Donnerstag, 29. August 2013

Vorläufige Thesen zu einem System der Angst --->>> Kapital rennt rund um den Globus auf der Suche nach billigen Löhnen


 

G. M. Tamás: Vorläufige Thesen zu einem System der Angst

 

[via Grundrisse - Heft 45]

 

http://www.grundrisse.net/grundrisse45/system_der_angst.htm

 


Kapital rennt rund um den Globus auf der Suche nach billigen Löhnen. Es rennt auch in die Gegenrichtung auf der Jagd nach konkurrierender Konsumentennachfrage. Es rennt Gelegenheiten für lukrative Investitionen nach. Es rennt zu Plätzen mit niedrigen Steuern. Es rennt, um stabile Regierungen oder Bürgerkriege zu finden, die nach Waffen und Waren verlangen. Außer es stolpert über nationale Grenzen, also Gesetze, rennt es mit solcher Geschwindigkeit, dass es ortsungebunden erscheint, unmöglich, lokalisiert zu werden. Es ist so schnell, dass es überall zu sein scheint, was es nicht ist. Gesetze, also nationale Grenzen, bringen nicht wirklich seine in alle Richtungen gehende, multidimensionale Bewegung zum Stillstand, seine Geschwindigkeit verschärft sich durch die fast völlige Leere des verdünnten Mediums, durch das es lautlos zischt.

Arbeit versucht, um den Globus zu wandern auf der Suche nach höheren Löhnen und billigeren Preisen. Sie taumelt andauernd gegen nationale Grenzen, also Gesetze. Sie kann es sich nicht leisten, niedrige Steuern zu befürworten, da sie sich dessen bewusst ist, dass sie den Staat brauchen könnte, also das Arbeitslosengeld. Sie braucht den Staat, mit seinen Grenzen, also Gesetzen, genau den Staat und die Gesetze, die sie davon abhalten, mit einer entsprechenden Geschwindigkeit ein würdiger Rivale des Kapitals zu sein, da Kapital nicht nur ein Gegner und Konkurrent ist, sondern auch eine Quelle von Überfluss, die gesucht wird. Arbeit wird ihr Einkommen mit dem Staat teilen müssen, um das Kapital zu bremsen. So wird sie Geschwindigkeit mehr brauchen als eben zuvor. Aber Arbeit ist langsam, sehr langsam, aus eigener Schuld. Sie hat sich mit den Gesetzen, also Steuern verbunden. Kapital, in seiner Geschwindigkeit nun praktisch unbeschränkt, gleichbedeutend mit Unsichtbarkeit, Abstraktion und Eleganz (und bitte beachtet einfach nicht die Widersprüche in diesen Ausdrücken), wird jung, elegant und streng, in seinen formalen Prinzipien ähnlich der minimalistischen, schlanken, sogar magersüchtigen Architektur der besten Museen für Neue Kunst. Es ist revolutionär. Es ist klug. Es ist richtungslos. Man hört es nicht. Was man hört, ist das Klickklack der Highheels auf Fliesen, das modische Gewimmel seiner abstrakten, schlanken Bewunderer in Schwarz. Arbeit ist furchtbar langsam, sie ist rückständig. Ihre Intelligenz wird zurückgewiesen, da nur eine Art von Intelligenz gebraucht wird, die, die nicht gebremst wird. Vor allem nicht nur Gesetze, die nun ausgerichtet sind, den Verkehr zu fördern, also Geschwindigkeit. Arbeit ist fett, Arbeit ist Bermudashorts und Hawaiishirts, die Kleidung des späten Fordismus. Sehr bunt und laut. Sehr sichtbar. Sehr reaktionär, sehr rückschrittlich. Sesshaft und ängstlich. So ist auch der Staat. Noch immer gestützt auf physische Gewalt, daher auf körperlichen Kontakt, auf Nähe. Lärm. Gerüche. Um weiterzukommen, muss man jemanden zur Seite schieben, der einem auf die Zehen steigen könnte. Der Staat ist nun kein Etwas. Er ist ein Hindernis für etwas. Daher wird er mit Radaubrüdern ausgestattet.

Wie neu aber das Medium, der Stil, die Dringlichkeit und die Ausstattung sein mögen, das Bedürfnis des Kapitals, Produktionskosten zu reduzieren und Profite zu maximieren, ist ewig.

