Dienstag, 14. Juli 2015

vertiefend -->> Die #Irreführung über #Wirtschaftspolitik #fängt schon in den #Schulen #an [nennt man genial innovativ medial...]

 

 

 

 
global news 2798 15-11-12:
 
Die Irreführung über Wirtschaftspolitik fängt schon in den Schulen an
 
[via jjahnke.net]
 
 

Das Infoportal hat eine Menge von Lehrern unter seinen Besuchern. Einige haben mir gegenüber beklagt, daß das Unterrichtsmaterial für den Sozialkundeunterricht nicht besonders geeignet ist. Da hat nun der Bundeswirtschaftsminister die Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT gegründet. Eine Jury, bestehend aus Vertretern des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, aus Schule und Wirtschaft sowie dem Verband Bildungsmedien, ermittelte die Preisträger. Wahrscheinlich haben hier der Bundeswirtschaftsminister mit seinen Mitarbeitern und die Vertreter der Wirtschaft das Sagen. Arbeitnehmervertreter scheinen jedenfalls unerwünscht zu sein. Dagegen hat die Arbeitsgemeinschaft so qualifizierte Partner, wie Bertelsmann Stiftung, Deutsche Kreditbank AG, McDonald's, Stiftung der Deutschen Wirtschaft und Siemens. Heute wurden nun erstmals Verlage und Schulbuchautoren mit dem Preis "Schulbuch des Jahres - ökonomische Bildung" ausgezeichnet. In der Kategorie "Sekundarstufe II Allgemeinbildende Schule" gewann der C.C. Buchners Verlag mit dem Titel "Grundlagen der Volkswirtschaft" den Preis.

Ich habe in dem gepriesenen Schulbuch nachgeschlagen, soweit es über die Internetseite des Verlags zugänglich ist. Erschreckend ist vor allem, wie schwarz-weiß die Wirtschaftsordnung dargestellt wird:

"Eine Gesellschaft, in der die Produktionsmittel Privaten gehören, bezeichnet man als kapitalistisches Wirtschaftssystem. Eine Gesellschaft, in der die Produktionsmittel Gemeineigentum sind, nennt man ein sozialistisches Wirtschaftssystem."

Da gibt es dann nur die Gegensatzpaare: Privateigentum oder Staatseigentum (zur Eigentumsform), Gewinnprinzip oder Planerfüllungsprinzip (zur Unternehmensform), Preisbildung auf Märkten oder Preisbildung durch staatliche Preisfestsetzung, Planungs- und Lenkungsform durch zentrale Herrschaft oder dezentrale Selbstkoordination. Sollen die Schüler wirklich glauben, daß dies heute noch die Alternativen auch unserer Wirtschaftsordnung sind? Hier taucht nicht einmal die Soziale Marktwirtschaft mit der sozialen Bindung des Eigentums auf (siehe Abb.).

Beim Thema Währungspolitik und EZB wird es brisant. Da sollen die Schüler nachdenken:

"Kann sie (die EZB) mit ihrer klassischen Geldpolitik einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten, oder sind die Währungshüter zu einer strategischen Neuausrichtung gezwungen, ohne daß sie vom heiligen Prinzip ihrer Unabhängigkeit von politischer Einflußnahme abrücken?".

Hier wird also suggeriert, die EZB könne für die Eurorettung zu einer neuen strategischen Ausrichtung finden, ohne ihre Unabhängigkeit zu verlieren, obwohl sie die längst verloren hat. Unter den Aufgaben des Unterrichts heißt es dann angeblich ergebnisoffen:

"Befürworten Sie eine Rückkehr zur DM? Begründen Sie Ihre Meinung; erstellen Sie in Ihrem Kurs ein Meinungsbild zur Abschaffung des Euro. Halten Sie das Ergebnis fest und überprüfen Sie es am Ende der Unterrichtseinheit zur Geld- und Währungspolitik."

Doch das erwartete Ergebnis der Überprüfung kann man sich leicht vorstellen.

Zur Staatsverschuldung kommt die Financial Times Deutschland zu Wort:

"Eine höchst profitable Investition in die Zukunft nicht zu tätigen, bloß weil man dafür (billigen) Kredit aufnehmen müsste, ist betriebswirtschaftlich wie volkswirtschaftlich Unfug. In den USA haben sogar die Bürger diese Logik verinnerlicht. Dort ist es ganz normal, für das Hochschulstudium hohe Kredite aufzunehmen - weil sich die Bildung später auszahlt."

Sollen die deutschen Schüler darauf vorbereitet werden, wie in USA ihr Hochschulstudium qua Kredit zu finanzieren?



#Tafelfraß ist Fraß vom #Schweinetrog, deshalb stellen wir uns #gegen die #Vertafelung #der #Gesellschaft! [95.Thesen]

 
 
 
 
Unsere 95 Thesen
 
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23. Tafelfraß ist Fraß vom Schweinetrog,
deshalb stellen wir uns gegen die Vertafelung der Gesellschaft!

Unsere 95 Thesen

 
[via Junge Welt]
 

Donnerstag, 9. Juli 2015

Die #Verachtung für die #Unterschicht wachse sogar, je stärker der eigene ökonomische Status bedroht werde.

 
 
 

 

Die Verachtung für die Unterschicht wachse sogar, je stärker der eigene ökonomische Status bedroht werde.

 
 
[Ulrike Herrmann - Hurra, wir dürfen zahlen - DER SELBSTBETRUG DER MITTELSCHICHT (2010)]
 


#Mobbing, #Sabotage, #Kündigung - #Betriebsräte im #Visier der #Arbeitgeber am 20.07. um 22:50 Uhr im #Ersten

 

TV-Tipp: Mobbing, Sabotage, Kündigung

| die story ARD

von redaktion01
 
[via arbeitsunrecht.de]
 
 
http://arbeitsunrecht.de/tv-tipp-mobbing-sabotage-kuendigung_betriebsraete-im-visier/
 
 

Betriebsräte im Visier der Arbeitgeber: UPS, Götz-Brot, Haticon

Am Montag, 20. Juli 2015 um 22:50 läuft im Ersten ein Film, den Frank Gutermuth und Wolfgang Schoen für den WDR produziert haben.
 

