Freitag, 22. Februar 2013

Der Staat und seine Schulden sind unser größtes Problem. - Die 7 Standardmythen der Neoliberalen [via tantejolesch.at]

 
Zbigniew Menschinski

Die 7 Standardmythen der Neoliberalen
 
[via tantejolesch.at]
 

"Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag."

An dieses Zitat vom größten "Experten" für Kriegspropaganda, Volksverhetzung und Lüge fühlt man sich erinnert, wenn man die Vorgehensweise der neoliberalen Drückerkolonnen in Politik und Medien in den letzten 25 Jahren betrachtet.

Sieben Glaubenssätze werden seit den Achtziger Jahren von den einschlägigen Meinungseliten im Dunstkreis des großen Geldes unermüdlich wiederholt:

Erstens.
Der Staat und seine Schulden sind unser größtes Problem.

Zweitens.
Privatisierungen sind ein Allheilmittel und Segen für die Menschen.

Drittens.
Die Deregulierung der Arbeits- und Finanzmärkte führt zu Wohlstand für alle.

Viertens.
Zu hohe Steuern treiben die Reichen und ihr Geld aus dem Land.

Fünftens.
Die Reichen und Topmanager sind die eigentlichen Leistungsträger, ihre Einkünfte sind zu gering.

Sechstens.
Die Unterschicht ist dumm und faul und neigt zu "spätrömischer Dekadenz".

Siebtens.
Es gibt eine demographische Lücke; sie lässt sich nur durch Erhöhung der Lebensarbeitszeit schliessen.


Schauen wir uns die sieben neoliberalen Dogmen näher an.

Dogma Nummer 1:
Der Staat und seine Schulden sind unser größtes Problem.

Die Fakten:
Nicht die Staatsschulden haben die Finanzkrise ausgelöst, sondern die exorbitante Privatverschuldung, vor allem in Großbritannien und den USA. In diesen Ländern wurden die Menschen durch Niedrigzins und den Abbau sozialer Netze in die Privatverschuldung gelockt und getrieben. In den USA beträgt die Staatsverschuldung rund 80% des BIP, die Privatverschuldung jedoch ca. 130%. In Großbritannien liegt die Staatsverschuldung bei ca. 60% des BIP, die Privatverschuldung bei sage und schreibe 180%. Zum Vergleich: In Deutschland und Österreich liegt die Staatsverschuldung bei ungefähr 75%, die Privatverschuldung bei 10% des BIP.
(vergleiche: DIE ZEIT Januar 2009)

Nicht jede Art von Staat ist den Neoliberalen ein Greuel. Nur der Sozialstaat ist ihnen ein Dorn im Auge. Den Militärstaat schätzen sie aufs Höchste, schützt und expandiert er doch ihren Einfluss. Der Militärstaat darf aus Sicht der Neoliberalen (in den USA treffender "Neocons" genannt) auch exorbitante Staatsschulden auftürmen. Das zeigen die Amtszeiten von Ronald Reagan und George W. Bush. Die neoliberalen "Chicago Boys" der Milton Friedman-Schule waren begeisterte Berater und Vollstrecker des Diktators Pinochet, als es darum ging, die sozialen und demokratischen Rechte der Chilenen abzuschaffen. Der Durchschnittslohn sank, der Anteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze stieg von 20 auf 44 Prozent (DER SPIEGEL).


Dogma Nummer 2:
Privatisierungen sind ein Allheilmittel und Segen für die Menschen.

Die Fakten:
Privatisierungen sind keineswegs eine Garantie für Effizienz und Qualität. Die Vorgänge beim Bau der Kölner U-Bahn zeigen, wohin der Abbau staatlicher Kontrollen führt. Auf dem Energiesektor betreibt heute ein Oligopol von vier Stromriesen (RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall) eine völlig willkürliche Preispolitik und erpresst die Regierungen.
(wirtschaft.t-online.de).

Durch Schröders Steuerreform 2000/1 und Privatisierungs-Konstrukte wie Cross Border Leasing und Private Public Partnership sind Kommunen wie Gelsenkirchen oder Duisburg an den Rand des Konkurses geraten.


Dogma Nummer 3:
Die Deregulierung der Arbeits- und Finanzmärkte führt zu Wohlstand für alle.

Die Fakten:
Die Deregulierung des Arbeitsmarktes hat ein in der Bundesrepublik bisher nie dagewesenes Lohndumping verursacht. HartzIV und die Lockerung der Leih- und Zeitarbeitsregelungen, durchgepeitscht von Wolfgang Clement, hat zu einem Millionenheer von Beschäftigten mit Tagelöhnerstatus geführt. Bereits 20% aller Beschäftigten erzielen nur noch Minilöhne. Mehr als zwei Millionen Menschen verdienen weniger als 6 Euro brutto pro Arbeitsstunde. Die daraus resultierende Schwächung der Binnennachfrage und Massenkaufkraft sind Gift für die heimische Wirtschaft (meta.tagesschau.de).

Die Deregulierung der Finanzmärkte hat zum Beinahe-Kollaps und einem unbeschreiblichen Chaos geführt. Die Deregulierung hat Schwindelpapieren, Spekulanten und Scharlatanen Tür und Tor geöffnet. Mit Hunderten von Milliarden musste der "verhasste" Staat, also letztlich der Steuerzahler, einspringen, damit die Depots und Banken der Reichsten gerettet werden konnten. Vorerst zumindest.


Dogma Nummer 4:
Zu hohe Steuern treiben die Reichen und ihr Geld aus dem Land.

Die Fakten:
Wohin sollen die Vermögensmillionäre denn fliehen? Nach Frankreich, Holland oder Skandinavien? Nach Großbritannien oder den USA? In all diesen Ländern zahlen sie das Drei- bis Vierfache an vermögensbezogenen Steuern.

Eine Steuerstudie brachte es ans Licht des Tages: rund 7.000 Euro an Steuern entrichtet ein Vermögens-Millonärsehepaar im Schnitt pro Jahr.

Rund 15.000 Euro Steuern bezahlt ein Arbeitnehmerehepaar mit Durchschnittsverdienst und zwei Kindern. Rund 0,9 Prozent vom BIP betragen die vermögensbezogenen Steuern in Deutschland (und Österreich). Hingegen sind es in der Schweiz, in Japan und in Italien 2,5 Prozent, in Frankreich, Kanada, USA rund 3 Prozent und in Großbritannien über 4 Prozent (Quelle: OECD Revenue Statistics 2006).


Dogma Nummer 5:
Die Reichen und Topmanager sind die eigentlichen Leistungsträger, ihre Einkünfte sind zu gering.

Die Fakten:
Die Mehrzahl der bestbezahlten Topmanager sind Leistungsvernichter, nicht Leistungsträger. MÄRKLIN, GROHE, Rosenthal und Dutzende anderer Firmen wurden von sogenannten "Topberatern" filettiert, abteilungsweise verhökert und schließlich in den Konkurs getrieben.

Die globalen Wertpapier-, Fonds- und Bankenmanager haben Abermilliarden in sinnlosen Luxusprojekten verbrannt: Yachthäfen, Privatjets, Immobilien (mit Golfplatz gleich nebenan). Sie verrotten heute oder werden weit unter Wert verscherbelt.

Absurd ist die Mär vom armen deutschen Manager. Deutsche Manager von Großbetrieben erhalten im Schnitt 540.000 Euro pro Jahr, Schweizer Topmanager müssen sich mit 370.000 Euro "begnügen". In Holland erzielt ein Top-Manager gerade mal 230.000 Euro.
(Wbl.).

Nach der Logik der neoliberalen Analysten müssten die Manageretagen in den Niederlanden völlig verwaist sein, und die Wirtschaft des Landes am Rande des Ruins stehen. Nun weist aber gerade Holland seit Jahren bessere Wachstumsraten und eine günstigere Arbeitslosenquote auf als Deutschland.


Dogma Nummer 6:
Die Unterschicht ist dumm und faul und neigt zu spätrömischer Dekadenz.

Die Fakten:
Die Unterschicht ist weder dumm noch faul, sie wird vielmehr seit nunmehr fast dreißig Jahren systematisch um echte Bildungschancen betrogen. Flächendeckende Vor- und Ganztagsschulen fehlen, die Streichung von Schüler-Bafög und die Erhebung von Studiengebühren lassen Talente aus den armen Schichten verkümmern.

Das Selbstwertgefühl der armen Schichten wird seit langem systematisch von den Seichtmedien (RTL, SAT1, BILD, etc.) und den einschlägigen Politkern der Sorte Sarrazin(SPD) und Metzger(GRÜNE) zerredet und erodiert.

Der Anteil der Kinder aus Arbeiterfamilien und aus prekären Familienverhältnissen, die studieren, ist seit 1982 (Abschaffung des Schüler-Bafögs) stetig zurückgegangen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus diesen Schichten ein Studium beginnt, ist inzwischen 14 mal geringer als bei Kindern aus Selbständigen- oder Akademikerfamilien.

Dazu tragen auch die Studiengebühren bei. Studiengebühren halten jedenfalls die Abiturienten vom Studieren ab. Bis zu 18.000 von ihnen entschieden sich im Jahr 2006 wegen der Campusmaut gegen ein Studium, belegt eine Untersuchung des HIS.
(Quelle: www.spiegel.de).


Dogma Nummer 7:
Die demographische Lücke lässt sich nur durch Erhöhung der Lebensarbeitszeit schliessen.