Die Geschwindigkeit der Jagd nach vorteilhaften Verwertungen des Werts beschreibt nicht nur etwas im Raum (also digital oder sonst wie geschrumpfte Zeit), sondern beschreibt es auch qualitativ durch gesteigerte Produktivität, was natürlich eine andere Schrumpfung von Zeit, in diesem Fall von Arbeitszeit ist. Der globale Wettlauf oder Wettbewerb, immer schon ein Wesensmerkmal von Kapitalismus, hat sich jetzt nur insofern verallgemeinert, als es keine nicht kapitalistischen Nischen mehr gibt, die den Wettlauf in eine einzige Richtung gelenkt hatten (Kolonialismus). Die Jagd des Kapitals und der langsamere Fluss der Arbeitskraft (auch sie durch Technologie beschleunigt) lässt Beobachtern alle Hindernisse, alle Halte als widerlich und schmerzhaft erscheinen.

Menschen haben aber solche Halte als Heim angesehen – zumindest bis jetzt. Das Heim ist, wo keine Eile ist. Daheim ist, wo äußerlicher Zwang verlangsamt oder zum Halten gebracht wird. Wo Wert im Marxschen Sinn draußen bleibt. Das Private steht vorgeblich nicht zum Verkauf, es wird nicht als produziert gedacht, es wird als einfach vorhanden vorgestellt, wie es immer war, natürlich: unbeweglich wie ein Baum. Wie uns Christopher Lasch erinnert, wurde Ehe als „Hafen in einer herzlosen Welt" betrachtet. Aber der Halt im globalen Rennen, der Heim genannt wird, war immer von bourgeoiser Doktrin bedrängt worden: Im Gewand der Familie war es der Ort von Fortpflanzung und Reproduktion, das Zentrum des Konsums und politisch betrachtet ein Element der Zivilgesellschaft, zusammen mit Markt, Öffentlichkeit, NGO, Parteien, Sportvereinen, Kirchen und dem ganzen Rest. Wahlsysteme basieren auf Wohnbezirken, wo Menschen Einwohner von Häusern, so gesehen private Bürger sind. Wohnungseigentum basiert auf der Differentialrente. So gesehen ist die Kommodifizierung und die Verdinglichung von Heim (also die Kolonialisierung des Privaten, die Verdünnung der bourgeoisen Individualität, die Mobilisierung der Bewohner von Daheim) nichts wirklich Neues[1].

Vermittelt, wie es ist, durch Miete, Hypothek, Kredit, Verkehr, durch Heizung, Wasser, Kanalisation, Strom, Telefon, Post, Kabel- und Satelliten-TV, Radio, Internet, GPS, und andere Netzwerke, durch Bauindustrie, Polizeiüberwachung und Schulbezirk, ist das Heim dennoch ein Halt, ein Haltepunkt im globalen Rennen, mitten im Sturm von Produktion, Akkumulation, Zirkulation und Distribution. Denn es ist, einfach gesagt, das, wo Menschen schlafen. Das, wo auch immer, Familienmitglieder oder Zimmergenossen zusammenbringt, es ist nicht Produktion. Nicht Tätigkeit, sondern Untätigkeit. Eher biologische und affektive (wenn man Erbschaft mit ihrem bioökonomischen Charakter dazu nimmt) als finanzielle Bindungen. Mahlzeit, Sex, Ruhe, ein Gefühl von Sicherheit und Innerlichkeit und über allem eine alles umfassende, überspannende Idee von Anhalten. Drinnen sein, in den vier Wänden sein, zu Hause sein bedeutet hauptsächlich eine Unterbrechung ewiger Bewegung. In Analogie dazu wurde dann auch die Begrenzung – die Nation, der Staat, das Recht – als ein Haltepunkt, ein Schutzraum vor dem globalen Wettlauf, rundherum und rundherum, vor Kapital und Arbeit, vor der Geschwindigkeit der Verwertung (Produktion, Akkumulation, Zirkulation, Distribution) und der technologischen Innovation, vor dem „Wandel" (um die offizielle, ideologische, bourgeoise Bezeichnung zu verwenden) betrachtet. In Ausweitung des Begriffes wird sich das politische Analogon von Heim auf Grenze (Nation, Staat, Recht) übertragen, die auch eine Kontrolle der Geschwindigkeit ist, daher als Heim erscheint. Diese Analogie ist die Grundlage für romantisch-reaktionäre Gedanken, vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die sich heute in Nischen einiger linker, populistischer (grüner und anderer) ideologischer Konstruktionen finden. Die Grenze – also eine politische Beschränkung für das Kapital – ist, weil sie institutionell und öffentlich ist, natürlich das genaue Gegenteil von Heim. Aber Grenzen sind ein Ausdruck davon, was sich in ihrem Inneren befindet. In diesem Fall ist, was innerhalb des Nationalstaats ist, eine Beschränkung und ein Zwang für das Kapital, hauptsächlich eine äußerliche Maßgabe für Kauf und Verkauf, für die Ungleichgewichte von Kapital und Arbeit, Preisen, Löhnen und ähnlichem, inklusive der Crux des Ganzen, des Arbeitsvertrages. Der Arbeitsvertrag, der, indem er Kapital und Arbeit zusammenbringt, wesentlich ist für den Beginn der Verschmelzung von Produzent und Produktionsmitteln, die Produktion und Zirkulation (von Wert) initiiert, ist notwendigerweise auf Freiheit gegründet (er findet statt zwischen freien Akteuren, um eine Übereinkunft zu beiderseitigem Nutzen zu besiegeln). Freiheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für Ausbeutung, vor allem, aber nicht nur, in einem Regime des Marktes.

