Mittwoch, 29. Juni 2011

Die #deutschen #Forderungen #an das #Ausland #übersteigen die #Verbindlichkeiten um fast #700 Milliarden Euro.


Bankrotteure bitten zur Kasse

Hintergrund. Wie, warum und bei wem nehmen Länder Kredite auf?

Wer muß sie letztlich zurückzahlen, und wer profitiert davon?

Über Mythen und Wirklichkeit im Zusammenhang mit Staatsschulden

Von Jürgen Leibiger
 
[via Junge Welt]
 

Deutschland hat zwei Billionen Euro Schulden, lesen wir, das sind ungefähr 24000 Euro für jeden Einwohner. Deutschland? Jeder Einwohner? Ich habe keine Schulden. Nun, der Staat sei bei seinen Bürgern verschuldet. Schulden bei mir? Nicht, daß ich wüßte! Und wieso soll ich Gläubiger der Staatsschuld und zugleich Schuldner sein?

Kann das mal jemand erklären? Sind die BRD oder ihre Bürger vielleicht gegenüber dem Ausland verschuldet? Eigentlich nicht, im Gegenteil. Die deutschen Forderungen an das Ausland übersteigen die Verbindlichkeiten um fast 700 Milliarden Euro. Es ist verrückt: Was man in einigen Zeitungen zu lesen und von manchen Politikern darüber zu hören kriegt, macht einfach keinen Sinn.

Wenn die Bundesfinanzagentur, die das Schuldenmanagement des Bundes betreibt, Schuldenpapiere verkauft, tut sie das nicht auf mein Geheiß und sie verkauft diese auch nicht an mich. Sie agiert im Auftrag der Bundesregierung, die zwar vorgibt, dabei meine Interessen zu vertreten, aber so ganz sicher bin ich mir da nicht. Und weil ich wie die meisten Bürger gar kein Geld habe, um Bundesanleihen zu kaufen, müssen es andere sein, die das tun.

Ungefähr die Hälfte der Staatsschuldenpapiere Deutschlands besitzen ausländische Banken, Pensionsfonds, andere Staaten und ausländische Privatpersonen. Die andere Hälfte gehört Banken, Versicherungen, diversen Vermögensfonds, Beziehern hoher Einkommen und Besitzern großer Vermögen im Inland. Halten wir also zunächst fest: Die Regierung verschuldet sich, und sie tut das, ohne mich zu fragen, in meinem Namen. Und die Gläubiger, diejenigen, die der Regierung Geld leihen und damit Renditen einfahren, sind diejenigen, die sowieso schon das meiste verdienen und besitzen. Sie verwenden diese handelbaren Papiere sogar wie Geld, können sie be- oder verleihen und machen damit noch mal Profit.

Refundierung der Schuld

Und ich bin derjenige, der mit seinen Steuern die Zinsen bezahlen muß. Na ja, vielleicht bin ich es auch nicht. Wenn eine Bundesanleihe fällig wird und die laufenden Zinsen zu entrichten sind, fragt sich die Bundesregierung, warum soll sie gerade jetzt die Steuerzahler, von denen sie ja wiedergewählt werden will, dazu heranziehen? Sie nimmt also lieber einen neuen Kredit auf und begibt eine neue Anleihe. Das wird nicht an die große Glocke gehängt, kaum jemand merkt es. Die Schuldentilgung überläßt sie künftigen Regierungen und Steuerzahlern, so wie die früheren Regierungen auch ihr Kreditverpflichtungen hinterlassen haben. Eigentlich ganz bequem.

Das Verfahren (Refundierung der Schuld) ist uralt. Es funktioniert so lange, wie mögliche Anleihekäufer genug überschüssiges Finanzvermögen haben und überzeugt sind, daß sie ihre Zinsen bekommen und am Ende den Anleihebetrag zurückkriegen. Außerdem sollte sich der Kauf einer Staatsanleihe mehr als andere Geldanlagen lohnen, zumindest aber sicherer sein.