Die Fakten:
Im Jahr 1900 kamen 12,4 Erwerbsfähige (15-64 Jahre) auf eine alte zu versorgende Person (über 64 Jahre), 50 Jahre später nur noch 6,9; nach weiteren 50 Jahren (Jahr 2000) waren es 4,1 und für 2050 werden 2,0 prognostiziert. (Vergleiche M. Schlecht et al., Mythos Demografie)

Man sieht: Bereits seit über 100 Jahren versorgen immer weniger Beschäftigte immer mehr alte Menschen. Seit 1900 unterliegt die Gesellschaft diesem rasanten demographischen Wandel, der nun plötzlich seit einigen Jahren dramatisiert wird, ohne dass auch nur e i n e der heute vorausgesagten Folgen in den vergangenen 100 Jahren eingetreten wäre.

Seit über 100 Jahren nimmt die Produktivität pro arbeitender Person massiv und stetig zu. Der daraus resultierende gravierend zunehmende Output an Waren und Dienstleistungen sorgt selbst bei zurückgehender Beschäftigung dafür, dass auch ein Verhältnis von zwei oder 1,5 Beschäftigten zu einer alten Person sich problemlos meistern lässt, ohne dass bei Beschäftigten oder Ruheständlern irgendwelche Abstriche beim Lebensstandard nötig wären. Im Gegenteil.

Fazit:
Der Lebensstandard kann für alle wachsen, weil Produktivität und Output pro beschäftigter Person seit jeher viel stärker zunehmen als der Beschäftigungsgrad abnimmt. Das Gerede von der "demographischen Lücke" ist nichts weiter als Hysterie und Panikmache, um die Kassen der Privatversicherer zu füllen.


Woher die Verblendung?

Obwohl all diese Fakten jedem zugänglich sind, glauben immer noch viele Menschen an die sieben Standardlügen der neoliberalen Meinungs-Phalanx. Woher kommt das?

Ein Hauptgrund wurde bereits genannt: Die Massenpropaganda der gleichgetakteten Medien von ARD bis ZDF, von WAZ bis WELT, von RTL bis SAT1. Ab einem gewissen Zeitpunkt entwickeln zudem ständig wiederholte Täuschungen aus dem Mund von Meinungsführern eine Eigendynamik. Wird ein bestimmtes Quantum an Berieselung langfristig verabreicht, glauben schliesslich große Teile der Bevölkerung ganz ungeprüft, wie selbstverständlich an die widersprüchlichsten Dinge. Man denke nur an die alle zehn Jahre radikal wechselnden Diät-Mythen.

Einen zweiten Hauptgrund für die lemminghafte Gefolgschaft vieler ökonomischer Laien nennt der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman: "Die jährlichen Gesamtmittel der wirklich unabhängigen wirtschaftswissenschaftlichen Institute belaufen sich auf ein paar zig Millionen Dollar… Dies bedeutet, dass bereits ein paar wenige reiche Spinner in der Lage sind, mit einem von ihnen unterhaltenen Netz von "Denkfabriken", "Forschungseinrichtungen", Stiftungen und so weiter kräftig mitzumischen und eine Wirtschaftsideologie ihrer Wahl salonfähig zu machen." (Paul Krugman, Schmalspurökonomie, Frankfurt/M., 2000).

Die meisten Politiker sind mit wenig Lebenserfahrung aus dem echten Arbeitsleben, aber mit sehr viel ökonomischer Naivität gesegnet. Angela Merkel, Franz Müntefering, Cem Özdemir oder Claudia Roth hingen und hängen mit geradezu gläubiger Inbrunst an den Lippen der modernen Heizdeckenverkäufer vom Schlage eines Jörg Asmussen, Hans Tietmeyer oder Josef Ackermann.

Beim Politiker-Typus Schröder, Fischer, Clement liegen die Dinge etwas anders. Hier lassen sich Narzissmus, Parvenu-Eifer und das nackte Interesse an skrupelloser Bereicherung als treibende Motive nicht völlig ausschliessen.

Auch wenn es dazu bisher keine Studien oder Recherchen gibt: Wer sich im nachhinein ihr Gebaren näher ansieht, wird das Gefühl nicht los, dass sie ihr Gehirn jahrelang jedes Wochenende durch eine Scientology-Waschanlage (auch Managerseminare genannt) gejagt haben. Dass die Erfolgs"ethik" von Scientology und das "Moral"verständnis der Neoliberalen zu annähernd 100 Prozent deckungsgleich sind, dürfte kein aufmerksamer Beobachter ernsthaft bestreiten.



Posted via email from Daten zum Denken, Nachdenken und Mitdenken

Zur Vertiefung!!! #Immer #bereit! [via RotFuchs - Aug 2011] #Freiheitsmedaille für #Merkel

   

Immer bereit!

(RotFuchs - August 2011 - Seite 28)
Immer_bereit_rotfuchs_-_aug_20



Posted via email from Daten zum Denken, Nachdenken und Mitdenken

vertiefend -->> Die #Anweisung, #Hartz IV- Empfänger zu #schikanieren, #kommt #von #ganz #oben [ Man nennt das #genial #innovativ..]

 

Die Anweisung,

Hartz IV- Empfänger zu schikanieren,

kommt von ganz oben

 

[via linkezeitung.de]

http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=1901&Itemid=44
 

Der Verdacht von Hans-Dieter Wege, dass die Argen mittlerweile sich neue Taktiken ausgedacht haben, und fertig gemacht werden soll, stimmt, bzw., das war schon lange so. Die Behörden und erst recht die Arge handeln schon mindestens seit den 80ern nach der Devise

Legal, Illegal, Scheißegal

1986 war ich als ABM-Kraft Schuldnerberater bei der Arbeiterwohlfahrt in Celle und habe eine Schulung für 30 angehende Schuldnerberater bei der AWO durchgeführt. Auf dieser Schulung war der damalige Direktor des Sozialamtes von Osnabrück und hatte berichtet, dass er von oben die Anweisung bekommen hat und die er nach unten weiter geben müsste, dass die Sachbearbeiter bei Anträgen, unabhängig von der Rechtslage, erst einmal ablehnen müssten. Also er bekam die Anweisung aus dem Ministerium, bewusst zu unterschlagen, Rechtsbruch zu begehen. Der deutsche Staat ist sozusagen eine kriminelle Vereinigung, deren Mitglieder sich zu einer kriminellen Handlung, der Unterschlagung, verabredet haben.

Ein Beleg für die menschenverachtende Behandlung seiner "Kunden" durch die Ämter oder Argen wird alleine schon mit den zahlreichen Beispielen in der Linken Zeitung und anderer linken Medien gegeben.

In Paris wohnen die Arbeitslosen schon in Zelten, mit Kindern schlafen die unter den Brücken. Das gibt es auch schon in Ansätzen in Deutschland. Die Ämter treiben die Arbeitslosen in den Selbstmord. Nach Wikipedia stieg die Zahl der Suizidversuche in den letzten Jahren an http://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#Deutschland.

Warum ist dieses menschenverachtende Verhalten des Staates schon Methode? Einmal können sie damit den Arbeitslosen, die Widerspruch einlegen, zu einem unterwürfigen Verhalten erpressen und zum zweiten können sie damit für die Reichen oder für ihre Kriege eine ganze Menge einsparen. Sie versuchen z.B. bei 400.000 Arbeitslosen 200, €uro zu unterschlagen, sind 80 Millionen. 30 sind erfolgreich beim Widerspruch, das sind 6.000 Ocken, und da haben sie noch die Zinsen gespart. Das ist wie beim Monopoly-Spiel. Das gibt wieder 10 Panzer mehr, die man nach Afghanistan schicken kann. Dann fehlen nur noch die 1 €uro-Soldaten. Dann hätte man 2 Fliegen mit einer Klappe gelöst. Zum ersten hätte sich die Wirtschaft der überflüssigen Arbeitslosen entledigt und zum zweiten hätte sie für ihre Handelskriege billiges Kanonenfutter.

Wir sehen, für den kapitalistischen Staat lohnen sich die Unterschlagungsversuche allemal. Deshalb wird er in seinen kriminellen Methoden nicht allzu sehr gestört, wenn wir uns nur auf das Klagen beschränken würden, sondern man müsste schon mit 100 Mitopfern als Zeugen und Reportern das Amt besuchen. Öffentlichkeit, das ist die einzige Sptache, die die Ämter verstehen und wovor es sie graut.

Ein sehr schönes Beispiel über die illegalen Handlungen der  Agenturen für Arbeit, wie sie den ALG-II Empfängern das ihnen zustehende Geld vorenthält und sie zum wohlfeilen Verhalten erpresst, veröffentliche 2005 Ver.di. Hier geben es die Sachbearbeiterinnen zu, dass sie ganz bewusst zu unterschlagen und erpressen versuchen. Eigentlich müssten die Ämter noch wegen seelischer Grausamkeit, Kindesmisshandlungen zum wiederholten Male, Mobbing, Betrug durch Unterschlagung, körperlicher Folter, und, und, und, verurteilt werden.

Nun die leider wahre Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die es nun wahrlich nicht einfach hat, über die Runden zu kommen:

algzwei.jpg"Dienstag, 1. März - es gibt regulär ALG II \n

 

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Donnerstag, 3. März - immer noch kein Geld \nda!

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Ich begebe mich auf das Landratsamt, um mich \nnach dem Verbleib meines Geldes zu erkundigen. Frau X, die zuständige \nAngestellte sucht ewig nach meiner Akte, bis sie sie endlich doch fand und \nfeststellte das keine Sperre des Geldes vorlag.