Der Nationalstaat erscheint zuerst als eine Kontrolle des freien Flusses von Kapital und Arbeit, insofern als Regulierung, ein Bremsen, ein Unterbrechen, ein Anhalten, wenn auch zeitweilig. Aber der moderne Staat möchte auch regulieren, um Geschwindigkeit zu garantieren, also die freie Bewegung der Subjekte in der Produktion und im Tauschprozess ohne Behinderungen durch irreguläre Kräfte ungerechtfertigter Gewalt oder unvernünftiger Traditionen. Wenn die Grenze (Staat, Nation, Recht) überhaupt ein Heim ist, ist sie eine Heimstatt für einen Widerspruch: für Freiheit (sie befreit von der biopolitischen Gebundenheit wie etwa dem Privileg hoher oder niedriger Geburt, was durch die Zufälligkeiten des Wettbewerbs, gedämpft durch Hierarchien, die sich Erbschaften und „sozialem" und  „kulturellem Kapital" verdanken) und für soziale Schutzbestimmungen, die sehr streng die Vertragsfreiheit beschränken (durch Besteuerung und Umverteilung und durch Arbeiterrechte, Konsumentenrechte, durch affirmative Handlungen, durch Gendergerechtigkeit und ökologische Gesetzgebung).

Heim im Spätkapitalismus stellt sich als Freiheit von der Bewegung dar. Heim, das heißt Familie und ihr gesellschaftlicher Schutz durch Gesetzgebung, verteidigt durch staatlichen Zwang, scheint standfest, ein Synonym für permanent. Freiheit von Wandel, begriffen als zwingende, aber willkürliche Wurzellosigkeit. Unnötig zu sagen, dass das eine Illusion ist, aber eine bemerkenswerte Illusion. Bemerkenswert vor allem wegen seiner jüngsten Transformation, wobei der gesellschaftliche Schutz (der Wohlfahrtsstaat und Egalitarismus der Verteilung) nunmehr schon eine furchterregende Bedrohung für die Sicherheit von Heim bedeutet.

Eine der wichtigsten Paradoxien des Zeitalters ist die gleichzeitige Verwandlung des Egalitarismus – vorgeblich eine Sichtweise im Interesse der Mehrheit – in eine elitäre Doktrin als einen Minderheitenstandpunkt. Politische Siege (bei Wahlen oder ideologisch) und Mehrheiten bei Meinungsumfragen, irriger- aber verständlicherweise als „populistisch" tituliert, wurden durch Widerstand gegen sogenannte Sozialgesetzgebung (hauptsächlich verschiedene Formen von Hilfe für Bedürftige) erreicht, einen Widerstand, der von jenen unterstützt wird, die von dem profitierten, das abzulehnen sie nun geneigt sind. Menschen, die sich vor der rücksichtslosen Energie des globalen Wettlaufs fürchten, scheinen bereitwillig zur Demolierung ihres eigenen (sozialen und nationalen) Heims beizutragen.

Es handelt sich um eine große, ideologische Transformation mit schwerwiegenden politischen und kulturellen Konsequenzen, die dringend genaue Analyse erfordert.

Es ist nicht nur Klassenkampf von oben (obwohl es das auch ist, und zwar sehr), aber die Analyse muss auch die Transformation des strukturellen Hauptkonflikts der bürgerlichen Gesellschaft in Rechnung stellen – das Ergebnis einer mächtigen „passiven Revolution" –, die ihn entschieden biopolitisch[2] macht. Diese biopolitische Wendung ist teilweise definitiv rückschrittlich – sie rehabilitiert Herkunft und Stand als Grundlage der Bildung von Schichten, wogegen die bürgerliche Revolution gekämpft hat – und teilweise fortgeschritten, ultramodern, indem sie die Sistierung oder Aufhebung des Klassenkampfes vortäuscht und das Zentrum der fundamentalen Auseinandersetzung vom Eigentum zur Bedingung des Menschseins verschiebt.

