconi, 1977 der Exmonarchist, Faschistenfreund und wegen des Lockheed-Skandals (wir gedenken an dieser Stelle auch des Bayern Franz Josef Strauß) ein Jahr später aus dem Amt entfernte christdemokratische Staatspräsident Giovanni Leone ans Revers gehängt. Einer, der dem von 1994 an bis neulich in Italien regierenden Gewohnheitslächler was Geschäftssinn, politische Beweglichkeit und kriminelle Energie anbetrifft in nichts nachstand. Vom Präsidenten eines Fußballvereins jedenfalls ist es, nicht nur in Italien, bis zum Präsidenten der Republik nicht weit.Wie in Italien oft der Fußball die Karrieren von Minister- und/oder Staatspräsidenten befördert, so erledigt das in Frankreich gern das bunte Wochenblatt Paris Match. Es berichtet zwar nicht über die Champions League oder sonstige Varianten von Hirn- und Ballverlust, da führt sein Name in die Irre, dafür aber über Leute, die es tatsächlich verdienen, im Detail bebildert und ausgestellt zu werden.Zum Beispiel die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, die jüngst Tor, Tür und sich selbst ihrer Match-Lieblingsjournalistin Marie-Pierre Gröndahl der Weihnachtsmann ist Skandinavier für eine sogenannte »Homestory« öffnete. Auf dem Höhepunkt ihrer Advokatenkarriere saß die inzwischen 56 Jahre alte Lagarde dem »Global Strategy Commitée« des US-amerikanischen Konsortiums Baker&McKenzie vor, einer der größten Anwaltsfirmen der Welt, die gerne auch als anerkannter Vermittler im milliardenschweren Waffenhandel auftritt unter anderem mit Polen und Griechenland. Ein echtes Männergeschäft, wie man so sagt, was Lagardes zunehmend dichter wachsenden Oberlippenbart erklären mag. Die Süddeutsche Zeitung befand trotzdem: »Nur wenige Frauen schaffen es, sich so stilvoll zu kleiden, wie Christine Lagarde; sie hat es in den Olymp der bestaussehenden Frauen in der Politik und Wirtschaft geschafft. Auch wenn sie ein Kostüm trägt, sieht das bei ihr nicht langweilig aus dafür sorgen Accessoires wie ein locker umgeworfener Schal mit Animal Print.«Die Fotos im Paris Match sind zauberhaft: Vor hohen Fenstern in ihrem Appartement in Georgetown (Universitätsviertel in Washington, D.C.), barfuß im weichen Flor des Teppichbodens, die Arme himmelwärts gereckt, verharrt Lagarde im Hier und Jetzt Zen ist angesagt, 20 Minuten jeden Morgen die Lehre der asiatischen Meister verinnerlichen, die da heißt: »Wie zahlreich auch immer die fühlenden Wesen sein mögen, ich gelobe, sie alle zu retten.« Armdicke Perlenkette hin, Kaschmirpullover her Buddismus ist für alle da. Einmal im Monat, freilich nur an Wochenenden, meditiert selbst Freund und Bettgenosse Xavier Giocanti aus der Hafenstadt Marseille, wo das große Geld seit geraumer Zeit mit der Maschinenpistole verdient wird. Zitat Paris Match: »Einmal im Monat, das ist ihr Pakt.« So weit, so verständlich.Anders sieht es im Alltag aus, da wird regiert und notiert, wie's an der Börse üblich ist. »Die meisten Regierungschefs machen sich keine Notizen«, sagt, entwaffnend ans blonde Küchenpaneel gelehnt, die silberhaarige Zen-Adeptin, »ich schon«. Damit sie nicht vergißt, wem sie den 500000-Dollar-Job (Jahreseinkommen) zu verdanken hat dem kleinen Mann auf den hohen Absätzen, dem hochverehrten Nicolas.Nicolas-»Gelobt-sei-der-Heilige«-Sarkozy reist durchs Land, umfliegt den Globus, und die bescheidenen Franzosen fragen sich: Tut er's als Chef oder tut er's in diesen Tagen auch als Kandidat? Im Mai ist Präsidentenwahl. Die Zeitung Libération hat ausgerechnet: Er tut es ungefähr fifty-fifty, Überraschung! Er ist Präsident, Kandidat ist er eigentlich immer noch nicht, denn bisher spricht er nur vom Baby. Es ist weiblich, »bildschön« ist es, so schön wie Carla, das hat der Präsident schon vor der Geburt gewußt. »Giulia« heißt es, was italienisch ist (siehe oben), nicht französisch, und ungarisch schon gar nicht.»Das Kind, mein Kind«, schwärmt Sarkozy, den die Leute jetzt »Merkozy« nennen, weil ihn bei der deutschen Angela nicht mal mehr die Schwitzflecken stören. »Merkozy« also hat die Geheimnisse des Säugens neulich im kleinen Kreis mit Experten, nämlich einigen deshalb furchtbar aufgeregten Hausfrauen und Ernährerinnen diskutiert, er ist dabei von Kameras beobachtet und von Mikrofonen belauscht worden. »Carla stillt«, weiß seither die Nation und schläft beruhigt ein am Abend.Noch ist es verpackt, das Kind Giulia, nicht mal Match hat bisher mehr als die Nasenspitze abgelichtet. Weihnachten, wenn's Christkind kommt, heidewitzka Herr Kapitän, wird's ausgewickelt unterm »Tannebom« (französisch für Tannenbaum). Die Legende weiß: Der hlg. Nikolaus (französisch »Nicolas«) soll bereits als Säugling so fromm gewesen sein, daß er an den Fastentagen der Woche, mittwochs und freitags, die Brust der Mutter nur einmal nahm. Wird Giulia das für sich nützen können?
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