Dieser Mechanismus funktioniert auch im privaten Bereich, wenn ein Fondsverwalter immer aufs neue willige und liquide Anleger überzeugen kann, ihm ihr Geld anzuvertrauen. Er zahlt damit seine »älteren« Gläubiger aus, obwohl der Fonds, in den eingezahlt wird, vielleicht gar nicht profitabel verwendet wurde. Vor einiger Zeit hatte der US-Finanzier Bernard Madoff ein solches Pyramidenspiel im Kettenbriefverfahren mit Superreichen aufgezogen. Es wird nach einem ähnlichen Betrüger aus den 1920er Jahren auch Ponzi-Spiel genannt. Madoff genoß als ehemaliger Vorsitzender der Nasdaq-Börse das Vertrauen der Anleger, bereitwillig übergaben sie ihm ihre Finanzen. Sein Spiel flog auf, als in der Krise trotz seiner Reputation niemand mehr Geld bei ihm anlegen konnte und wollte.

Die Pyramide brach zusammen, er konnte den Schuldendienst nicht mehr aus neuen Anleihen bezahlen und wanderte in den Knast. Seine Gläubiger verloren nicht weniger als 50 Milliarden Dollar. Auch beim Anleihegeschäft des Staates sind die Existenz liquider Privatmittel im Inland (zur inneren Verschuldung) und/oder im Ausland (äußere Verschuldung) und das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit die entscheidenden Voraussetzungen dafür, daß eine wachsende Staatsschuld tragbar bleibt. Madoff hatte gar nicht so unrecht, als er aus dem Gefängnis heraus seine Kritiker angiftete, der ganze Staat sei ein Ponzi-Game.

Aber ich habe in diesem Spiel die Arschkarte gezogen. Wenn es die Regierungen immer weiter betreiben, steigt die Verschuldung. Und wo es wachsende Verbindlichkeiten gibt, da gibt es wachsende Vermögen. Ich bin also am Ende der Schuldner, und andere sind die Gewinner. Halt, sagt man mir, du bist auch ein Gewinner, weil die Regierung mit den Krediten Investitionen vorgenommen und das öffentliche Vermögen gemehrt hat. Schön wär's! Das öffentliche Bruttovermögen – dessen Miteigentümer ich angeblich bin – ist zwar größer geworden, aber die Schulden sind viel stärker gestiegen. Der Saldo, das Reinvermögen des Staates, hat sich von 800 Milliarden Euro Anfang der 1990er Jahre auf 192 Milliarden Euro im Jahr 2009 (aktuellere Zahlen liegen nicht vor) verringert, die BRD ist verarmt.

Und wo ist das ganze Vermögen hin? Nun, die Banken haben ihr Reinvermögen auf 450 Milliarden Euro etwa verdreifacht und die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften um etwa 50 Prozent auf 1,5 Billionen gesteigert. Das meiste Vermögen liegt bei privaten Besitzern, die vor zwanzig Jahren über reichlich vier Billionen Euro verfügten und deren Reinvermögen sich auf 8,5 Billionen mehr als verdoppelte, was einer jährlich vierprozentigen Verzinsung entspricht. Und es ist kein Geheimnis, daß diese Güter höchst ungleich verteilt sind. Den oberen zwei Zehntel der Bevölkerung gehören 80 Prozent davon, dem reichsten Zehntel allein über 60 Prozent.