Zählen wir erst diese Veränderungen, wie sie in den doxa des Zeitalters erscheinen, auf und machen dann ein paar verstreute kritische Anmerkungen:

1) Technologische Veränderungen – von der Automatisierung und Robotik über Digitalisierung und Nanotechnologie bis zu den Wundern der Biochemie – haben zum ersten Mal in der Geschichte die menschliche physische (körperliche) Anstrengung in der Produktion von Gütern unbedeutend gemacht. Das wurde von einem noch nie da gewesenen Wachstum von Produktivität und Arbeitsintensität begleitet, was die Mehrheit der globalen Arbeitskraft für immer überflüssig macht. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist nicht länger ein Problem, wenn auch allgemein, verderblich und notwendig, sondern wesentliche Bedingung des Menschseins. Die Mehrheit der Menschheit wird nie wieder wertproduktiv sein.

2) Arbeit – als das hauptsächliche Sozialisationsmodell im Kapitalismus – hört zu bestehen auf. Die Institutionen im Kapitalismus wurden eingerichtet, um die Mobilisierung des durchschnittlich begabten Menschen zur Teilnahme an entfremdeter Arbeit sicherzustellen, also an Tätigkeiten, die von den individuellen Absichten getrennt, aber das einzige Mittel zum Überleben für die Habenichtse sind. Mobilisierung und Zwang haben diesen Zweck unter legal und juristisch gleichen Bürgern bedient, wobei sie Nischen von Subsistenz, Handwerk, unabhängigen Höfen und so weiter zerstörten. In der klassischen bürgerlichen Gesellschaft haben die Leute ihr Leben in Institutionen verbracht: Schule, Armee, Kirche, Verein, Gewerkschaft, Massenpartei, Sportklubs, organisierte Freizeitaktivitäten, kommerzielle Popkultur, Boulevardpresse und Radio, Fangruppen, Nationen, Familien und so weiter. Kollektive Mitgliedschaft in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen war vorrangig. Dieser institutionelle Charakter des fordistischen Kapitalismus wurde weggefegt, in Stücke geschlagen durch die schwindende Nachfrage nach Beschäftigten.

3) Trotz dieser Veränderungen ist eine fundamentale Gegebenheit dieser Gesellschaften gleichgeblieben: Es gibt weiterhin nur zwei anerkannte Quellen für Einkünfte, nämlich Kapital und Arbeit. Beide werden immer marginaler, werden Minderheitsphänomene.

4) Was immer auch durch gesteigerte Produktivität und Abbau der Beschäftigung, was zu einem drastischen Rückgang der globalen Reallöhne führt, also durch die radikale Kürzung der globalen Produktionskosten gewonnen wird, befrachtet die Ressourcen, die für den Konsum gebraucht werden (konkurrierende Nachfrage), mit Unsicherheit. Verbrauchermärkte brauchen noch immer die Teilnahme der Massen, die für immer vom Einkommen in der Lohnform abgeschnitten sind. Damit Produktion und Handel weitergehen können, wird die Verbrauchernachfrage irgendwie finanziert werden müssen. Die erste panische Lösung – daraus auch die aktuelle Schuldenkrise – war die immense Kreditfinanzierung auf der Grundlage fiktiven Kapitals gewesen. Arbeit als eine legitime Quelle des Konsums, also des Unterhaltes, wurde weitgehend durch Kredit ersetzt, eine Vergesellschaftung von Zirkulation und Nachfrage auf zweiter Ebene. Ähnliche Fragen wurden früher durch eine staatliche Version (Wohlfahrtsstaat) dieses Angebots von Anreizen für Akkumulation, Investition und Reinvestition in einer geordneten, regulierten Art gelöst. Dieser gesellschaftliche Kreditvorschuss wurde durch souveräne Staatsmacht und territoriale Expansion (Kolonialismus) garantiert, die unproduktive Löhne in den fortgeschrittenen Ökonomien (sprich weißen Nationen) hautsächlich im Staatssektor finanzieren sollten, was Frieden und Ordnung im Inneren möglich machte, während das zunehmend imaginäre Modell von Vergesellschaftung durch Arbeit intakt gehalten wurde. Der Abbau solcher staatlicher Ressourcen und sozialdemokratischer politischer Maßnahmen zur Finanzierung von Konsum (inklusive Wohnung, öffentlicher Verkehr, Erziehung, etc.) durch die neokonservative Konterrevolution (von den 1970ern bis jetzt) ließ ein noch nie dagewesenes Rätsel auftauchen.