\n

 

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Sperre dachte ich, wozu - ich hatte mir \nnichts zu schulden kommen lassen. Wird man jetzt schon unschuldig vorverurteilt, \nnur weil man keine Arbeit hat, die es ja auch nicht gibt, oder warum schaut Frau \nX zuerst nach einer Sperre.

\n

 

\n

Wie dem auch sei, dachte ich. Frau X \nversprach jedenfalls das Geld noch heute \nanzuweisen

\n

\n

Freitag, 4. März - kein Geld \nda

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Wovon soll ich meine Wochenendeinkauf \ntätigen, wovon mein Kind ernähren. Mir schnürte es die Kehle zu. Das erste Mal \nin meinem Leben überkam mich das Gefühl der totalen Hilflosigkeit. Ich hatte \nplötzlich unendlich großen Hunger. Ich borgte mir bei Freunden Geld für einen \nkleine Einkauf - nur das Nötigste - versteht sich, man will ja niemanden auf der \nTasche liegen. Aber peinlich war's schon, erklären zu müssen, warum ich sie \njetzt anpumpe.",1] ); //-->

Donnerstag, 3. März - immer noch kein Geld da!

Ich begebe mich auf das Landratsamt, um mich nach dem Verbleib meines Geldes zu erkundigen. Frau X, die zuständige Angestellte sucht ewig nach meiner Akte, bis sie sie endlich doch fand und feststellte das keine Sperre des Geldes vorlag.

Sperre dachte ich, wozu - ich hatte mir nichts zu schulden kommen lassen. Wird man jetzt schon unschuldig vorverurteilt, nur weil man keine Arbeit hat, die es ja auch nicht gibt, oder warum schaut Frau X zuerst nach einer Sperre.

Wie dem auch sei, dachte ich. Frau X versprach jedenfalls das Geld noch heute anzuweisen

Freitag, 4. März - kein Geld da

Wovon soll ich meine Wochenendeinkauf tätigen, wovon mein Kind ernähren. Mir schnürte es die Kehle zu. Das erste Mal in meinem Leben überkam mich das Gefühl der totalen Hilflosigkeit. Ich hatte plötzlich unendlich großen Hunger. Ich borgte mir bei Freunden Geld für einen kleinen Einkauf - nur das Nötigste - versteht sich, man will ja niemanden auf der Tasche liegen. Aber peinlich war's schon, erklären zu müssen, warum ich sie jetzt anpumpe. \n

 

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Montag, 7. März - immer noch kein \nGeld.

\n

Wovon soll ich die Miete bezahlen. Einen \nAnruf beim Vermieter und ihm sagen: ?Eh tut mir leid. Das Amt zahlt die Almosen \nnicht, also ich dir auch keine Miete?". Echt peinlich. Ich schäme mich für meine \nSituation. Ich beschließe mit dem Essen etwas kürzer zu treten. Man weiß ja \nnicht wann das Geld endlich gezahlt wird. Aber wenigstens mein Kind soll nicht \nhungern. Es kann ja nichts dafür.

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Die erste schlaflose Nacht. Ich hab Hunger. \nDennoch ich muß aufs Amt

\n

 

\n

Dienstag, 8. März - mein alltäglicher Gang \nzur Bank - erfolglos. Und ich hatte so gehofft mich nicht wieder wie eine \nBettlerin aufs Amt begeben zu müssen.

\n

Na ja gegen 17 Uhr hatte ich sowieso einen \nTermin. Ich muß meinen Folgeantrag auf ALG II stellen. Da ich ja nun zwei \nAngelegenheiten zu klären hatte, ging ich zwei Stunden eher hin. Natürlich kam \nich doch erst um 17 Uhr dran.

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Montag, 7. März - immer noch kein Geld.

Wovon soll ich die Miete bezahlen. Einen Anruf beim Vermieter und ihm sagen: "Eh tut mir leid. Das Amt zahlt die Almosen nicht, also ich dir auch keine Miete?". Echt peinlich. Ich schäme mich für meine Situation. Ich beschließe mit dem Essen etwas kürzer zu treten. Man weiß ja nicht wann das Geld endlich gezahlt wird. Aber wenigstens mein Kind soll nicht hungern. Es kann ja nichts dafür.

Die erste schlaflose Nacht. Ich hab Hunger. Dennoch ich muß aufs Amt

Dienstag, 8. März - mein alltäglicher Gang zur Bank - erfolglos. Und ich hatte so gehofft mich nicht wieder wie eine Bettlerin aufs Amt begeben zu müssen.

Na ja gegen 17 Uhr hatte ich sowieso einen Termin. Ich muß meinen Folgeantrag auf ALG II stellen. Da ich ja nun zwei Angelegenheiten zu klären hatte, ging ich zwei Stunden eher hin. Natürlich kam ich doch erst um 17 Uhr dran. Bin ich im falsche Film fuhr es mir durch \nden Kopf? Das darf doch nicht wahr \nsein. \n

Frau X war wieder ewig damit beschäftigt \nmeine Akte zu suchen und diesmal fand sie sie nicht. Sie holte sich Kollegin Y \nzu Hilfe. Mit vereinten Kräften fanden sie nach langen Suchen meine Akte und \nmußten feststellen, das keine Überweisung stattfand. Vielleicht auf ein anderes \nKonto sagt Frau Y.

\n

 

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Auf welches andere Konto denn, fragte ich. \nSchließlich bin ich ALG II Empfängerin und kann mir kaum die \nKontoführungsgebühren für ein Konto leisten (Nach der Regelsatzverordnung stehen \neinem ALG-II-Empfänger, der den vollen Regelsatz erhält, übrigens 0,36 Euro pro \nMonat dafür zu). Ich lächelte müde und sagte ich habe nur ein Konto. Leise ganz \nleise fragt ich nun nach einer Barauszahlung. Schließlich so erklärte ich müsse \nich Miete bezahlen und auch meine Tochter bräuchte irgend etwas zum \nEssen.

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Eine Barauszahlung, da waren sich Frau X und \nFrau Y einig - völlig unmöglich. Die Gesetze ließen dies auf gar keinen Fall \nzu.

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Bin ich im falschen Film fuhr es mir durch den Kopf? Das darf doch nicht wahr sein.

Frau X war wieder ewig damit beschäftigt meine Akte zu suchen und diesmal fand sie sie nicht. Sie holte sich Kollegin Y zu Hilfe. Mit vereinten Kräften fanden sie nach langen Suchen meine Akte und mußten feststellen, das keine Überweisung stattfand. Vielleicht auf ein anderes Konto sagt Frau Y.

Auf welches andere Konto denn, fragte ich. Schließlich bin ich ALG II Empfängerin und kann mir kaum die Kontoführungsgebühren für ein Konto leisten (Nach der Regelsatzverordnung stehen einem ALG-II-Empfänger, der den vollen Regelsatz erhält, übrigens 0,36 Euro pro Monat dafür zu). Ich lächelte müde und sagte ich habe nur ein Konto. Leise ganz leise fragt ich nun nach einer Barauszahlung. Schließlich so erklärte ich müsse ich Miete bezahlen und auch meine Tochter bräuchte irgend etwas zum Essen.

Eine Barauszahlung, da waren sich Frau X und Frau Y einig - völlig unmöglich. Die Gesetze ließen dies auf gar keinen Fall zu.

Na mein Gott - bin ich denn eine Verbrecherin - denke ich. Ich will doch eigentlich nur meine "Grundsicherung zum Lebensunterhalt" die mir ja nach §1 SBG II auch zusteht, sagte ich wütend und verzweifelt.

Plötzlich, man hatte wohl Mitleid mit mir, mittlerweile liefen mir leise die Tränen über beide Wangen, gab man mir einen Zettel, auf den stand ich könne mir 100 € an der Kasse der Führerscheinstelle abholen. Ich war entsetzt - 100 € soll ich davon jetzt meinen Vermieter trösten oder uns etwas zu essen kaufen?

Frau X und Frau Y verstanden meine Aufregung nicht - nun hatte ich doch etwas Geld. Sie versprachen wieder das restliche Geld zu überweisen. Ich lächelte müde und wollte gerade gehen da sagte Frau X: "Ach ja da wäre noch was: "Wenn sie ihren Widerspruch zurückziehen würden, gäbe es sicher mit der Überweisung keine Probleme!"

Jetzt schlägts 13, dachte ich. Ich bin plötzlich hellwach und sagte wie von selbst : "Meinen Widerspruch zurückziehen auf gar keine Fall. Sie zahlen mir weniger als mir zusteht, zum Beispiel der Mehrbedarf für mich als Alleinerziehende - immerhin 40€ im Monat- ..Nein meinen Widerspruch halte ich aufrecht". Ich ging ohne zu grüßen. \n

Auf dem Weg zur Führerscheinstelle hatte ich \nausreichend Zeit mich zu sammeln. Das war auch gut so, denn die Dame dort zahlte \ndie 100 ? aus als wäre es ein Lottogewinn gewesen. Eigentlich genug Anlaß um \nsich wieder aufzuregen, aber ich wollte und konnte nicht \nmehr.

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Mittwoch, 9. März - blieb ich den ganzen Tag \nim Haus. Ich war irgendwie depressiv und immer noch total wütend über die \nAnmaßung mit dem Widerspruch.

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Donnerstag, 10. März - kein Geld auf der \nBank.

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Der erste Mahnbrief vom Vermieter munterte \nmich auch nicht gerade auf. Was denken sich bloß Schröder und Co, wenn sie die \nMenschen so unverschuldet ins Elend stürzen, dachte \nich.

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Freitag, 11. März - Immer noch kein \nGeld!!