Die unteren Schichten haben nichts und weniger als nichts, sie sind wie der Staat verschuldet. Die Formel »öffentliche Armut bei privatem Reichtum« ist also höchst überarbeitungsbedürftig; öffentlicher und privater Armut steht der ungeheure private Reichtum weniger gegenüber. An dieser Verteilungsspirale haben die Regierungen eifrig mitgedreht. Jahr für Jahr fließen den Staatsgläubigern je nach Zinsstand zur Zeit zwischen 60 und 70, in den kommenden Jahren sogar bis an die 100 Milliarden Euro zu – jedes Jahr, wohlgemerkt. Das sind in den letzten zwanzig Jahren über 1,3 Billionen Euro, die der Staat zum Aufpumpen der Vermögensblase beigetragen hat. Die müssen zwar versteuert werden, aber ohne daß etwas übrig bleibt, werden die Besitzenden dem Staat wohl kaum Geld leihen, ganz davon abgesehen, daß sie die Regierungen dazu gebracht haben, ihre Steuern immer weiter zu senken.

Abhängigkeit vom Finanzkapital

Und dann gibt es noch die Aasgeier der Finanzwelt, die am Abfall der Schulden verdienen. Die Gläubiger wollen sich vor einem Kreditausfall schützen, und diese Versicherungen, die Credit Default Swaps, kosten Prämien. Wenn die Versicherer, diverse Spekulanten und die Rating­agenturen die Zahlungsfähigkeit eines Staates schlechtreden, können höhere Prämien kassiert werden. Bei ihren Zinsforderungen berücksichtigen das die Käufer der Anleihen – und der Staat muß höhere Zinsen zahlen.

Am Ende kommt es vielleicht genau wegen solcher Spekulationen zu Zahlungsschwierigkeiten. Deutschland ist zwar momentan davon nicht betroffen, bei einigen Euro-Ländern ist das jedoch der Fall. Hier zeigt sich in besonders eklatanter Weise die Abhängigkeit eines verschuldeten Staates von den Finanzjongleuren, die den Kreditmarkt beherrschen. Der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber forderte sogar die »Disziplinierung« der Politik durch »den Markt«. Den Schaden haben die Steuerzahler; ganz zu schweigen von der Demokratie.

Manche sagen, es sei gut, wenn sich der Staat verschuldet, weil damit ein intergenerativer Lastenausgleich stattfinde. Wenn zum Beispiel eine Brücke mit Steuergeldern gebaut worden war, hatte er damit die damalige Generation belastet, und auch ich hätte heute den Nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Das wäre doch ungerecht. Aber egal, ob steuer- oder kreditfinanziert, die Vorfahren hätten diese Kosten auf jeden Fall tragen müssen, weil man von noch nicht Lebenden nichts borgen kann. Wenn der Staat ein Vorhaben mit Krediten finanziert, sind seine Gläubiger immer Angehörige der existierenden Generation, und die Güter und Leistungen, die er braucht, sind ebenfalls von ihr produziert.

Ob steuer- oder kreditfinanziert, die öffentliche Investition wird immer – von Auslandskrediten abgesehen – von der jeweils lebenden Generation bezahlt. Es kann also nicht richtig sein, einfach nur verschiedene Altersstufen zu unterscheiden. Vielmehr müssen Gläubiger und Schuldner, im speziellen Fall Steuerschuldner, in damaligen, gegenwärtigen und künftigen Generationen unterschieden werden. Meine hat nicht nur die Staatsschulden von damals geerbt, sondern – abgesehen vom öffentlichen Vermögen, das mit diesen Investitionen geschaffen wurde, wenn es denn geschaffen wurde – natürlich auch die damit untrennbar verbundenen Forderungen.

Nur das in der heutigen Generation eben die Erben der reichen Gläubiger und die Erben mit der Arschkarte unterschieden werden müssen. Die Steuerschuldner zahlen den Kredit an die Erben der Staatsgläubiger zurück. Schuldensumme und Forderungssumme sind innerhalb jeder Generation gleich groß.