5) Die gesellschaftlichen und ökonomischen Kräfte der Staaten wurden genau zu dem Zeitpunkt radikal beschnitten, da es keine andere Macht gab, an die sich die neue nicht produktive Mehrheit wenden konnte, um zu fordern, dass ihr Überleben (Lebensstandard, Aufstiegsmöglichkeit, materielle Verbesserung) als Bedingung menschlicher Existenz in organisierter Gesellschaft (Zivilisation) aufrecht erhalten bliebe. Dies also war der Moment, in dem die mächtige herrschende Ideologie ernsthaft damit begonnen hat, zwischen bürgerlicher und sozialer Gleichheit zu unterscheiden, deren Synthese von der nun vergessenen Katharsis von 1945 versprochen worden war (man denke an die Reihe sozialer Verfassungen, die von antifaschistischen Wählermehrheiten in Italien, Österreich, Frankreich, Deutschland, etc. in den 1940ern und 1950ern angenommen wurden, vom Sowjetblock ganz zu schweigen). Das war die Zeit, da der alte Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit (vorgetragen von einem altertümlich aristokratischen Liberalismus, eine Reaktion auf die Französische Revolution) wiederbelebt wurde, da, Gleichheit wieder als Neid und Missgunst definiert wurden, was von gerissener totalitärer List in Anschlag gebracht wurde. Das war ein recht erfolgreicher Kniff, um den Forderungen nicht produktiver, aber empirisch schwer arbeitender Mehrheiten nach unbegrenztem Kredit zuvorzukommen, da Löhne für unproduktive Arbeit nichts als (vermummter) Kredit und Lohnerhöhungen nicht als erweiterter Kredit sind. Neokonservative Regierungen (und alle gegenwärtigen Regierungen der entwickelten Länder sind neokonservativ) sind nicht in der Lage, dies zu gewährleisten. Zeit, die mit fremder Tätigkeit verbracht wird, wie in der Verwaltung, im Staatssektor, ist keine Arbeitszeit irgendeiner „natürlicher" Art, sie kann es sein und dann wieder nicht.

6) Der Verfall sozialer und ökonomischer Macht des Staates bedeutet nicht den Verfall all seiner Mächte, also der Fähigkeit des Staates, gesetzlichen Zwang der einen oder anderen Art auszuüben. In diesem Fall ganz im Gegenteil. Der Staat findet sich in einer Lage, wo er entscheidet, gezwungen ist, zu entscheiden, wer staatliche Mittel zum Überleben erhält und wer nicht, was in der gegenwärtigen Gesellschaft bedeutet, dass er die Pflicht und das Vorrecht hat, über Leben und Tod zu entscheiden.

7) Denn es ist ein Gebot der Stunde, dass gegenwärtige Staaten – in einer Situation, wo Produktion und Akkumulation sich schnell steigern und die Masse der Produzenten sich ebenso schnell verringert – die Kriterien finden, nach denen manche Gruppen zu staatlichen Mitteln (jenseits von Kapital und Arbeit) durch gesetzliche und gerichtliche Bescheide legitimerweise berechtigt sind und manche nicht.

8) Die Legitimation zu gesellschaftlichem Leben und zu gesellschaftlichem Tod, die den Betroffenen zugeteilt wird, ist den Regierungen aufgezwungen. Ein typischer Fall ist die Subprime-Hypothekenkrise in den Vereinigten Staaten. Da die Finanzierung der nicht produktiven niedrigen Mittelschicht durch Lohnerhöhungen und direkte Unterstützungen durch die Regierung kulturell unmöglich war, hat die US-Regierung durch staatliche Institutionen wie Fanny Mae und indirekt unterstützte Banken und Versicherungen für diese sozialen Gruppierungen Wohnraum durch Hypothekarkredite finanziert. Als das Kapital dazu nein sagte (die Verluste waren beträchtlich), wurde die Klassenherrschaft durch das Fälligstellen der Kredite und den Zusammenbruch der Kreditinstitute, die den Staatszielen diente, die Mittelschicht über Wasser zu halten, wieder bestätigt. Die Krise – ein Instrument kapitalistischer Disziplinierung – hat gezeigt, dass es vor den rigiden Entscheidungen, denen der Staat gegenübersteht, kein Entkommen gibt. Die Entscheidungen sind bedrückend. Entweder würden sie den Kredit zerschlagen und Hunderte Millionen zu erbärmlicher Armut verurteilen und so den Konsum beschränken, was die Nachfrage reduzieren und die Produktion und Profite und Vermögen zerstören wird, oder sie würden den Kredit finanzieren durch Schaffung und Neuschaffung von fiktivem Kapital, was die Erhöhung von Steuern erforderlich macht mit Kapitalflucht und folgendem Zurückfahren der Produktion, also im Wesentlichem demselben Ergebnis.

9) Die einzige Möglichkeit ist, die Anzahl der Leute, die von staatlich garantiertem Kredit abhängen, zu reduzieren und die Verbrauchernachfrage durch verschärfte Ungleichheit auf einem akzeptablen Niveau zu halten – indem produktive Löhne in den neu industrialisierten Ländern (wie China, Indien, Vietnam, etc.) extrem niedrig gehalten werden.