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Ich ging nach Hause - nun wußte ich nicht \nmehr weiter. Gegen Mittag, das Landratsamt war längst für den Besucherverkehr \ngeschlossen, rief Frau Y mich an. Sie kam ohne Umschweife zur Sache und beharrte \ndarauf. Ich solle meinen Widerspruch zurückziehen. ?Nein sagte ich schon wieder \nauf 180. Ich werde meine Widerspruch nicht zurückziehen. Einen Widerspruch gegen \neinen Bescheid einzulegen ist eine demokratisch legitimierte Sache erklärte ich \nvöllig aufgeregt.",1] ); //-->

Auf dem Weg zur Führerscheinstelle hatte ich ausreichend Zeit mich zu sammeln. Das war auch gut so, denn die Dame dort zahlte die 100 € aus als wäre es ein Lottogewinn gewesen. Eigentlich genug Anlaß um sich wieder aufzuregen, aber ich wollte und konnte nicht mehr.

Mittwoch, 9. März - blieb ich den ganzen Tag im Haus. Ich war irgendwie depressiv und immer noch total wütend über die Anmaßung mit dem Widerspruch.

Donnerstag, 10. März - kein Geld auf der Bank.

Der erste Mahnbrief vom Vermieter munterte mich auch nicht gerade auf. Was denken sich bloß Schröder und Co, wenn sie die Menschen so unverschuldet ins Elend stürzen, dachte ich.

Freitag, 11. März - Immer noch kein Geld!!

Ich ging nach Hause - nun wußte ich nicht mehr weiter. Gegen Mittag, das Landratsamt war längst für den Besucherverkehr geschlossen, rief Frau Y mich an. Sie kam ohne Umschweife zur Sache und beharrte darauf. Ich solle meinen Widerspruch zurückziehen. "Nein sagte ich schon wieder auf 180. Ich werde meine Widerspruch nicht zurückziehen. Einen Widerspruch gegen einen Bescheid einzulegen ist eine demokratisch legitimierte Sache erklärte ich völlig aufgeregt. \n

 

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Frau Y blieb ganz gelassen und erklärte, sie \nkönne nicht verstehen, wieso ich trotzdem ich meinen Widerspruch nicht \nzurückziehen wolle, nun dennoch Geld von Landratsamt \nverlange.

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Jetzt platzt mir die Hutschnur ich muß mich \nberuhigen.

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Es gelingt und ich sage: ?Das Geld, welches \nsie nicht zahlen wollen hängt nicht vom Widerspruch ab. Es steht mir per Gesetz \nzu - lesen sie doch mal im SGB II \nnach".

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Nun gut, sagt Frau Y, ich solle es mir noch \neinmal überlegen, wenn ich nämlich meine Widerspruch nicht zurückzöge, könnte \nich auch keinen neuen Antrag auf ALG II stellen. Sie wünsche mir ein schönes \nWochenende und legte einfach auf.

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Jetzt reichts, dachte ich. So nicht mit \nmir.

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Frau Y blieb ganz gelassen und erklärte, sie könne nicht verstehen, wieso ich trotzdem ich meinen Widerspruch nicht zurückziehen wolle, nun dennoch Geld von Landratsamt verlange.

Jetzt platzt mir die Hutschnur ich muß mich beruhigen.

Es gelingt und ich sage: "Das Geld, welches sie nicht zahlen wollen hängt nicht vom Widerspruch ab. Es steht mir per Gesetz zu - lesen sie doch mal im SGB II nach".

Nun gut, sagt Frau Y, ich solle es mir noch einmal überlegen, wenn ich nämlich meine Widerspruch nicht zurückzöge, könnte ich auch keinen neuen Antrag auf ALG II stellen. Sie wünsche mir ein schönes Wochenende und legte einfach auf.

Jetzt reichts, dachte ich. So nicht mit mir.

Ich rief beim ver.di Bezirk Leipzig-Nordsachsen an und schilderte meinen Fall. Leider mußte ich dort erfahren, dass ich nicht die einzige bin, der man das Geld einfach nicht auszahlt. Natürlich habe ich das Recht bei meinem Widerspruch zu bleiben, bestätigte mir die dortige Rechtsabteilung. Ich muß den Widerspruch nicht zurückziehen, um den laufenden Regelsatz zu erhalten oder gar einen Folgeantrag stellen zu können.

Ich war beruhigt. Ich laß mich nicht so maßregeln. Gleich am Montag starte ich den nächsten Versuch. Ich werde für meine Rechte kämpfen. Tut Ihr es auch! Kämpfen wir alle zusammen für eine sofortige Regelsatzerhöhung.

Wir müssen selbst für unsere Rechte kämpfen. Denn wenn wir es nicht machen, macht es niemand.

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Es ist ein Skandal, wenn man die Ärmsten der \nArmen jetzt auch noch um ihr ALG II bringen \nwill.

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[Redebeitrag auf der \nMontagsdemonstration am 21. März 2005 in Leipzig]

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Norbert Nelte

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www.marktende.de

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Internationale Sozialisten im Netzwerk Linke \nOpposition",1] ); //-->Letzte Bemerkung zum Verschicken der Folgeanträge. Achtung, nicht alle Folgeanträge werden pünktlich verschickt. Ihr müßt Euch selbst kümmern, sonst bekommt ihr im April kein Geld, da die Anträge noch nicht bearbeitet werden konnten. So jedenfalls könnte die Ausrede sein, die man Euch dann auftischt.

Es ist ein Skandal, wenn man die Ärmsten der Armen jetzt auch noch um ihr ALG II bringen will.

[Redebeitrag auf der Montagsdemonstration am 21. März 2005 in Leipzig]

Norbert Nelte

www.marktende.de

nc-nelteno@netcologne.de Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie sie sehen können
Internationale Sozialisten im Netzwerk Linke Opposition

Posted via email from Daten zum Denken, Nachdenken und Mitdenken

vertiefend --->>> #Deutschland - #Niedrigsteuerland [via jjahnke.net]

   

 

Gedanken zur Zeit 1656 28-01-10:

Deutschland - Niedrigsteuerland

http://jjahnke.net/gedanken55.html#nie


Die ständige Diskussion in Deutschland über Steuersenkungen trotz steil ansteigender Staatsverschuldung hat mich nun zu einem neunten Teil meiner "Kritischen Ökonomie" auf Youtube gebracht.

 

 

Posted via email from Daten zum Denken, Nachdenken und Mitdenken

vertiefend -->> Als #Druckmittel auf #Lohnabhängige #eignen #sich d. #Arbeitsmarkt-Reformen #jedoch #ausgezeichnet. [eben #genial #innovativ!!!]

 

Die Arbeitsagentur und Instrumente zur Statistikverschönerung

[via Telepolis]

http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/35/35177/1.html


Reinhard Jellen 03.08.2011

Interview mit dem arbeitslosen Akademiker Lars Okkenga über sein Leben in Hartz IV

Um die Richtigkeit der Hartz IV-Reformen zu beweisen, wird auf die niedrigere Arbeitslosenquote verwiesen. Allerdings werden dort beispielsweise Arbeitslose nicht aufgeführt, die eine sogenannte "Maßnahme" besuchen müssen. Aus diesem Grunde hat sich eine mit staatlichen Geldern finanzierte eigene "Maßnahmenindustrie" entwickelt, die zwar nicht für positive Resultate auf dem ersten Arbeitsmarkt sorgt, aber in erheblichem Maße dazu beiträgt, den Propaganda-Apparat pro Hartz IV am Laufen zu halten. Denn außer, dass die Reallöhne im mittleren und unteren Bereich sinken, während der Niedriglohnsektor zunimmt und sich prekäre Arbeitsverhältnisse ausweiten, hat Hartz IV tatsächlich wenige Effekte auf dem ersten Arbeitsmarkt geriert.

Als Druckmittel[1] auf Lohnabhängige eignen sich die Arbeitsmarkt-Reformen jedoch ausgezeichnet. Auf der Strecke bleiben als "Kollateralschäden" die Menschen, die in die Maschinerie des Hartz-IV-Betriebes geraten und am Existenzminimum ihr Dasein fristen müssen. Mit der ökonomischen ist auch eine juristische Entrechtung verbunden: Hartz IV-Bezieher sind der Willkür ihrer Sachbearbeiter ausgeliefert, werden mit der permanenten Drohung von möglichen Sanktionen[2] (welche eine erhebliche Existenzgefährdung der bedeuten) gefügig gehalten, sind genötigt, 1-Euro-Jobs zu akzeptieren oder und müssen ein ums andere Mal sinnlose "Maßnahmen" über sich ergehen lassen. Telepolis hat mit dem gelernten Soziologen Lars Okkenga ein Gespräch über seine Erfahrungen mit Hartz IV geführt.

Herr Okkenga, Sie haben ihr Soziologie-Studium an der FU in Berlin erfolgreich abgeschlossen, daraufhin keinen Job bekommen und mussten erst einmal Hartz IV beantragen. Von wie viel Geld müssen Sie seitdem leben und wie hat sich ihr Leben verändert?

Lars Okkenga: Seit meinem Leben als Hartz-IV- Empfänger muss ich mit 581,82 Euro monatlich auskommen. Der Betrag setzt sich folgendermaßen zusammen: Regelleistungen: 359 Euro, monatliche Kosten für Unterkunft und Heizung: 225 Euro. Von den 581, 82 Euro gehen noch mal 30 Euro für Gas, 75 für Strom (Warmwasserzubereitung geht bei mir über Strom), und circa 50 für Telefon und Internetflatrate weg. Somit bleiben mir circa 200 Euro im Monat für alles andere. Das sind 6,50 Euro pro Tag.