An drei eklatanten Beispielen von Betriebsratsverhinderung zeigt das TV-Feature eine Systematik auf, die in Deutschland inzwischen flächendeckend nachweisbar ist. Unternehmer gehen mit Hilfe von Union Busting-Anwälten und deren schmutzigen Zermürbungstaktiken gegen Betriebsräte vor.

Es stellt sich die Frage, warum Staatsanwaltschaften und Gesetzgeber nichts unternehmen, um Betriebsratsgremien und deren Mitglieder vor gezielten Rechtsbrüchen zu schützen. Sind illegale Handlungen von Unternehmern gegen Beschäftigte in Deutschland bloß Kavaliersdelikte?

Wir dokumentieren den offiziellen Pressetext:

Das Erste, Montag, 20. Juli 2015, 22.50 – 23.35 Uhr

Die Story im Ersten
Mobbing, Sabotage, Kündigung –
Betriebsräte im Visier der Arbeitgeber


Ein Film von Frank Gutermuth und Wolfgang Schoen. Fachliche Beratung: Elmar Wigand

Pinnow in der Uckermark. Heike B., ehemals Sicherheitsingenieurin bei Haticon, einem Unternehmen für Solartechnik, ist auf dem Weg zu einem Privatdetektiv. Der hatte sie ausspioniert im Auftrag ihres ehemaligen Arbeitgebers. Warum? Weil sie sich als Betriebsrätin bei Haticon engagieren wollte. Nun will sie wissen, welche Daten er über sie gesammelt hat. Ob er Fotos von ihren Kindern gemacht hat. Wie tief er in ihr Privatleben eingedrungen ist. Heike Becker ist nur ein Beispiel für das, was Menschen drohen kann, die Betriebsräte sind oder werden wollen.

 „Die Unternehmer haben sich einen Raum geschaffen, in dem sie sanktions- und straflos agieren können", konstatiert Werner Rügemer, Autor einer jüngst veröffentlichten Studie zum Thema. Und diese Studie zeigt: Angriffe auf Betriebsräte sind keine Einzelfälle, sondern ein längst praktiziertes System. Eine ganze Branche professioneller Dienstleister aus PR-Agenturen, Wirtschaftsdetekteien und Anwaltskanzleien ist entstanden, um gegen Betriebsräte vorzugehen, oder sie aus dem Unternehmen zu drängen.

Das Betriebsverfassungsgesetz gibt es seit 1952. Exakt wird hier festgelegt, wann und wie das Recht auf einen frei gewählten Betriebsrat besteht. Doch das Gesetz ist häufig nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist. „Also nach unserer Erfahrung ist es so, dass dieser Straftatbestand der Be- und Verhinderung von Betriebsräten der Straftatbestand in der Bundesrepublik Deutschland ist, der am allerwenigsten überhaupt verfolgt wird" so Werner Rügemer.

Das hat auch Torben A. am eigenen Leib erfahren. Er gründet mithilfe der Gewerkschaft NGG im mittelständischen Unternehmen Götz Brot eine eigene Liste zur Betriebsratswahl. Aber in Waldbüttelbrunn bei Würzburg sind Gewerkschaftsvertreter im Betriebsrat nicht willkommen. Das wird Ackermann am eigenen Leib erfahren und am Ende gehen müssen.

Die Justiz, so zeigen die Recherchen, verfolgt diese Straftatbestände oft nur halbherzig. Meist werden Ermittlungen nach Zahlung geringer Geldbeträge eingestellt. Auch die Gewerkschaften haben darauf bislang keine angemessene Antwort: „Man hat natürlich eine Politik des Ausgleichs, der Nicht-Konfrontation, der Verständigung mit der Arbeitgeberseite. In vieler Hinsicht ist die Gewerkschaft eine Lobbyorganisation geworden", sagt der Arbeitsrechtsexperte Prof. Wolfgang Däubler. Und die Politik? Sieht keinen Handlungsbedarf.

Für die betroffenen Betriebsräte allerdings steht häufig ihre Existenz auf dem Spiel, viele werden krank unter diesem Druck. Denn zimperlich sind die Methoden nicht, die zur Verhinderung von Betriebsräten dienen: Mobbing, Rufmord, Ausspähung des Privatlebens, Verleumdungen, Lügen, falsche Abmahnungen, erfundene Kündigungsgründe, unrechtmäßige Kündigungen.

 Heike B. ist an ihrer Betriebsratstätigkeit fast zerbrochen. Sie verlor ihren Job, ihre Reputation und zeitweise auch ihre Gesundheit. „Die Gedankenschleifen sind nicht mehr weg gegangen, ich habe die ganze Zeit nachdenken müssen über das, was die mir antun." Dabei musste die Alleinerziehende mit ihrem Job ihre Eltern und ihre beiden Kinder ernähren. Ihre Söhne sagen heute, der Einsatz ihrer Mutter für andere Menschen wurde bestraft.

Mobbing, Sabotage und Kündigung von drei Betriebsräten werden in der Dokumentation „Die Story im Ersten" stellvertretend für viele erzählt. Die Politik hat das mit zu verantworten. Denn flexiblere Arbeitsverhältnisse erschweren die betriebliche Mitbestimmung. Diese aber ist ein hohes Gut. Solange sich diese Missstände nicht ändern, werden Unternehmen auch in Zukunft gegen Betriebsräte vorgehen. Mit allen Mitteln.




#Griechenland: Auch hier eine #Politik #auf dem #Rücken #der #Armen und #kleinen #Leute [via jjahnke.net]

 
global news 3331 08-07-15:
 
Griechenland: Auch hier eine Politik auf dem Rücken der Armen und kleinen Leute
 
[via jjahnke.net]
 
 

Es war immer schon so, zuletzt in der Weltkreditkrise im globalen Rahmen und nun in Griechenland: Es sind die Armen und ohnehin Benachteiligten, die am Meisten leiden müssen. In Griechenland haben sie schon vor der Krise gelitten und leiden nun umso mehr. 1995 vor Euro-Eintritt lag die Armutsquote bei hohen 22 %, zwischen 2000 und 2010 bei durchschnittlich 20,1 % und jetzt wieder bei 23,1 %. Fast immer war Griechenland mit seiner Armut in Europa führend (Abb. 18843).