10) Aber wie können die Regierungen entscheiden, welche Gruppen sozialer Rechte beraubt werden, das heißt nicht marktgebundener Mittel für nicht produktive Bevölkerung (der im öffentlichen Dienst, in den Dienstleistungsindustrien, die in keiner Weise Industrien sind, in den Pflegeberufen, in Erziehung, Forschung und Kunst und anderen, weiter unten beschrieben)?

11) Die Antwort ist zweifach: moralisch und biopolitisch. In einer der größten Wenden in der westlichen (oder europäischen) Geschichte  wurde eine gründliche Neuformulierung der politischen Legitimität vorgenommen, ohne dass die gewöhnlichen Beobachter und Auguren davon eine Ahnung hätten – wie üblich.

12) Zuerst wurde der gute alte Unterschied zwischen Besitzenden und Besitzlosen ideologisch zum Verschwinden gebracht, wobei die mit legitimem Einkommen (Kapital und Arbeit) auf der einen und die ohne legitimes Einkommen auf der anderen Seite sich fanden. In Kontinentaleuropa wird von tätiger und untätiger Bevölkerung gesprochen. Die untätige Bevölkerung – Arbeitslose, Alte und Pensionisten, Studenten, Kranke, die, die sich um Kinder oder alte Verwandte kümmern (vornehmlich natürlich alleinerziehende Mütter), Marginalisierte, Unvermittelbare, körperlich oder geistig Behinderte, Obdachlose, fahrendes Volk, urbane Nomaden, manchmal unnütze Künstler, Forscher, Lehrer – wird, manchmal unter Einschluss des Prekariats, für wertlos, parasitär, unwürdig erklärt. Die Maßnahmen von Inklusion, positiver Diskriminierung, sozialer Unterstützung sind – vielleicht mit den Ausnahmen von ineffizienter Umschulung und lebenslangem Lernen – gründlich kompromittiert. Diese Teile der Bevölkerung werden bestraft, diskriminiert, verfolgt und drangsaliert, vorsätzlich dem Hunger ausgesetzt, ermuntert, bald zu sterben. In einer Gesellschaft, in der Arbeit als Sozialisationsmodell schon längst nicht mehr funktioniert, wird Arbeit als Kardinaltugend hochgepriesen, ohne Eudämonismus und Hedonismus (oder die demotische subbourgeoise Variante des Konsumismus) zu verleugnen. Frühere Versionen des Liberalismus anerkannten die Rolle von Glück, von zufälliger Verteilung von Verdiensten als Nebenprodukt von Freiheit, aber sie nahmen üblicherweise Abstand davon, Glück für eine Tugend zu halten – sonst hätten sie keinen Anlass gehabt, es zu verteidigen. Heutige Regierungen meinen, Unglück bestrafen zu müssen und sind bereit, in reinster Nietzscheanischer Manier zu erklären, dass die gesellschaftliche Stellung (mit jedweder Position innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung) ein Ausdruck von innerer Energie und Verdienst ist. Aber wo Nietzsche Sklaverei vorschlug und pries, haben es zeitgenössische Regierungen mit Nichtarbeitern zu tun. Worum es geht, ist nicht die Repression untergeordneter, niedriger Arbeiter, sondern die Rechtfertigung des gesellschaftlichen und in der Folge biologischen Todes derer, die nicht arbeiten können, da ihre Arbeit von Maschinen vollbracht wird.

13) Die Selektion – ich bin mir der nicht Darwin'schen Konnotationen des Begriffs wohl bewusst, da wir hier nicht von natürlicher Selektion sprechen – derer, die entsprechend ihrer körperlichen Merkmale und ihres instinktiven Verhaltens (Gesundheit, Alter, manchmal Geschlecht und sexuelle Ausrichtung) und entsprechend ihrer kulturellen Stigmata zu gesellschaftlichem Tod verurteilt sind, ist rein biopolitisch. So sind es auch die Bestrafungen – Reduktion von körperlichem Wohlbefinden, Wohnung, Heizung, Licht, Nahrung, frischer Luft, medizinischer Versorgung, Hygiene, Bewegung, wärmender Kleidung, psycho-physiologischer Genüsse durch Alkohol und Drogen, etc. Moralisch schneiden der Entzug von gleicher Würde, die stigmatisierenden Vorurteile, die offene, öffentliche und offizielle Geringschätzung für die Unglücklichen (die in diesen Konkurrenzgesellschaften umso heftiger ausfällt) die Gesellschaft entzwei. Hier erscheint das ausgebeutete Proletariat als eine privilegierte Klasse, da es im Gegensatz zu den Neuen Müßiggängern als solid und achtbar angesehen wird. Wenn auch unterdrückt wird es als Vollmitglied des Kapital-Arbeit-Kontinuums betrachtet. Es ist nicht unbezahlt.