Durch Hartz IV hat sich mein Leben grundlegend geändert. In der Form, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mir kleine "Freuden" zu gönnen. Man könnte es als Rückzug aus dem sozialen Leben bezeichnen. Jegliche Ausgeben müssen genau überlegt werden - beziehungsweise, es darf erst gar nicht dazu kommen. Hätte ich keine Freunde, die mich in (insbesondere psychischen) Notlagen unterstützen, wäre es noch unerträglicher. Dazu gesellt sich ein dauerhafter Freund, die "Verzweiflung". Das bedeutet einen tägliche Kampf um eine positive Einstellung im Hinblick auf eine Änderung der eigenen Situation. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Die größte Veränderung besteht darin, dass ich mein Leben nicht mehr selbst gestalten kann. Die Fremdbestimmung ist etwas, was mir große Probleme bereitet. Auch deshalb, weil ich meinen Weg von der Hauptschule zum abgeschlossenen Studium selbst gewählt habe.

"Nicht viele Job-Angebote"

Wie viele und welcherart Jobangebote haben sie als Akademiker von Ihrem Sachbearbeiter vermittelt bekommen?

Lars Okkenga: Dafür muss ich etwas ausholen. Da ich hier nichts beschönigen möchte, muss ich sagen, dass ich seit dem Abschluss meines Studiums im Oktober 2007 keine richtige Arbeit finden konnte. Ich übe eine ehrenamtliche Tätigkeit aus. Und nein, ich habe mich nicht nur um Stellen als Soziologe beworben. Welche Jobangebote wurden mir von meinen Sachbearbeitern unterbreitet? Eine sehr geringe Zahl. Von meiner ersten Bezugsperson beim Amt wurde ich in am Tag der Antragstellung sofort in eine Maßnahme gesteckt.

Danach bekam ich meinen ersten "richtigen" Sachbearbeiter, der mich bei unserem ersten Gespräch in eine andere Maßnahme steckte. Von ihm habe ich keine Angebote unterbreitet bekommen. Anschließend hab ich einen Bearbeiter bekommen, der zu meiner Freude die Fähigkeit hatte, selbstreflektiert über seine Arbeit und die Situation seiner "Kunden" nachzudenken, beziehungsweise zu berichten. Wahrscheinlich hat sich das im Amt rumgesprochen und er wurde deswegen in eine andere Abteilung versetzt. Konnte er mich gut beraten? Nein. Aber er hat versucht, meine Qualifikationen zu berücksichtigen.

Von ihm hab ich Angebote unterbreitet bekommen. Wissenswert dazu ist, dass man Angebote zugeschickt bekommt und sich dann innerhalb von drei Tagen bei der Stelle bewerben muss (es sei denn, dem Schreiben vom Amt ist keine Rechtsbelehrung beigelegt). Über das Ergebnis muss man den Sachbearbeiter dann nach spätestens zwei Wochen informieren. Dazu ist ein Antwortschreiben beigefügt. Ich hatte bei ihm das Glück, dass er mir seine E-Mail-Adresse gegeben hat, wodurch diese Prozedur leichter und schneller abgewickelt werden konnte.

Einige der Angebote waren Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter - die ganze Bandbreite, auch Promotionsstellen, et cetera. Viele waren explizit für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen ausgeschrieben, einige für Soziologen mit exzellenten Statistik-Kenntnissen, die ich aufgrund meiner anderen fachlichen Ausrichtung nicht habe. Dazu gesellten sich Angebote als Buchhändler und diverse Hilfsstellen. Angemerkt sei, dass ich nachdrücklich versuche, eine Anstellung im Bereich Buchhandel oder ein Volontariate in einem Verlagen oder einer Redaktionen zu bekommen, da ich der Meinung bin, mich hier sehr gut einbringen zu können.

Meine nächste Sachbearbeiterin hat mir Angebote geschickt, die ich ihr beim Gespräch teilweise auf die Frage, wo ich mich beworben habe, bereits genannt hatte. Darunter auch ein Angebot, welches nicht mehr relevant war, da der betreffende Arbeitgeber pleite ging.

Wie viele Angebote habe ich insgesamt bekommen? Nicht sehr viele. Der erste Sachbearbeiter, der für mich zuständig war, hat mir kein Einziges, der bessere Mitarbeiter dann über zwei Jahre circa 20, und die dritte vier über vier Monate verteilt vermittelt.

Bei meiner letzten Sachbearbeiterin konnte ich auch genau sagen, wann ich Angebote bekommen würde. Denn sie sagte mir im Gespräch, für mich könnte man nicht viel machen, da hätten sie noch ganz andere Fälle. Und sie würde einmal die Woche nach möglichen Stellen suchen. Nach genau einer Woche bekam ich die Angebote und danach nichts mehr. Die Frage ist allerdings, ob das überhaupt so negativ ist? Nach meiner Erfahrung suchen die Sachbearbeiter im Jobportal der Agentur relativ willkürlich und schicken einem dann auch Sachen zu, die nicht passen.

Lars Okkenga.

Wie werden Ihrer Einschätzung nach Akademiker im Vergleich zu anderen Hartz IV-Beziehern behandelt?

Lars Okkenga: Dazu kann ich nicht viel sagen. Da gibt es verschieden Faktoren die reinspielen. Ein gewichtiger Faktor ist immer die persönliche Motivation, Einstellung und Laune des entsprechenden Fallmanagers. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich eine Suche im Internet (Jobcenter, Erfahrungen). Bei Akademikern ist die Behandlung selbst sehr unterschiedlich. Mir wurden Maßnahmen unterbreitet, Kollegen hingegen, die ich kenne, überhaupt nicht. Absprechen kann man aber nicht, dass Ungelernte zum Teil eine wirklich beschissene Behandlung erfahren, die weit über meine bisherigen Erfahrungen geht. Mir ist ein Fall bekannt, wo jemand sich bis zu 40 mal im Monat telefonisch um Arbeit bemühen musste. Da ist bereits die Entwertung des Menschen vollzogen. Zum monatlichen Nachweis über Bewerbungsbemühungen bleibt noch zu sagen, dass nicht klar ist, inwieweit die Gesamtzahl von Bedeutung ist. Was ist zum Beispiel, wenn jemand fünf Bewerbungen monatlich abliefern soll und in einem Monat keine fünf Stellen findet, sich in einem anderen aber auf 10 Stellen bewirbt. Wird der dann sanktioniert?

Wie kommen Sie mit ihrem derzeitigen Sachbearbeiter zurecht?

Lars Okkenga: Mein aktueller Sachbearbeiter hat mit meinen Qualifikationen abgeschlossen. Nach meinem Eindruck bin ich für ihn eine ungelernte Arbeitskraft. Und da in meiner neuen Eingliederungsvereinbarung nicht mehr das Ziel formuliert ist, mich in Bereichen unterzubringen, die meine Qualifikationen entsprechen, sondern nun beabsichtigt wird, mich in andere Gebiete abzuschieben, werde ich nun in den unqualifizierten Bereich gedrängt.

Aufgrund meiner alten Eingliederungsvereinbarung hat er mir zuerst noch ein Angebot als wissenschaftlicher Mitarbeiter unterbreitet, welches sich aber ganz klar und ausdrücklich an Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen richtete. Dann gab es einen Vortrag über Rechte und Pflichten, hauptsächlich Pflichten. Ich wurde behandelt wie ein kleiner Junge, der zu seinen Eltern zitiert wird. Auch hatte ich den Eindruck, dass er selbst sehr unsicher ist und sich krampfhaft an seinen "Vortrag" hält. Ich müsste mich auch um Stellen bemühen, die nicht in meinen Bereich liegen. Mein Hinweis, dass es einen vordefinierten Arbeitsbereich "Soziologie" nicht gibt und ich das im Übrigen auch tue, hat er übergangen. Meine Nachfrage, was denn das für andere Bereiche wären, beantwortete er so: Müll aufsammeln und Wachschutz.

Das man für den Wachschutz eine Sachkundeprüfung nach § 34a GewO[3] benötigt, habe ich nicht erwähnt. Warum nicht? Ganz klar aus Angst. Es war auch das erste mal, dass ich für die Eingliederungsvereinbarung den Raum verlassen musste.

Warum mussten Sie dabei den Raum verlassen?

Lars Okkenga: Eine Frage, die ich mir auch gestellt habe. Ich nehme an, mein Sachbearbeiter und die andere Person, die anwesend war, haben sich beraten, wie sie mit mir verfahren wollen. Und wenn man dabei nicht anwesend ist, kann man hinterher einfach mit den Entscheidungen konfrontiert werden, wodurch sich die Auseinandersetzung vereinfacht, da man ja erst mehr damit beschäftigt ist, die Eingliederungsvereinbarung überhaupt richtig zu interpretieren als sich Gegenargumente auszudenken. Freilich hätte ich mich dagegen wehren können, aber ich war zu überrascht und hinzu kam die Angst vor Sanktionen. Im Endeffekt werden jetzt Versuche unternommen, mich abzuschieben – wohin, kann ich nicht beantworten. Außerdem muss ich nun monatlich erscheinen.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Sachbearbeiter?

Lars Okkenga: Das ist eine zwiespältige Angelegenheit. Ebenso wie bei den einzelnen "Fällen" wird auch auf die einzelnen Sachbearbeiter Druck aufgebaut. In der Form, dass sie angehalten sind, alles zu unternehmen, um Menschen aus der Statistik zu bekommen und zu Sanktionieren. Wie, spielt keine Rolle. Genau genommen sagt der Name "Sachbearbeiter" schon einiges aus. Sie bearbeiten Sachen und keine Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten. Hauptsache Sanktionen.