In Griechenland ist die soziale Verteilung besonders obszön. Bei der Einkommensverteilung zwischen dem obersten und dem untersten Fünftel lag das Land fast immer an oder in der Nähe der europäischen Spitze (Abb. 18868).
Entgegen von interessierter Seite gern verbreiteter Ansicht ist Griechenland also nicht erst seit den Rettungsprogrammen das Armenhaus Europas. Doch richtig schlimm für die Armen ist es erst jetzt geworden und droht es noch zu werden. Die Renten und selbst kleinen Ersparnisse werden nicht mehr voll ausgezahlt und selbst die medizinische Betreuung leidet Not. Mehr als ein Viertel aller Griechen hat keine Krankenversicherung.

Dagegen konnten die Vermögenden Tag für Tag viele Wochen lang ihr Geld unbehindert und in voller Höhe außer Landes (und auch jenseits des Steuerzugriffs) oder ins Schließfach tragen. Seit der Ankündigung der Neuwahlen im November letzten Jahres sind allein bis Mai 2015 rund 40 Mrd. Euro von den Konten abgezogen worden, seit 2010 schon 100 Mrd. Euro (die erheblichen Beträge für Juni 2015 sind noch unbekannt, Abb. 18867). Bis heute dürfte das fast so viel sein, wie alle griechischen Haushalte in einem Jahr ausgeben (124 Mrd. Euro).

Die auch von der EZB bereits seit einiger Zeit angemahnten Kapitalverkehrskontrollen wurden von Tsipras bewußt verschleppt und erst eingeführt, als für die Rentner und kleinen Sparer kaum noch Geld in den Banken war. Im Kampf um das Referendum wurde von Syriza nicht einmal die Verantwortung für diese längst überfällige und seinerzeit in Zypern sofort durchgezogene Maßnahme akzeptiert sondern den Europartnern in die Schuhe geschoben.

Da die Banken schon seit längerer Zeit nicht mehr von wohlhabenden privaten Anlegern mit Geld versorgt wurden, kann man diese - anders als in Zypern - nun nicht an unvermeidbaren Bankpleiten beteiligen. Deswegen kursieren, wenn auch amtlich bestrittene Gerüchte, daß man bei der Abwicklung von Pleitebanken selbst an die Kundenkonten der kleinen Leute gehen müsse, vielleicht schon ab 8.000 Euro, wobei der Schutzfonds für die Sparer viel zu klein ist, um die Verluste aufzufangen.

Andererseits scheint auch unter Syriza in Griechenland der Klientelismus anzuhalten. Bei der MwSt. traut man sich nicht an die Hotelbesitzer auf den teuren Inseln, und an die Restaurantbesitzer heran, und erst recht traut man sich nicht ausreichend an die vom rechtspopulistischen Partner geschützten Ausgaben für das Militär oder an eine Verfassungsänderung, um endlich die superreichen Reeder besteuern zu können (schließlich ist die Ehefrau des Chefs der Rechtspopulisten selbst eine sehr vermögende Reederin). Dabei besitzen griechische Reedereien mit 4.707 Schiffen die größte Schiffsflotte weltweit, vor Japan, China und Deutschland. Zudem wurden die Steuern auf Immobilienbesitz auch und gerade der Wohlhabenden gesenkt und die Steuerflüchtigen mit ihren schweizer Konten (ca. 15 Mrd. Euro) bisher nicht weiter verfolgt.

Noch schlimmer für die Armen und sozial Benachteiligten würde es bei einem Grexit kommen, der immer wahrscheinlicher wird und für den Tsipras durch das Nein im Referendum notfalls ein Mandat hätte. In diesem Fall droht Griechenland eine mächtige Welle an Inflation, weil alle Importe, auch bei Nahrungsmitteln, Arzneimitteln und vieles mehr, auf die das Land angewiesen ist und die nicht so schnell durch Produktion im Lande ersetzt werden könnten, erheblich teurer würden. Für die Wohlhabenden mit den Euros im sicheren Ausland oder im Schießfach wäre das kein Problem. Sie könnten bei einer stark abgewerteten Drachma zu Hause sehr viel aufkaufen. Syriza würde das kaum verhindern können.

Was hier schon seit längerer Zeit und nun verstärkt läuft, ist einer der schlimmsten sozialen Skandale.

"In times of universal deceit, speaking the truth is a revolutionary act." "If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear" George Orwell



--->>> Claus Kleber enthüllt. sich selbst [via Nachdenkseiten]

 

Claus Kleber enthüllt… sich selbst

Verantwortlich:

[via Nachdenkseiten]

http://www.nachdenkseiten.de/?p=26707

Am 2. Juni 2015 hielt der heute-journal Moderator Dr. Claus Kleber seine Antrittsvorlesung als Honorarprofessor an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Auf die Frage im Titel der Vorlesung „Rettet den Journalismus! Wozu?" blieb Kleber eine klare Antwort schuldig, ebenso auf die Frage des Wie. Während er mit einer zum großen Teil altertümlich anmutenden Power-Point-Präsentation, die vor allem Zwischentitel einblendete, einige Knackpunkte moderner Medientechnik problematisierte und sich damit seinem jungen Studierendenpublikum als Ansprechpartner anbot, ließ er Aussagen zu seinem eigentlichen Kerngeschäft – journalistische Recherche und Aufbereitung fürs Fernsehen – vermissen.

Dabei ist es genau seine Praxiserfahrung im journalistischen Handwerk, wovon sich die Universität am meisten verspricht. Vermutlich wird auch sein Zugriff auf die Archive des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschätzt, denn diese sind dem normalsterblichen Wissenschaftler nicht ohne Weiteres zugänglich. Auf welch dünnem Eis sich „Professor" Kleber allerdings sowohl in Sachen Recherche als auch Neue Medien bewegt, wird an einigen Stellen in der Vorlesung deutlich, auf die im Folgenden besonders eingegangen wird.