14) All dem würde natürlich die Überzeugungskraft fehlen, wenn es nicht mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Spielarten des Ethnizismus, einherginge. Ethnizismus ist nicht einfach eine politische Meinung oder Ideologie. (Dazu gleich mehr in einer Minute.) Ethnizismus ist zumindest zu diesem Zeitpunkt eine symbolische Strategie, die das zufällig ausgewählte Ziel biopolitischer Selektion als fremd, das heißt als Nichtmitglied der politischen Gemeinschaft auszeichnet. Da die typischen Empfänger sozialer Zuwendungen, immer als Schnorrer, kriminell, „welfare queen", Sozialschmarotzer, illegal eingereist, „sans-papier" dargestellt, symbolisch fremd sind, ist seine oder ihre wirkliche Herkunft ohne Bedeutung. So werden Egalitaristen – in der offiziellen Ideologie – zu Vertretern von kleinen bevorzugten Gruppen, weil sie als Verteidiger der Abgeschiedenen, der Atypischen, der Minderheiten gegen „uns" dargestellt werden, was Unsinn ist, aber Egalitaristen und Progressive werden provoziert, sich als gegen den ethnizistischen Mainstream eingestellt aufzuführen, der keine Mehrheit, sondern eine Meinung ist (obwohl nicht nur schlicht eine Meinung). Das Problem ist, dass die nicht produktiven Schichten zusammengenommen die Mehrheit sind, nur die Sündenböcke darunter sind eine Minderheit. So also wird „unsere Gemeinschaft" geschützt. Eine spezifische, aber recht wichtige Form der Delegitimation von Gleichheit und Egalitarismus ist Antikommunismus. Das Schema ist dasselbe: eine sinistre, gefährliche, doktrinäre Elite mit Heilsversprechungen, weit weg von den realen, diesseitigen Beschäftigungen der einfachen Menschen. Just wie die verachteten Menschenrechtsaktivisten, die „Berufsantifaschisten" oder, in Anders Behrens Breiviks Mundart, „die Kulturmarxisten" (er hat geradewegs recht, das ist es, was wir sind), die sich der neuen biopolitischen Aufteilung entgegenstellen. Die Funktion des Antikommunismus in Abwesenheit einer kommunistischen Weltbewegung ist jedoch etwas Komplexeres als eine entlegitimisierende Ideologie. Er erledigt die Aufgabe, die Grenzen neu zu bezeichnen, vornehmlich den Staat (oder die Regierung) als die Alternative oder den Gegner des Kapitalismus, dargestellt als schiere Marktwirtschaft – was er nicht ist und niemals war –, vorzuführen, also Repression und Regulierung (in ihrer legalen Form: Recht) mit Kommunismus zu identifizieren und den Staat als Gefahrenquelle für Freiheit zu malen und so beide zu kastrieren. So wird Befreiung wieder als eine Vorstellung von Unterjochung eingeführt, als Gegenspieler von Spontaneität (Kreativität, Initiative, kreatürlichem Geist und ähnlichem). Die Macht, zu beschränken, zu unterdrücken und zu beherrschen, auch auf wohlwollende Art, (also den Staat) erfolgreich mit der Macht, das weltliche und körperliche Wesen von der unpersönlichen Gewalt abstrakter Arbeit zu befreien, (also dem Kommunismus) zu identifizieren, heißt, vor allem jene, die aus dem Kapital-Arbeit-Kontinuum herausgezwungen werden, ihr Verlassensein verehren zu lassen als ihren Eintritt in wirkliche, keinem Zwang ausgesetzte Menschheit.

15) Krise und Mainstreampolitik (beide sind des anderen Schöpfer und Schöpfung) haben es geschafft, eine doppelte Gesellschaft zu entwerfen: die von mangelhafter Körperlichkeit und Moralität und den gesunden Kern von Gesellschaft. Die Aufgabe ist, die ersteren auszuschließen und ihre Inferiorität akzeptieren zu lassen – und das übrige Proletariat zu veranlassen, den Gendarm biopolitischer Macht zu spielen.