Ich weiß nicht genau wie sich die einzelnen Sachbearbeiter hinsichtlich ihrer Qualifikationen auszeichnen. Was ich genau weiß, ist nur, dass sie im Bereich Akademiker über keinerlei Wissen verfügen. Zumindest nicht in meinem Fall. Ein Sachbearbeiter hat mir zumindest eingestanden, dass er sich in meinen Bereich überhaupt nicht auskennt und überwiegend eine Verwaltungstätigkeit ausübt.

In welche "Maßnahmen" wurden sie gesteckt? Was hat man sich darunter vorzustellen? Wie oft sind diese Kurse in der Woche? Und was haben Sie dort erlebt?

Lars Okkenga: Mein "Maßnahmenlaufbahn" umfasst: Bewerbungstraining, ein Projekt zur Selbsthilfe, einen Englischkurs und ein Akademiker-Training.

In der Regel läuft dieses so ab, dass man vom seinem Sachbearbeiter einen Vermittlungsschein bekommt - mit den Hinweis, dass die Notwendigkeit einer Förderung festgestellt wurde. Diese Notwendigkeit wird einem ohne vorherige Diskussion einfach so als Tatsache präsentiert. Danach muss man sich beim Träger melden. Problematisch daran ist die Unmöglichkeit, sich über den Träger vorab zu informieren und - falls der Träger fragwürdig erscheint - abzulehnen. Die Kurse finden dann über einen bestimmten Zeitraum, beispielsweise 14 Tage oder drei Monate, in Vollzeit, also von 8-16 Uhr beim Träger statt. Dort gibt es erst mal eine Rechtsbelehrung, wie man sich zu verhalten hat, welche Auflagen bei Zuwiderhandlung drohen und so weiter.

Stellvertretend für die Bewerbungskurse, werde ich über den Ablauf des Akademiker-Trainings erzählen. Am ersten Tag wurde gefordert, ein Stellenangebot zu finden und sich darauf zu bewerben. Weiterhin sollte der Lebenslauf für den nächsten Tag mitgenommen werden. Die folgenden Tage verbringt man dann mit der Überarbeitung der Bewerbung und des Lebenslaufs. Das Schreiben wie der Lebenslauf wird anschließend der Dozentin vorgelegt. Zwischendurch erhält man eine Liste mit Internetadressen für die Arbeitssuche. Dann gibt es Vorträge über die verschieden Formen von Jobinterview, sowie YouTube-Videos[4] von eben diesen. Im Endeffekt werden auf Youtube verschieden Videos von Bewerbungsverfahren (Interview, Kontaktaufnahme mit Arbeitgebern und das Vorstellungsgespräch - wie verhält man sich richtig und wie falsch?) angesehen, damit man lernt, wie man sich am Besten verhält. Es handelt sich einfach um Videobeispiele, zu denen Fragen an die Teilnehmer gestellt werden. Das füllt die ersten Tage aus.

Dann gibt es eine Menge Unterlagen mit Themen wie: Die Sprache der Arbeitgeber, worauf ist zu achten bei einer Bewerbung und so weiter. Sehr schön fand ich dabei die Vorführung der unterschiedlichen Bewerbungsmappen. Die nächsten Tage verbringt man mit dem "Feintuning" der Unterlagen und verschiedenen Gruppenspielen. Am Ende gibt es ein Zertifikat auf dem steht, was alles gemacht wurde. Allerdings stehen da sehr viele Sachen drauf, die in der Form gar nicht stattfanden. Zum Beispiel: "Erstellen eines individuellen Bewerberprofils".

Nach der Maßnahme wusste ich also: Aha, ich bin in der Lage, Bewerbungen zu schreiben. Der Zettel mit den ganzen Internetadressen ist aber nicht vollkommen überflüssig, weil dort auch einige Adressen draufstehen, die mir vorher nicht bekannt waren.

Interessant dabei sind die Einblicke, die man in die "Maßnahmenindustrie" erhält. Mit den richtigen Zertifikaten kann man zum Beispiel einen wunderbaren Job bei einem solchen Weiterbildungsträger erhalten, da die Arbeit an sich keinerlei Qualifikationen erfordert.

Und wie sind Sie damit gefördert worden?

Lars Okkenga: Förderung findet nicht statt. Der Englischkurs war insofern eine Ausnahme, da eine LCCI-Prüfung[5] abgelegt wurde. Das war Ganztageskurs, drei Monate. Problematisch ist dabei aber, diese Maßnahmen im Lebenslauf unterzubringen. Die Situationen im Vorstellungsgespräch, á la "ja, das war 'ne Maßnahme vom Arbeitsamt" versuche ich zumindest zu vermeiden. Die Lücken im Lebenslauf sind dann natürlich ebenfalls suboptimal.

Welchen Zweck verfolgt man nach Ihrer Meinung mit diesen "Maßnahmen"?

Lars Okkenga: Die Maßnahmen, deren ich unterworfen war, verfolgten einzig und allein den Zweck, mich aus der Statistik zu bekommen. Mit Ausnahme vielleicht des Englischkurses. Aber selbst bei dem bin ich mir nicht so sicher.

Was passierte mit ihnen, als Sie sich weigerten eine weitere "Maßnahme" über sich ergehen zu lassen?

Lars Okkenga: Ich hab einmal eine "Maßnahme" zu verweigern versucht. Allerdings nicht in einem heroischen Aufbegehren. Mein ganzer Versuch bestand lediglich in der Nachfrage: "Was ist wenn ich mich weigere?" Woraufhin als Antwort kam: "Dann müssen wir was anderes suchen und da wir gerade nichts haben, schicke ich Sie wieder da hin". Danach folgte bei mir Resignation und aus Angst vor Sanktionen habe ich mich gefügt. Die Verknüpfung zwischen Amt und Weiterbildungsträgern müsste mal untersucht werden. Ich denke, da tun sich Abgründe auf.

Inwiefern?

Lars Okkenga: Ein Sachbearbeiter hat mir zum Beispiel mitgeteilt, dass ich an einer Maßnahme teilnehmen muss, da er den Träger[6] kenne und von dessen Erfolgen persönlich überzeugt sei. Die Fragen, die sich mir dabei stellen, sind: Erfolgt die Zuweisung aufgrund von persönlichen Kontakten zwischen Jobcenter und Träger? Werden die Träger überhaupt überprüft? Und wenn ja (was ich annehme) - in welcher Form und vor allem zu welchen Zeitpunkten? Ich würde mir wünschen, dass anonyme Überprüfungen stattfinden.

Das Jobcenter wird anmerken, dass diese Überprüfungen stattfinden. Das ist insofern richtig, als zum Teil Mitarbeiter bei Trägern vorbeischauen und Dokumente überprüfen. Das merkt man immer dann, wenn beim Träger hektischere Aktivitäten stattfinden. Eine Form von Überprüfung des eigentlichen "Unterrichts" findet nach meiner Erfahrung aber nicht statt. Und wenn ein Träger als erstes nach dem Vermittlungsschein fragt und alle anderen Fragen übergeht, dann finde ich das zumindest etwas merkwürdig. Zumal die Träger selbst sehr schnell mit Drohungen zur Hand sind: Bei Widerstand würde sofort das Jobcenter davon erfahren und man selbst sanktioniert werden.

Sind sie schon einmal sanktioniert worden und was bedeutet dies für ihren Lebensstandard?

Lars Okkenga: Bis jetzt bin ich nicht sanktioniert worden. Wenn das passiert, bedeutet das für mich die Aberkennung meines Lebensrechtes. Ich habe außer Schulden (Bafög und Bildungskredit) keinerlei Geld. Ich bin mir nicht sicher, was ich dann tun soll.

Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Lars Okkenga: Ich hoffe, ich habe überhaupt eine Zukunft! Durch meine neue Eingliederungsvereinbarung wurde mir bereits die Qualifikationen als Soziologe aberkannt, so dass ich mich jetzt darauf einstellen muss eine MAG –Stelle anzunehmen. Mir wurde gar nicht gesagt, was das überhaupt ist. Durch Eigenrecherche hab ich mich mittlerweile darüber informiert. Für Interessierte: MAG steht für eine "Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung bei einem Arbeitgeber".

Kurz: Im Rahmen von vier Wochen wird eine unbezahlte Probearbeit - also ein Praktikum - absolviert. Danach soll es ein bezahltes Beschäftigungsverhältnis entstehen. Wer sich näher damit beschäftigt (auf YouTube[7] gibt es zahlreiche Reportagen darüber), dem wird schwarz vor Augen. In meinem Fall ist es nicht der Unwillen gegen eine solche Beschäftigung oder gegen 1-Euro-Jobs und dergleichen. Das Schlimme ist für mich, dass man sich nicht vorher über den Träger oder Arbeitgeber informieren und dagegen wehren kann. Missbrauchsfälle oder auch die "schwarzen Schafe" sind einfach zu zahlreich.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang "schwarze Schafe"?

Lars Okkenga: Nehmen wir als Beispiel die sogenannten 1-Euro-Jobs. Bei diesen Jobs handelt es sich "um eine sozialversicherungsfreie Beschäftigung bei einem geeigneten Träger. Die auszuführenden Arbeiten müssen zusätzlich, im öffentlichen Interesse und wettbewerbsneutral sein". Nachzulesen auf der Seite der Arbeitsagentur[8]. Betreibt man aber etwas Recherche im Internet, wird man schnell feststellen, dass der Anspruch im "öffentlichen Interesse" vielfach einer sehr flexiblen Auslegung unterliegt. Dazu kommt häufig eine Beschreibung der Tätigkeiten, die in einem Vorstellungsgespräch noch der Ausschreibung entsprechen, in der eigentlichen Tätigkeit aber sehr schnell eine andere Richtung[9] einschlagen.