Von Sabine Schiffer.

Der ehemalige Radiojournalist Claus Kleber, der zum Einstieg Einblicke ins Arbeiten am früheren Newsticker gibt und auf die damit verbundene und verflossene „Medienmacht" hinweist, ist inzwischen der Vertreter des „Erfolgsprodukts heute journal". An mehreren Stellen in seiner Antrittsvorlesung redet er den Medien als „Markt" das Wort. Das Publikum nennt er in dieser Logik „Kunden". Das ZDF wäre demnach Klebers Kunde, denn er ist dort nicht angestellt, sondern firmiert als freier Mitarbeiter. Konsequent stellt das Gesicht des heute journals nicht infrage, dass Information – ein genuines Interesse in einer Demokratie – als Ware gehandelt wird und Konkurrenz unter den Anbietern dieser Dienstleistung ein Teil des Geschäfts zu sein hat, an dem sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) mit dem ungnädigen Quotenblick beteiligt. Die Themen „Grundversorgung", „Medien als öffentliches Gut" und „Rundfunkstaatsverträge" kommen in dieser Wahrnehmung des Medien-Geschäfts gar nicht erst vor. Das Ideal einer Befähigung aller Bürger zur Meinungsbildung durch umfassende Berichterstattung steht also nicht im Zentrum von Klebers Darstellung.

Druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR)

Anhand von Statistiken zur Charlie Hebdo-Berichterstattung Anfang des Jahres 2015 zeigt Kleber auf, dass bei allem „Erfolg" des ÖRR in Sachen Einschaltquote die Altersstruktur des Publikums auf ein aussterbendes Publikum hindeutet. Das gewünschte Publikum tummle sich hingegen in den sogenannten Sozialen Medien und sehe nicht unbedingt „eine anständige Nachrichtensendung". Dabei sagt die Nutzung dieser Netzwerke zunächst noch wenig über die betrachteten Inhalt aus – über Twitter, Facebook und andere Dienste werden natürlich auch klassische Formate verbreitet, Magazinsendungen etwa und das teilweise sogar vor deren Ausstrahlungszeitpunkt im Abendprogramm des Fernsehens. Es handelt sich also nicht lediglich um eine Marktfrage – und die Marktfrage dürfte zudem auf keinen Fall jene nach Qualität und Vertrauen verdrängen, wo etablierte und damit lange bekannte Medien immer noch gewisse Vorzüge in deren Einschätzbarkeit vor neu zu bewertenden neuen Medien haben. Fehlende Selbstkritik und journalistische Fehlleistungen – etwa in der Ukraineberichterstattung – spielen in Klebers Vorlesung jedoch kaum eine Rolle, stattdessen geht es um die Filterfunktion von Google, Facebook & Co.

Zunächst trifft Kleber eine richtige Feststellung, dass nämlich allein der Weg ins Internet für die bisherigen „Marktführer" im Analogen kein Heilsbringer ist. Die Gesetzmäßigkeiten des Netzes müssen verstanden werden. Und Medienkonvergenz ist eigentlich ein Thema für ein ganzes Semester.

Während man in der Tat – und das tut Kleber im Folgenden ausführlich – auf die Folgen von Algorithmen und der sogenannten Filter Bubble bei Angeboten im Internet aufmerksam machen muss, sind dennoch Internetriesen wie die Suchmaschine Google und deren spezifische Funktionsweisen nicht für den Niedergang des ÖRR verantwortlich zu machen, und zwar trotz der durchaus stattfindenden Gleichordnung bzw. Nachordnung bestimmter Internetangebote durch Suchmaschinen, so dass Beiträge eher singulär und nicht im Verbund von Dossiers und zusammengefasstem Wissen erscheinen. Der Aspekt der Bevorzugung von Blogs in Suchmaschinen-Rankings wird von Kleber garnicht erwähnt.

Dass die Angebote der klassischen Medien für Kontextualisierung und Hintergrundeinbettung stehen würden, ist jedoch eine idealtypische Naivität, die etwa die Kritik am Ausblenden von Zusammenhängen durch Nachrichtenformate eines Journalisten wie Walter van Rossum sträflich ignoriert. Nun stimmt es durchaus, dass man als ÖRR im Internet einiges kompensieren kann, indem man mehrere Beiträge zum Thema zusammengruppiert anbietet. Aber ausgerechnet das Beispiel des Fußball-Funktionärs Blatter und die Verdienste der FIFA als Beleg anzuführen, um Pluralität und Differenziertheit zu belegen, klingt angesichts heiß diskutierter Themen um NSU und NSA, den Ukrainekonflikt, TTIP und die Griechenlandberichterstattung wirklich schönfärberisch.

Für den Druck auf den ÖRR im Internet gibt es jedoch noch einen sehr wichtigen Faktor, den man bei der Problematisierung der Thematik nicht außen vor lassen darf: die EU-Gesetzgebung, die wiederum Medien als Markt definiert und ausschließlich im Sinne einer „Marktgerechtigkeit" argumentiert. Demnach müssen die von den Beitragszahlenden finanzierten Inhalte des ÖRR wieder von den Websites gelöscht werden, da selbige sonst einen unzulässigen „Wettbewerbsvorteil" gegenüber den privaten Anbietern hätten.

Überschätzung statt Recherche: Social Media

Social Media darf auch zum Recherchieren benutzt werden und nicht nur für den Vertrieb eigener Botschaften. Claus Kleber erwähnt das sogar, erweckt aber den Eindruck, als habe er eine gewisse Ehrfurcht, ja sogar Furcht, vor den sogenannten Sozialen Medien. Angst ist jedoch niemals ein guter Ratgeber. Stattdessen wäre es angebracht, dieselben ebenso zu nutzen wie die Etablierten und dabei Recherchen und Quellen auf Herz und Nieren zu prüfen. Dann würde man etwa hinterfragen, ob es wirklich ein Nachbar von Osama bin Laden in Pakistan war, der die Twitter-Botschaften zu seiner angeblichen Tötung in Abbottabad verbreitete – angesichts der Tatsache, dass jegliche Beweisfotos von der Aktion fehlen und pakistanische Medien bereits Ende 2001 von bin Ladens Tod berichteten. Und auch das Thema Völkerrecht klammert der unkritische Nachrichtensprecher in diesem Kontext vollkommen aus.