16) Die Synthese von Produzenten und Nichtproduzenten sollte dem entgegentreten, was das Konzept der Ausbeutung verdoppelt und zur gleichen Zeit relativiert, das in seiner direkten und augenscheinlichen Form innerhalb der engen Grenzen dessen, was man als den privilegierten Mikrokosmos des Kaptal-Arbeit-Kontinuums verstehen kann, verbleibt. Der Ausgang der marxistischen Debatte, ob es „das Kapital" ist, das das wirkliche Subjekt der Geschichte der Moderne ist, oder „der proletarische Klassenkampf" (das erstere wohl der Standpunkt der Kritischen Theorie und letzteres der von Mario Tronti und des operaismo), wird, wenn sie fortgesetzt wird, von einer neuen Definition von Entfremdung abhängen, die Ausschluss von Produktion und somit von gesunder und gewürdigter Körperlichkeit, vom Kapital vorgetragen und vom Staat sanktioniert, mit einschließt. Die betrügerische Unterscheidung von Lohn und Transferzahlung – zu beobachten in der gegenwärtigen Auseinandersetzung gewerkschaftlich orientierter Alter Linker und humanitärer, auf Umverteilung abzielender neuer sozialer Demokratie, die sich der „Diskriminierung" und „Grausamkeit" entgegenstellt (beide verfehlen das Thema) – und das daraus resultierende Schisma unter den Intellektuellen führt zu einer doppelten, nicht zugegebenen und manchmal nicht einmal bewussten Akzeptanz eines postfaschistischen staatlichen Kommandos über biologisierte und ethnisierte Energien, die von der Krise ausgelöst wurden. Wenn sich die Kräfte der Befreiung dazu bereitfinden, die postfaschistische Betonung von „Arbeit" (oder „entlohnter Beschäftigung") hinzunehmen, die die echte menschliche Spezies dem untermenschlichen Abfall derer, die untätig sind, eine üble Widerspiegelung der tatsächlichen nazistischen Identifikation von Kapitalismus mit parasitärer „Finanz" oder, einfacher, „den Banken" (nicht ohne Einfluss auf die naive und populistische Linke), entgegenstellt, dann wird es keine theoretische und politische Darstellung einer Unterdrückung geben, die wieder einmal die höchste Leistung vollbringt, die Klasse gegen sich selbst in Stellung zu bringen. Das richtige Verständnis von Löhnen ist entscheidend für eine Synthese, die gegen die neue Dynamik des Kapital-Arbeit-Kontinuums gesetzt werden kann, die das beklagenswert einfache Geheimnis des Postfaschismus ist.

Der Ausnahmezustand, der Freund und Feind nun innerhalb nationaler Gesellschaften und Nationalstaaten neu definiert, bleibt das fundamentale Wesensmerkmal des Postfaschismus, wie ich ihn in einem Aufsatz vor zehn Jahren definiert habe. (In dieser Ausgabe der Grundrisse ebenfalls abgedruckt – Anm. die Red.) Sein Vorbild ist die Annullierung der jüdischen Emanzipation durch das Dritte Reich. Die Verwandlung von Nichtstaatsbürgern in homines sacri ist gleichwohl unverändert. Die Errichtung hoher Deiche gegen die Migration, selbst um den Preis der Verlangsamung des kapitalistischen Flusses, ist noch immer sein Hauptinstrument. Aber die Verwandlung von Staatsbürgern in Nichtstaatsbürger aus moralischen und biopolitischen Gründen – in dieser Wildheit – ist eher neu. Solange es keine Synthese zwischen der transzendentalen Identität von Arbeitenden und nicht Arbeitenden gibt, sondern nur zwischen den produktiven Gruppen und den nichtproduktiven als dem Kapital als solchem entgegengestellt, wird etwas dem Faschismus sehr Ähnliches überwiegen. Die Einberufung der ausgebeuteten und unterdrückten Produzenten als Vollstrecker der Kapitalherrschaft bleibt wie in den 1920ern und 1930ern die Hauptgefahr. Es ist die weithin akzeptierte, scheinbare Einheit zwischen berechtigten Verdienern – Kapitalisten und Produzenten –, politisch vereinigt gegen die Untätigen und Fremden, die alle bedroht.

Um diese erschwindelte Einheit zu zerschlagen, brauchen wir Menschen, die den Mut zur Uneinigkeit haben und Streit lieben, einen Streit, der sich aus der Opposition gegen moralisierende Biopolitik erklärt.


[1] Die geografischen Dimensionen der "home"-Frage wird am besten beschrieben von David Harvey, Justice, Nature and the Geography of Difference, Oxford: Oxford University Press, 1996 und ders., Spaces of Hope, Berkeley: University of California Press, 2000,  pp. 73-96 & passim.

„Home‟ im englischen Orignaltext umfasst hier ein anderes Begriffsfeld als das deutsche „Heim‟. Es ist hier nicht nur Wohnung im Sinne von „Das ist mein Heim‟ gemeint, das den Bereich des Privaten recht abstrakt umfasst zuzüglich zu einer konkreten Komponente, es reicht auch über Wohnungen bis zum Eigenheim und den Hervorbringungen der Häuslbauer.

[2] im Sinne Foucaults und Agambens




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