Kurz: Sehr viele Instrumente der Arbeitsagentur zur Vermittlung von Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt, sind schlicht und einfach Instrumente zur Statistikverschönerung. Ich werde mich auch weiter um eine Stelle, um ein Volontariat oder um ein Praktikum bemühen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Nur im Moment stehe ich vor dem Scherbenhaufen, der mein Leben ist.

Anhang

Links

[1]

http://www.peter-stollenwerk.de/Rede_Davos.pdf

[2]

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31162/1.html

[3]

http://bundesrecht.juris.de/gewo/__34a.html

[4]

[5]

http://www.lccieb-germany.com/germanhome/Prufungsangebot/Prufungsangebot.php

[6]

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31163/1.html

[7]

[8]

http://www.arbeitsagentur.de/nn_25392/Navigation/zentral/Buerger/Arbeit/Ein-E...

[9]

http://www.arbeitslosennetz.de/forum/index.php

Artikel URL: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35177/1.html

Copyright © Telepolis, Heise Zeitschriften Verlag




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(Galgen-) Humor am Montag [via arbeitsunrecht.de]


(Galgen-) Humor am Montag

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"Zeitungen zustellen bedeutet für uns: Bewegung an der frischen Luft, Gehirnjogging und soziale Kontakte pflegen im dritten Lebensabschnitt."
Von Lohn ist in der Anzeige keine Rede. Sieht aus wie ein Witz, ist aber anscheindend echt.

(Gefunden auf nachdenkseiten.de  Mehr (Galgen-)Humor: hier.)



121015_zusteller

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vertiefend -->> Wohlverstandener #Materialismus - Fünf Anmerkungen zur #politischen #Beziehung #von #Armut #und #Einkommen

 

Wohlverstandener Materialismus

Fünf Anmerkungen zur politischen Beziehung von Armut und Einkommen

[via linksnet]
http://linksnet.de/de/artikel/26770
 

»Mehr Geld« – noch immer verströmt dies den Geruch des Niederen, ›bloß Materiellen‹, der falschen Anreize, gar Lebensziele. Dem schönen Schein der materiellen Glücksversprechen auf den Leim gegangen zu sein, wird als Kritik interessanterweise vor allem dann formuliert, wenn es um die Lebensführung des modernen Pöbels und dessen Ausstattung mit »allgemeinem Äquivalent« geht.

Wolfgang Völker untersucht die Motive dieser politisch-moralischen Erziehungsveranstaltung. Der Beitrag ist ein Vorabdruck aus der nächsten Ausgabe der Widersprüche, die unter dem Titel »Hinten anstellen. Zur Regulation von Armut in der aktivierten Bürgergesellschaft« als H. 119/120 im Verlag Westfälisches Dampfboot erscheinen wird.

1. Armutsgrenzen sind Einkommensgrenzen

 Der Zusammenhang von Armut und Einkommen ist in der politischen Debatte über Armut und Arme ein wesentliches Thema. In dieser Diskussion ist man häufig mit einem Paradox konfrontiert: Es gibt kaum eine Diskussion über Armut und ihre Bekämpfung, in der nicht der Satz fällt, dass der Mangel an Geld bzw. Einkommen, also die materielle Dimension doch nicht das eigentliche Problem der Armut sei. Wahlweise wird dann noch hinzugefügt: »Die Armen geben ihr Geld für die falschen Sachen aus«, »Sie können nicht richtig mit Geld umgehen«, »Sie haben andere Probleme: ihnen fehlen Vorbilder, Ziele, Aufgaben, Bildung und Aufstiegswille«.

2010 war das europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. In der Europäischen Union ist man sich darüber einig, dass Armut etwas mit Einkommen zu tun hat. 79 Millionen Menschen leben in Europa unter der Armutsgrenze, die als Einkommensgrenze definiert ist. Es gibt einen Konsens der Definition von Armut als relative Einkommensarmut, und es gibt einen Konsens über die Armutsgrenze bzw. Armutsrisikogrenze. Sie wird von der EU bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens des jeweiligen Landes angesetzt. Auch im wissenschaftlichen Diskurs ist man sich darüber einig, dass Armut wesentlich mit dem verfügbaren Einkommen zu tun hat, und es werden Armutsgrenzen definiert. Die bisher veröffentlichten Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung beziehen sich ebenfalls auf Armutsgrenzen, die in Geld ausgedrückt werden.

In der Armutsforschung unterscheidet man grob zwei Perspektiven: den Ressourcenansatz und den Le-benslagenansatz. Beide sind sich darin einig, dass die Menge des verfügbaren Einkommens die grundlegende Größe ist, die darüber entscheidet, ob jemand arm ist oder nicht. Dass das Leben armer Menschen genauso wie das nicht armer Menschen aus verschiedenen weiteren Dimensionen – wie Wohnen, Gesundheit, Erwerbsarbeit, Verfügung über soziale Netzwerke usw. – besteht, ist bekannt. Bekannt ist auch, dass der Mangel an Einkommen zu einem Mangel oder der Unterversorgung in den anderen Dimensionen führt.

2. »Geld regiert die Welt«

 Politisch interessant ist, warum häufig versucht wird, die Rolle des Einkommens bei der Armutsbekämpfung klein zu reden. Alle wissen, dass sie Geld brauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben vollzieht sich in einer Gesellschaft, deren Reichtum, wie Marx es formulierte, als ungeheure Warenansammlung erscheint – und zu einem gewichtigen Teil über den Kauf dieser Waren. Geld ist in dieser Gesellschaft das allgemeine Äquivalent, das allgemein anerkannte Tauschmittel. Für die Mitglieder dieser Gesellschaft ist die Verfügung über Geld neben der Verfügung über politische, zivile und soziale Rechte wesentlich für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Sind die Gesellschaftsmitglieder als mit Rechten ausgestattete BürgerInnen gleich, so sind sie (nicht nur) als Verfügende über Geld ungleich. Diese Verfügung über Geld eröffnet – ebenso wie das Innehaben von Rechten – Freiheiten. Mit der Menge des verfügbaren Geldes steigt die Wahlfreiheit, wofür das Geld ausgegeben werden kann. Auch wenn die Verfügung über unterschiedliche Mengen an Geld soziale Ungleichheit ausdrückt, hat die Verfügung über Geld auch eine wichtige Gleichheitsdimension. Diese geht verloren, wenn über Armutspolitik die Verfügung über das allgemeine Äquivalent zurückgeschraubt wird. Dass diese Möglichkeit zur Regel der sozialpolitischen Regulation von Armut gehört, lässt sich wahlweise im Sozialgesetzbuch II oder Sozialgesetzbuch XII (inklusive Asylbewerberleistungsgesetz) nachlesen. Als Leistungsarten sind Geld-, Sach- und Dienstleistungen vorgesehen. Für bestimmte Gruppen sind immer auch Gutscheine vorgesehen, neuerdings für die Teilhabe armer Kinder an Bildung, Kultur und Sport. Erhalten BürgerInnen zur Bekämpfung ihrer Armutslage bedürftigkeitsgeprüfte Sachleistungen oder Gutscheine (vielleicht auch noch zweckbestimmt oder nur an bestimmten Orten einlösbar) an Stelle von Geld oder werden auf Tafeln und Kleiderkammern verwiesen, dann sind sie diskriminiert. Sie sind vom allgemeinen Tauschgeschehen ausgeschlossen und unterscheiden sich von der Allgemeinheit. Gleichzeitig wird auch ihre Freiheit und Autonomie beschränkt, die sie, zwar auf niedrigstem Niveau, aber prinzipiell mit der Verfügung über Geld hätten.

3. »Was kostet die Welt?«

 Die Verfügung über Geld hat neben der Dimension der Gleichheit die Dimension der sozialen Ungleichheit und der sozialen Unterscheidung. Wer über mehr Geld verfügt, kann sich mehr und anderes leisten. Das kann auch ein Blick in den letzten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung veranschaulichen. Ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren gilt dort als arm, wenn es weniger als 1 640 Euro und als reich, wenn es 6 863 Euro und mehr im Monat zur Verfügung hat. Es dürfte unbestreitbar sein, dass sich die Handlungsspielräume der beiden Familien im Alltag deutlich unterscheiden.

Wenn nun darauf hingewiesen wird, dass die reiche Familie ja sicher in einer ganz anderen Gegend wohnt, viel mehr für Miete oder Wohneigentum zahlt, sicher höhere Kosten für Benzin und Kfz-Steuer hat oder gar zwei Autos und eine Ferienwohnung finanzieren muss, sowie dass die Ausgaben für Kultur, Bildung und gesundheitsfördernden Sport höher als bei der armen Familie sind, dann befindet man sich mitten drin im Problem von Einkommen, Armut und sozialer Ungleichheit. Hier stellt sich schnell die Frage, wer was für seine Lebensführung braucht und wie viel er oder sie dafür ausgibt.

Armutspolitisch landet man mit dieser Frage bei der Bedarfsbemessung der Regelsätze im SGB II/SGB XII. Auch hier spielt Einkommen eine wesentliche Rolle. Im Rahmen des Statistikmodells der Bedarfsbemessung wurde bisher mit Hilfe der Auswertung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe betrachtet, wie viel die Ein-Personen-Haushalte der unteren 20 Prozent der bundesdeutschen Einkommenshierarchie für ihren Lebensunterhalt ausgeben. Aus diesen Auswertungen wurden die Regelsätze abgeleitet. Zu dieser Ableitung gehörte und gehört es, nicht alle Ausgaben als relevant für das physische und soziokulturelle Existenzminimum von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anzusehen.