Bei kritischer Quellenprüfung wäre ihm auch die peinliche Lobhudelei auf den Internetdienst Bellingcat als „großartige Leistung" nicht passiert. Diese Plattform zeichnet verantwortlich für die Anfang Juni 2015 verbreitete Botschaft, dass Russland Satellitenbilder zum MH17-Absturz gefälscht habe. Diese Nachricht, die es in fast alle großen Medien schaffte und heute noch auf der Website der tagesschau abrufbar ist, musste jedoch schon wenig später wieder korrigiert werden, weil die Unseriosität der Plattforum aufflog. Dies wurde zwar erst kurz nach der Antrittsvorlesung in den großen Medien berichtet, allerdings war den aufmerksamen Nutzern von Twitter am Tag vor dieser Vorlesung bereits klar, dass an der Sache etwas faul sein musste. Denn der Verantwortliche für den von Bellingcat genutzten online-Erkennungsdienst Fotoforensics, Dr. Neal Krawetz (@hackerfactor), hatte sich bereits am 1. Juli auf Twitter von dem angeblichen Untersuchungsergebnis der selbsternannten Investigativrechercheure distanziert – nachdem er von einem Nutzer nach der Validität der angeblichen Enthüllung gefragt worden war. Und man hätte auch auf den Blog von Gabriele Wolff stoßen können, die bereits vor Wochen ein Dossier zu den merkwürdigen Untersuchungsmethoden von Bellingcat angelegt hatte. Siehe dazu auch unseren Newsletter vom 2. Juni 2015.

Von Feinden, Freunden und Fehleinschätzungen

Dass die russische Regierung wiederholt NATO und USA mit Blick auf AWACS-Überwachungsaufnahmen aufgefordert hat, doch die eigenen Satellitenbilder vom Absturzort der MH17 zu veröffentlichen sowie die Funkmitschnitte, dürfte Herrn Kleber aber eigentlich nicht entgangen sein – zumindest wäre diese Information auch analog erhältlich gewesen. Sie hätte grundsätzlich zu einem vorsichtigeren Umgang mit einem solch vermeintlichen Internetwunder führen müssen.

In der Logik des Ignorierens bestimmter Ressourcen im Internet auf der einen und der Überschätzung der dort gefundenen Hinweise, die ins eigene Erwartungsbild passen, auf der anderen Seite lobt Kleber dann noch die neuen Medien als diejenigen, die die Revolution auf dem Tahrir-Platz möglich gemacht hätten – ja, die revolutionäre Kraft wäre gar aus dem Netz gekommen und würde auch nur wieder aus dem Netz kommen können. Auch hier fehlt offensichtlich die konterkarierende Recherche, da nicht wenige Wissenschaftler immer wieder betonen, dass die sogenannten Revolutionen eben nicht mit der Nutzung neuer Medien zu erklären sind – und dass unter anderem das Zusammenspiel neuer und etablierter Medien mit anderen Faktoren für den großen Auftrieb in Ägypten verantwortlich war. Damit sind aber dann schon gar nicht mehr die Entwicklungen in Tunesien, Libyen oder Syrien zu erklären. Drei Fachleute seien hier exemplarisch genannt und auf ihre Expertisen zum Thema verwiesen: Prof. Carola Richter, Dr. Atef Botros und Ivesa Lübben.

Klebers Fehleinschätzung in Sachen Massenmedien unter dem Stichwort „Gutenberg-Parenthese" gegen Ende seines Vortrags, worin er den Schritt über die „Dorfgrenze" hinaus sieht, der Nachdenken und Meinungsbildung erst möglich gemacht hätte, ignoriert historische Tatsachen. In dieser Logik hätte es weder die Entwicklung der griechischen Demokratie, die Hochkultur der Antike, die großen Denker im Nahen Osten, noch andere kulturelle Meisterleistungen in der Geschichte der Menschheit geben dürfen – die Kommunikationswege sind unergründlich und die Erkenntnismöglichkeiten innerhalb der jeweils gegebenen Rahmen offensichtlich auch.

Auch im Netz gibt's nichts umsonst, man bezahlt mit seinen Daten

Diese Binsenweisheit, die sich inzwischen auch außerhalb des Chaos Computer Club und diverser Net-Communities herumgesprochen haben dürfte, füllt eine weitere Passage des Kleber-Vortrags, die man vielleicht lieber mit der Unterüberschrift „Ich kenne Prominente" versehen möchte.

Natürlich ist es ansprechend, wenn ein prominenter Professor bei der Geburtsstunde von Amazon persönlich anwesend war und deshalb das Geschäftsmodell à la „Sag mir, was Du liest, und ich sage Dir, was Du sonst noch kaufen wirst" sofort durchschaut hat. Manch gewählte Metapher zur Verdeutlichung des Denkens dieser Internet-Innovatoren mag jedoch mehr über den, der sie äußert, sagen, als über den Geschäftssinn von Bezos, Zuckerberg oder Eric Schmidt. So meint Kleber etwa: „Präzisionsgeschosse bringen nun mal mehr als Streuung" oder „Blickfeldverengung ist besser als Horizonterweiterung" – aus ökonomischer Sicht, zielgerichtet im Sinne der Werbewirtschaft. Eine Problematisierung von Big Data im Sinne etwa Zygmunt Baumans bleibt Kleber seinen Studierenden hingegen schuldig und man darf wohl von Glück reden, dass der ÖRR, der aufgrund seines Haushaltsüberschusses ja nicht auf jeden Cent gucken muss, nicht geschäftstüchtig noch mehr „Horizonteinschränkung" und Bellizismus als bisher befördern soll. Die Kriegsmetaphorik in Klebers gesamter Vorlesungssprache spricht hingegen Bände.