Der Nutzen aus öffentlichen Investitionen steht in keinem Bezug zu Laufzeit, Verzinsung und Tilgung der Verbindlichkeiten aus Staatspapieren. Außerdem wird diejenige Generation der Steuerzahler, bei der diese Schuld schließlich zur Tilgung ansteht, keineswegs gerecht behandelt, weil sie allein belastet wird (die Erben der Gläubiger verbuchen das in dieser Zeit als Einnahme), während die nachfolgenden und die Zwischengenerationen nur den Nutzen und keine Kosten haben. Erfolgt keine Tilgung, sondern nur eine Refundierung der Schuld, leisten die künftigen Steuerzahler den Schuldendienst weiter, obwohl die Vermögen, in die vor Jahrzehnten investiert wurde, vielleicht gar nicht mehr existieren. Die Brücke ist womöglich längst zusammengebrochen, weil wegen der Zinsbelastung das Geld zu ihrem Erhalt gefehlt hat.

Ist es in den Unterhalt einer Armee von Erwerbslosen geflossen (von anderen Armeen ganz zu schweigen), die nicht beschäftigt wurden, weil sie zu wenig Profit erwirtschaftet hätten, sind die kreditfinanzierten Mittel aufgezehrt, konsumiert worden. Das Erwerbslosenheer von vier Millionen Menschen kostete im vergangenen Jahrzehnt dem Staat jährlich zwischen 70 und 90 Milliarden Euro. Ohne diese Ausgaben hätte er locker ausgeglichene Haushalte hinlegen können. Und all das soll vernünftig und gerecht sein?

Steuern oder Schulden

Die Regierung hätte die Mittel für öffentliche Investitionen auch über Steuern auf jenes Vermögen aufbringen können, aus dem diese Kredite gespeist worden waren. Zieht sie eine Schuldenaufnahme vor, handelt es sich lediglich um diejenige Finanzierung, die politisch am ehesten durchgesetzt werden kann. Die Staatsgläubiger gehören in der Regel jener Schicht an, die über die Mittel verfügt, die auch für eine Steuerfinanzierung zur Verfügung stünden. Aber dies ist zugleich jene Schicht, die über den politischen Einfluß verfügt, eine höhere Besteuerung ihrer Einkommen und Vermögen zu verhindern oder sogar Steuersenkungen für sich durchzusetzen.

Also nehmen die Regierungen bei ihnen lieber Kredite auf. Zu einer solchen Geldanlage sind die Vermögenden gerne bereit, denn die vom Staat angebotene Verzinsung ist akzeptabel und sicher; man kann sich die Hände reiben. Ein guter Teil der Steuersenkungen für sie wurde durch Steuer- und Abgabensteigerung sowie Gebührenerhöhung an anderer Stelle wieder herausgeholt. Das »Netto vom Brutto« hat sich bei den Arbeitseinkommen kontinuierlich verringert (nur bei den Schwerverdienern wurde durch Senkung der Spitzensteuern gegengehalten), während es sich bei den Kapitaleinkünften sukzessive erhöht hat.

Das Argument der Gerechtigkeit zwischen Generationen ist also nur vorgeschoben. Gerecht wäre es, wenn angesichts des vorhandenen Reichtums der Vermögenden diese nicht in Form von verzinslichen Staatsanleihen, sondern durch Anhebung der progressiven Steuerkurve am oberen Ende sowie durch eine angemessene Besteuerung der Kapitaleinkommen, Vermögen und Vermögenstransfers stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens herangezogen würden.

Zu den Legenden über die Verschuldung gehört auch die These, wir lebten »über unsere Verhältnisse« und müßten deshalb sparen. Wie die Analyse gezeigt hat, sind nicht einfach »wir« verschuldet, und es sind auch nicht »die« Bürger Nutznießer oder Gläubiger der Staatsschuld. Also können es auch nicht »wir« sein, die über die Verhältnisse leben. Nachdem dies klargestellt ist, sollte dennoch gefragt werden, ob, und wenn ja, wer bei einer Verschuldung über seine Verhältnisse lebt. Unterstellt, der Staat in der Gestalt der Regierung sei der demokratisch legitimierte Wahrer unser aller Interessen. Nehmen wir weiter an, seine Steuerpolitik belaste alle Bürger in gerechter Weise, und seine Ausgaben kommen allen angemessen zugute. Unterstellen wir ferner, bei einer Kreditaufnahme würden wir alle Anleihen kaufen und damit im selben Maße Gläubiger des Staates werden und an den Zinsen partizipieren. Was wäre dann unter »über unsere Verhältnisse leben« zu verstehen?