Trotz der Klarstellung des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2010, dass hier keine Willkür und keine Schätzung ins Blaue hinein zulässig sind, wird vom zuständigen Ministerium weiter so gerechnet, dass die Bekämpfung der Armut nicht zu teuer kommt. Da werden die unteren 20 Prozent der Einkommenshierarchie mit den unteren 15 Prozent ersetzt, da werden u.a. Ausgaben für Tabak, Bier und Schnittblumen als nicht wesentlich für das Existenzminimum herausgerechnet und prophylaktisch für die jährliche Fortschreibung der Regelsätze neben der Preisentwicklung auch die Lohnentwicklung herangezogen. Die Bedarfsbemessung innerhalb des Statistikmodells ist durch die Fokussierung auf das Ausgabeverhalten der untersten Ein-kommensgruppen, das als Grundlage für die Bedarfsermittlung gilt, grundsätzlich beschränkt. Sozialleistungen, deren Aufgabe als Armutsvermeidung beschrieben wird, landen so in weiten Teilen auf einem Niveau unterhalb der definierten Armutsgrenzen.

4. »Wer arbeitet, soll mehr haben als jemand, der nicht arbeitet«

 Erwerbsarbeit wird in der Regel als Königsweg aus der Armut gesehen. Durchaus auch von Armen selber. Wenn das gelten soll, dann muss das Einkommen aus dieser Arbeit auch mindestens so hoch sein, dass die Armutsgrenzen überschritten werden. Das Prinzip »Arbeit um jeden Preis« ist keine Armutsbekämpfung, sondern eher die Förderung von Armut. Die armutspolitische Diskussion um das Verhältnis von Einkommen und Sozialleistungen, die das Existenzminimum sichern sollen, führt regelmäßig auch zur Frage des so genannten »Lohnabstandsgebots«. Das Bundesverfassungsgericht hat sich in seiner Entscheidung zur Bedarfsbemessung der Regelsätze im SGB II und SGB XII nicht geäußert. Optimistische Interpretationen des Urteils sahen das Lohnabstandsgebot damit schon auf dem Müllhaufen der Geschichte. Die politische Diskussion hat es aber schnell wieder auf die Tagesordnung gesetzt, und das mantrahaft vorgetragene Argument, wer (lohn)arbeitet, solle mehr haben als die, die nicht (lohn)arbeiten, scheint nicht an Überzeugungskraft zu verlieren.

Zwar wird in sozialwissenschaftlichen, sozialrechtlichen und sozialpolitischen Diskussionen durchaus die Position vertreten, dass die Lohnhöhe und die Höhe des soziokulturellen Existenzminimums unterschiedlich zu betrachten seien. Löhne haben nicht die Funktion, einen letztlich normativ gesetzten, an den gegebenen gesellschaftlichen Umständen orientierten soziokulturellen Bedarf, der der Menschenwürde entsprechen soll, zu bezahlen. Gleichwohl bestimmt die Höhe von grundsichernden sozialstaatlichen Leistungen (und die Bedingungen, an die sie geknüpft sind) den Grad der Freiheit von lohnabhängig Arbeitenden, nicht »um jeden Preis« arbeiten zu müssen. Um diesen sozialen und politischen Konflikt zwischen Kommodifizierung oder Dekommodifizierung der Ware Arbeitskraft geht es letztlich, wenn das Lohnabstandsgebot in der armutspolitischen Diskussion verwendet wird.

Wichtig und folgenreich sind politisch allerdings auch die darin zum Tragen kommenden Gerechtigkeitsvorstellungen, die an Prinzipien einer auf dem Arbeitsethos beruhenden Tauschgerechtigkeit anknüpfen und geeignet sind, die traditionsreiche, mehr oder weniger latente Unterscheidung von würdigen und unwürdigen Armen wieder zu beleben. Diese Gerechtigkeitsvorstellungen sind anschlussfähig an Armutspolitiken, die auf niedrige Sozialleistungen mit hohem Druck zur Arbeitsaufnahme setzen. Die damit verbundenen Schwierigkeiten für eine an egalitären Vorstellungen orientierte Politik werden durch die Ausweitung von Niedriglohnbeschäftigung und prekären Arbeitsverhältnissen sogar noch verstärkt. Alle politischen Vorschläge, die in Richtung garantierter existenzsichernder Einkommen – sei es auf Basis von Lohn oder Transferleistung – zielen, haben mit diesem Problem zu kämpfen und sind dennoch emanzipatorisch, weil sie sich dem Dogma der Kommodifizierung, d.h. von »Arbeit um jeden Preis« verweigern. Der Streit über das rechte Maß des Verhältnisses von Einkommen aus Lohnarbeit und Transfereinkommen ohne Lohnarbeit zeigt, wie nützlich die Armut politisch gegenüber denjenigen ist, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.

5. Geld macht glücklich? Geld macht nicht glücklich?

 Der Slogan des Hamburger Spendenparlaments lautet »Geld macht glücklich«, Sozial- und andere Lotterien versprechen, dass man mit Geld Wünsche erfüllen kann. Sigmund Freud meinte, Geld macht nicht glücklich, weil es sich dabei nicht um einen typischen Kinderwunsch handele. Interessanterweise wird, wie eingangs erwähnt, die Vorstellung von mehr Geld in den Händen von armen Haushalten des Öfteren nicht mit Glück assoziiert, sondern mit autoritären Bevormundungsphantasien.

Nun kann man, wie hier versucht, gegenüber solchen Arme abwertenden und Armut kulturalisierenden Argumenten darauf bestehen, dass es erstens nicht Aufgabe des Staates ist, die BürgerInnen zu erziehen und dass zweitens die Verfügung über mehr Geld eine befreiende Wirkung mit sich bringt. Meine These lautet: Hätten Arme mehr Einkommen, wäre für die Mehrheit von ihnen das Armutsproblem gelöst. Sie wären von etlichen Sorgen befreit. Falls sie noch andere Sorgen gesundheitlicher oder psychosozialer Art haben, muss es entsprechend gute professionelle Angebote geben, bei und mit denen sie diese Sorgen los werden können.

Nun kann in der Argumentation aber noch einen Schritt weiter gegangen werden. Wenn politisch damit ernst gemacht werden soll, dass mehr Geld für private Haushalte die mit Armut verbundenen Beschränkungen nicht löst, dann bietet sich als Alternative der freie Zugang zu öffentlichen Gütern und deren Ausbau im Sinne einer Infrastruktur für alle an. Allen, die meinen, dass mehr Einkommen Armen nichts nütze oder gar schade, kann so der Vorschlag zur Güte gemacht werden: kostenfreie Bildung, kostenloses Essen in Kita und Schule, kostenlose öffentlich geförderte Kultur und Gratismobilität im Nahverkehr sowie Schritte zur Dekommodifizierung des Wohnens. Eine solche Politik der Förderung der öffentlichen Güter für alle hat den Vorteil, dass sie in der Armutspolitik gängige Diskriminierungen über Bedürftigkeitsprüfungen vermeidet und nicht Sonderbedarfe und -programme gegen Armut, sondern einen anderen Reichtum der Lebensbedingungen für alle zur Diskussion stellt. Die Frage, ob Geld glücklich macht oder nicht, kann vor diesem Hintergrund offen bleiben.

Fest steht jedoch: Arbeitslosengeld II macht nicht glücklich.

6. Kaufmännischer Abschluss

Die Beziehung von Armut und Einkommen lässt sich auch unter der Fragestellung betrachten, wie teuer dem Staat die Verwaltung der Armut ist. Das 2010 beschlossene Kürzungspaket sieht kräftige Kürzungen zu Lasten von Haushalten von Armen, Geringverdienenden und Erwerbslosen vor. Die Kürzungen belaufen sich bis zum Jahr 2014 auf 4,5 Mrd. Euro durch effektivere Vermittlung in Arbeit plus 7,2 Mrd. Euro durch Abschaffung der Beiträge zur Rentenversicherung für SGB II-Berechtigte plus 2,4 Mrd. Euro faktische Streichung des Elterngeldes für SGB II-Berechtigte und 0,12 Mrd. Euro Kürzungen beim Wohngeld.

Demgegenüber rechnet die Bundesregierung bis zum Jahr 2014 mit Mehrkosten von 2,86 Mrd. Euro für das so genannte Bildungs- und Teilhabepaket und 1,47 Mrd. Euro für die Regelsatzerhöhung, macht zusammen 4,74 Mrd. Euro. Den Kürzungen in Höhe von 14,22 Mrd. Euro stehen also Ausgaben in Höhe von 4,74 Mrd. Euro gegenüber. Das ergibt 9,48 Mrd. Euro »Einsparungen« auf Kosten von Armen, Geringverdienenden und Erwerbslosen.

Wie schrieb doch Ernst Bloch: »Was tun Sie? Fragte ich. Ich spare Licht, sagt die arme Frau. Sie saß in der dunklen Küche, schon lange. Das war immerhin leichter, als Essen zu sparen. Da es nicht für alle reicht, springen die Armen ein. Sie sind für die Herren tätig, auch wenn sie ruhen und verlassen sind«. (Ernst Bloch: »Die Arme«, in: Spuren, neue erweiterte Ausgabe, Frankfurt 1969, S. 21)

erschienen im express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 6/11

express im Netz unter: www.express-afp.info, www.labournet.de/express

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