Beim Wording möchte man sich insgesamt mehr Sensibilität von „Professor" Kleber wünschen. Neben der bereits erwähnten marktgerechten Sprache, die die Unterwerfung des Mediensystems unter Marktgesetze, nicht infrage stellt („Marktplatz der Ideen"), kolportiert auch noch anderer Sprachgebrauch die Sicht der Herrschenden: „Gnadenfrist", „Feinde", „Nigger" (wenn auch in kritischem Kontext), „Finsterlinge" etc. Macht etwa das ZDF keinen Gebrauch vom EBU Diversity Toolkit [PDF – 134 KB]? Diese Sprache passt jedenfalls nicht zum Selbstbild einer Vierten Gewalt, die wie Kleber meint, den „Mächtigen auf die Finger schaut" und Sachverhalte in politische Zusammenhänge einordnet. Man sollte beispielsweise vom „sogenannten Islamischen Staat" sprechen und nicht irgendwelchen Interessierten zuarbeiten, indem man so eine geschickte und suggestive Bezeichnung einfach übernimmt.

Eine Nutzerin unserer Facebook-Seite meinte zum Posting der Antrittsvorlesung, zunächst den Redner wie folgt zitierend: „Auf Dauer könne nur qualitativ hochwertiger und transparenter Journalismus überleben." – „Der Mann hält also seine berufliche Grabrede."

Soweit will ich nicht gehen. Das Nachrichtengucken als Ritual, wie Kleber es mit einem Nachtgebet vergleicht, wird dennoch sicherlich nicht ausreichen, um ein Publikum zu halten oder gar (zurück) zu gewinnen, das sich aufgefordert fühlt, auch selbst mitzudenken. Beim beruflichen Überleben als Professor könnte der Knackpunkt anders gelagert sein, weil die Studierenden kaum Möglichkeiten der Beeinflussung bei der Entscheidung für oder gegen Universitätspersonal haben – und von Anekdoten und Eindrücken aus der Berufspraxis des langjährigen Auslandskorrespondenten dürfte durchaus Interessantes zu erwarten sein. Mit Blick auf die Lehr-Aufgaben am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen ist die Ankündigung Klebers am Schluss seiner Rede auf jeden Fall ermutigend und sympathisch. Er will gemeinsam mit den Studierenden lernen. Hoffen wir, dass er den guten Vorsatz auch umsetzt. Nötig wäre es.

Dr. phil. Sabine Schiffer hat zur Islamdarstellung in den Medien promoviert. 2005 gründete sie das Institut für Medienverantwortung, das sie seither leitet. Sie doziert und publiziert zu den Themen: „Vierte contra Fünfte Gewalt", Kriegsmarketing, Stereotype im Mediendiskurs sowie Medienbildung.



Freitag, 3. Juli 2015

-->> Es wird gern über Fachkräftemangel geklagt. Wer ihn sucht, stellt allerdings fest: #Es #gibt #ihn #gar #nicht

 

 
 

Die Fata Morgana

In Unternehmen und Verbänden wird gern über den Fachkräftemangel geklagt.

Wer ihn sucht, stellt allerdings fest: Es gibt ihn gar nicht.

[via brand eins]

http://www.brandeins.de/archiv/magazin/sinn/artikel/die-fata-morgana.html

- Stünde Axel Haitzer wirklich kurz vor dem Abitur, wäre er frustriert. 250 Unternehmen hat er angeschrieben, und zwar nur solche, die jedes Jahr mindestens drei junge Menschen ausbilden und das im Netz und in Zeitungen inserieren. Er stehe kurz vor der Fachhochschulreife, hieß es in seinem Schreiben. Nun frage er sich, wie es weitergehen solle. Ein Studium? Kombiniert mit einer Ausbildung? Oder eine normale Lehre?

"Bitte geben Sie mir nähere Informationen, welche Perspektiven mir Ihr Unternehmen bieten kann. Informieren Sie mich bitte insbesondere, warum ich gerade bei Ihnen ins Berufsleben starten sollte. Was zeichnet Ihr Unternehmen als Ausbildungsbetrieb besonders aus?"

Immerhin sechs von zehn Unternehmen antworteten, per Mail oder per Brief - in zwei Fällen allerdings nur mit dem Vermerk, dass der Ansprechpartner aus der aktuellen Stellenanzeige "nicht mehr im Unternehmen tätig" sei. Aber auch die wenigen, die sich zu einer ausführlicheren Antwort aufrafften, hatten den Brief offenbar nicht gelesen. Eine Firma dankte dem Absender für seine Bewerbung, obwohl er sich gar nicht beworben hatte. Eine andere informierte ihn unnötigerweise darüber, dass die Ausbildungsplätze vergeben seien. Gern verwies man auf die Web-Seiten und teilte mit, individuelle Fragen aus Kapazitätsgründen nicht beantworten zu können.

Nur wenige Personaler tappten nicht in die Standardantwortfalle, dafür formulierten sie ihren Standpunkt recht deutlich: Man gehe von der möglicherweise altmodischen Vorstellung aus, dass sich die Bewerber beim Unternehmen zu bewerben hätten, formulierte einer spitz. Und der Personalchef eines bekannten börsennotierten Unternehmens setzte seine Unterschrift unter den Satz: "Für uns ist es schwierig zu sagen, warum Sie einer unserer Auszubildenden werden sollten, die Entscheidung liegt bei Ihnen."

Axel Haitzer steht nicht kurz vor der Reifeprüfung. Die hat er bereits 1983 abgelegt. Er ist 52 und Berater. Er hilft Unternehmen dabei, Fachkräfte zu finden und an sich zu binden. Gerade hat er das Buch "Bewerbermagnet" veröffentlicht und mit der Testanfrage Personaler auf die Probe gestellt. Mit seiner Agentur Quergeist ist er einer der Dienstleister, die sich um eines der vermeintlich dringendsten Probleme der deutschen Wirtschaft kümmern: den Fachkräftemangel.

Haitzer nennt ihn ein "modernes Märchen". Und erzählt Anekdoten wie die von dem Unternehmen, das in seiner Stellenanzeige immerhin eine Telefonnummer angibt. Wer sie wählt, wird von einer Stimme vom Band begrüßt: "Wenn Sie eine Frage zu Ihrer Gehaltsabrechnung haben, drücken Sie die 'Eins'. Wenn es um Reisespesen geht, drücken Sie bitte die 'Zwei'..." Wer lange genug durchhält, kann sich am Ende der Ansage immerhin für ein persönliches Gespräch entscheiden.

Nach Haitzers eigenen Erhebungen aus den ersten vier Monaten dieses Jahres war fast in jeder dritten Stellenanzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und in jeder zweiten in der "Süddeutschen Zeitung" erst gar kein persönlicher Ansprechpartner für die Bewerber genannt.

Wer sich so wenig Mühe gibt, den kann der Mangel gar nicht so sehr bedrohen. "Es gibt wohl kaum einen Unternehmer, der sich hinstellen würde und von einem Kundenmangel spräche", sagt Haitzer. Und schon gar keiner käme auf die Idee, von Politikern, Industrie-, Handels- und Handwerkskammern oder Berufsverbänden zu fordern: "Bringt uns Kunden!" Dabei seien auch Fachkräfte genau wie Kunden eine knappe Ressource, und es sei Aufgabe der Unternehmen, die Versorgung mit qualifizierten und motivierten Mitarbeitern zu sichern.

Das klingt einleuchtend. Was aber ist mit den vielen Studien, die die beständigen Klagen von Unternehmen und Verbänden unterfüttern, das Wachstum werde von einem Mangel an qualifiziertem Personal gebremst? Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass der Begriff "Fachkraft" dort häufig schwammig definiert ist, dass der angebliche Mangel je nach Branche, Region und untersuchtem Zeitraum sehr variiert. Und dass hinter dramatischen Daten oft nicht einmal eine repräsentative Umfrage steht.

"Meines Wissens gibt es keine einzige empirisch fundierte Untersuchung, die belegt, wo wir aus welchen Gründen in welchem Maß unter Fachkräftemangel leiden", sagt Joachim Sauer. Er ist Präsident des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) und im Hauptberuf Personalgeschäftsführer und Arbeitsdirektor von Airbus. Studien, die die Zahl der Tage erheben, die es dauert, um eine Stelle neu zu besetzen, kommentiert er mit: "Da sollte man sich mal die Frage stellen, ob man möglicherweise unzureichend rekrutiert - dieser Indikator überzeugt mich nicht."

Jedenfalls nicht, findet Sauer, solange es mehr Arbeitslose gibt als offene Stellen und das Potenzial an nicht erwerbstätigen Frauen - mehr als 600 000 Alleinerziehende leben von ALG II - brachliegt. Und: "Selbst wenn es in einzelnen Regionen oder Branchen Personalengpässe gibt, könnten die Unternehmer kreativ darauf reagieren."

Auch Karl Brenke glaubt nicht an den Fachkräftemangel. Der Ökonom und Soziologe arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und provoziert ganz gern. Und so nahm er die Aufregung sportlich, die entstand, als er Ende vergangenen Jahres einer seiner Untersuchungen den Namen "Fata Morgana Fachkräftemangel" geben wollte - sein damaliger Chef Klaus Zimmermann das aber verhinderte. Der warnte nämlich selbst eindringlich vor dieser Schimäre.

Brenke erklärt in seinem kleinen, vollgestopften Büro im repräsentativen DIW-Gebäude, wie schwierig es ist, dem Fachkräftemangel wissenschaftlich zu Leibe zu rücken. Eine typische Studie, die das Phänomen bei Ingenieuren belegen soll, funktioniert so: Die bei den Arbeitsagenturen registrierten offenen Stellen werden mit sieben multipliziert, weil Unternehmen längst nicht alle vakanten Positionen melden. Dem stellt man die Zahl der Arbeitslosen gegenüber. Ergebnis: Es klafft eine eklatante Lücke zwischen Angebot und Nachfrage.

"Doch der Arbeitsmarkt funktioniert völlig anders", sagt Brenke. Volkswirtschaftlich betrachtet, gebe es eine bestimmte veränderliche Zahl an Beschäftigten. Abhängig zum Beispiel vom "Ersatzbedarf" - wenn Menschen in Rente oder Elternzeit gehen. Oder vom "Expansionsbedarf" - wenn Unternehmen in einer Wachstumsphase zusätzliches Personal brauchen. Dem steht das nicht ausgeschöpfte Potenzial gegenüber: Arbeitslose, Berufsanfänger, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Außerdem die stille Reserve: Frauen, die nach der Elternzeit wieder arbeiten wollen, oder Menschen, die nicht in ihrem erlernten Beruf tätig sind.

Merkwürdig: Viele reden über das Problem. Aber kaum einer tut was dagegen

Daten für ein solch differenziertes Bild sind nicht leicht zu ermitteln. Für Ingenieure - die Berufsgruppe, die beim Thema Fachkräftemangel zuerst genannt wird - hat Brenke das getan. Und dabei keinen Engpass feststellen können. Ein Indiz, das seine These stützt: Wenn ein Gut knapp ist, steigt normalerweise sein Preis. Doch nominal sind die Gehälter der Ingenieure in den vergangenen Jahren kaum gestiegen, berücksichtigt man die Kaufkraft, sogar teilweise gesunken.

Den demografischen Wandel bezweifelt Brenke nicht: Zwischen 2001 und 2009 ist die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um 1,6 Millionen Menschen geschrumpft. Doch gleichzeitig ist die Zahl der Erwerbspersonen - also derjenigen, die einen Job haben oder einen suchen - um etwa eine Million Menschen gestiegen. Wie kann das sein?

Die Erwerbsneigung der Frauen unter 55 hat sich deutlich verstärkt, und bei den über 55-Jährigen nimmt sie bei beiden Geschlechtern zu. Schreibt man beide Entwicklungen fort, sinkt die Zahl der Arbeitskräfte bis 2020 um eine Million, bis 2030 um vier Millionen Menschen. "Damit kann eine Gesellschaft umgehen", sagt Brenke. "Das ist doch das Komische an der Debatte, dass sie dem Kapitalismus immer unterstellt, er sei ein starres System. Dabei kann er flexibel auf Knappheiten reagieren."

So könnte die übertriebene Angst vor dem Mangel paradoxerweise dazu führen, dass er nie eintritt. Allerdings hat das Lamento auch handfeste Gründe: Ein Personalverantwortlicher eines deutschen Großkonzerns formuliert es sehr deutlich, auch wenn er dann doch lieber nicht namentlich genannt werden will: "Es ist eine ideologische Debatte, die das Arbeitgeberlager nutzt, um die Zuwanderungsdebatte in Gang zu halten und über das Angebot an Arbeitskräften die Höhe der Löhne und Gehälter zu beeinflussen." Joachim Sauer vom Bundesverband der Personalmanager drückt es so aus: "Wenn wir einen Fachkräftemangel hätten - was ich bezweifle -, dann frage ich mich doch: Was wird denn dagegen getan?"

Fakt ist: Die deutsche Wirtschaft war in den vergangenen 20 Jahren verwöhnt, musste kaum über Personalmarketing, Weiterbildung ihrer Belegschaften, lebenslanges Lernen und altersgerechte Arbeitsplätze sowie flexible Arbeitszeitmodelle nachdenken. Es gab mehr als genug Nachwuchs, die Bewerber kämpften um die besten Jobs. Nun müssen manche Unternehmen um die besten Bewerber konkurrieren.

Das Cover des "Human Resources Manager", das Fachmagazin des BPM, zierte im Sommer ein Schreiben mit dem Betreff: "Keine Bewerbung als Konstruktionsingenieur". Ein imaginärer Peter M. Schmidt sagt damit einem Unternehmen auf dessen Inserat hin ab. Seine Gründe: Laut Bewertungsplattformen im Internet sei die Unternehmenskultur "ausbaufähig", die Firma biete keine flexiblen Arbeitszeitmodelle, und außerdem vermisse er eine Vertrautheit mit Social Media, dem Internet überhaupt. "Sollten Sie Ihre Defizite in der Zukunft abstellen, können Sie mich gern kontaktieren."

"Die Bewerberfluten der Vergangenheit sind Geschichte - gerade was Talente in den nachgefragten technischen Bereichen anbetrifft", sagt Sascha Armutat von der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e. V. (DGFP). Und in vielen Unternehmen sei man sich dieser Tatsache auch bewusst. Denn die Firmen hätten großen Einfluss darauf, wie knapp die Ressource Arbeit wirklich werde - indem sie Fachkräfte anwerbe, sie ausbilde oder diejenigen reaktiviere, die bereits altersbedingt ausgeschieden seien oder eine familienbedingte Auszeit genommen hätten. Auch sei es in manchen Berufsgruppen denkbar, Arbeitskräfte zwischen Unternehmen, bei denen es boome, und anderen, die gerade nicht so viel zu tun hätten, auszutauschen.

"Die Lösung liegt in einer ganzheitlichen betrieblichen Strategie gegen den Fachkräftemangel, die die Attraktivität des Arbeitgebers bei der neuen Generationen steigert, die Potenziale bisher unbeachteter Bewerbermärkte nutzt und die Employability älterer Arbeitnehmer im Fokus behält", sagt Armutat. Er glaubt, dass in den Firmen ein Umdenken begonnen hat, auch "wenn viele Unternehmen konzeptionell weiter sind als bei der Umsetzung". Die Personalerbranche, die gern mit Anglizismen wie "Employer Branding", "War for Talents" und "High Potentials" um sich wirft, hat auch dafür schon einen geprägt: "Talk Action Gap."

Bemerkenswert ist: Am meisten stöhnen diejenigen Unternehmen über den Fachkräftemangel, die sich bislang am wenigsten um ihre wichtigste Ressource gekümmert haben.

Rudolf Kast hat nie gejammert. Anderthalb Jahrzehnte vorbildliche Personalarbeit bei der Schwarzwälder Sick AG trugen dem Unternehmen etliche Preise und ihm selbst das Bundesverdienstkreuz ein. Fast jeder fünfte Mitarbeiter der Firma ist inzwischen älter als 50, und Kast achtete darauf, dass diese Altersgruppe stets so groß war wie die Gruppe der 20- bis 30-Jährigen. Die Verpflichtung jedes Mitarbeiters zu lebenslangem Lernen hat er im Firmenleitbild festgeschrieben.

In einer Berufsgruppe herrscht tatsächlich fachlicher Mangel: bei den Personalern

Zeitwertkonten, Weiterbildung, Unterstützung bei der Suche nach Kinderbetreuung - all das ist bei Sick selbstverständlich. Kast findet all das, was er in Waldkirch etabliert hat, nicht außergewöhnlich, sondern einfach nur vernünftig.

Mittlerweile hat er sich mit der Personalmanufaktur selbstständig gemacht. Er malt ein differenziertes Bild der Praxis. Er weiß, dass die Auszubildenden zunächst nicht Mangelware sein werden, weil das acht- und neunjährigeAbitur gerade dazu führt, dass zwei Jahrgänge die Schule abschließen. Außerdem fällt noch die Wehrpflicht weg: "Ich rate, auf Vorrat einzustellen."

Doch bereits heute sei es nicht einfach, bestimmte Spezialisten in bestimmte Regionen zu locken. Kast glaubt nicht, dass die meisten Unternehmen kreativ genug in ihrer Personalarbeit sind. Bei den Mittelständlern fehle es an Konzepten. Bei den großen Unternehmen gebe es die zwar, aber die Prozesse dort seien zu bürokratisch und unbeweglich.

Fest steht für ihn: "Die Politik kann da gar nicht viel machen, die Wirtschaft muss selbst aktiv werden." Und seine Kollegen in den Betrieben nimmt er in Schutz: "Viele Personaler sind operativ zu bis über beide Ohren. In der Krise wurde dann noch mal gespart, da hieß es: Wofür brauchen wir so viele Leute im Personalbereich?"

Fachkräftemangel also in der Personalabteilung?

Diese Beobachtung hat auch der Testbriefschreiber Axel Haitzer gemacht: Die Mitarbeiter dort hätten "die administrativen Themen sehr gut drauf. Und natürlich muss die Gehaltsabrechnung oder die Meldung zur Krankenkasse stimmen. Aber das sind typischerweise Leute, die nicht gern kommunizieren." -