Das hier charakterisierte Gemeinwesen kann schwerlich über seine Verhältnisse leben, wenn der Staat nur nach innen, seinen Bürgern gegenüber, verschuldet ist. Denn »wir« sind zwar in der einen Tasche verschuldet, haben aber in der anderen Tasche dafür eine Anleihe als Forderung. Über seine Verhältnisse lebt ein solches Gemeinwesen nur dann, wenn es netto nach außen verschuldet ist und die Forderungen des Auslands höher als seine an das Ausland sind. Dies ist, wie gesagt, in Deutschland nicht der Fall.

Heben wir jetzt die Fiktion der Identität von Staat und Bürger und eines gerechten Gemeinwesens auf. Jeder, der einen Kredit aufnimmt, sei es ein Unternehmen, ein Privathaushalt oder eine Regierung, tut das, weil seine momentane Einkommens- und Vermögenssituation die Finanzierung eines bestimmten Vorhabens nicht zuläßt. Letzteres kann aus freien Stücken geplant sein, etwa die Investition eines Unternehmens oder der Kauf eines Autos oder ein Hochschul­erweiterungs­programm. Die Entscheidung kann auch einer Notlage entspringen, was zum Beispiel der Fall ist, wenn eine Naturkatastrophe die Beschäftigung und die Staatseinnahmen sinken läßt, die Beseitigung der Folgen aber Mehrausgaben erfordern.

Den »Verhältnissen« entspricht eine solche Kreditaufnahme immer dann, wenn zu erwarten ist, daß der Schuldner in der Lage sein wird, den künftigen Schuldendienst pünktlich zu leisten. Die von der Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Begründung ihres Sparkurses zitierte schwäbische Hausfrau, die angeblich wisse, daß man nicht mehr ausgeben kann, als man habe oder verdiene, würde sich für Merkelsche Ratschläge schön bedanken. Mit dieser Weisheit hätte sie sich ihr berühmtes Häuschen im Grünen nie und nimmer kaufen können.

Aber der Staat ist alles andere als eine schwäbische Hausfrau. Seine Hoheitsrechte, die Steuerhoheit, die Währungshoheit und das Gewaltmonopol, erlauben es ihm, den Schuldendienst unter nahezu allen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Reichen Steuererhöhungen und Sparprogramme nicht aus, könnten die Schulden mittels der Ausgabe neugedruckten Papiergeldes bezahlt werden (Monetarisierung der Staatsschuld) oder ganz bzw. teilweise gestrichen werden (Haircut). Stünden gesetzliche Regelungen solchen Lösungen entgegen, könnte man sie ja ändern. All dies muß natürlich politisch durchgesetzt werden und wird zu Konflikten darüber führen, welche sozialen Schichten mehr oder weniger belastet werden sollen. Die Staatsgläubiger jedenfalls sind, wenn es hart auf hart kommt, auch einer gewaltsamen, womöglich diktatorischen Lösung nicht abgeneigt.

Dies gilt für die innere Verschuldung uneingeschränkt, auch wenn es unschöne Nebenwirkungen und Risiken gibt. Für die äußere Verschuldung trifft das freilich nur bei entsprechenden außenpolitischen Machtverhältnissen zu. Hier liegt eine Achillesferse der Staatsverschuldung, was anhand des politisch und ökonomisch schwachen Griechenlands studiert werden kann. Als Deutschland und Frankreich 2003 als erste Euro-Länder gegen die Schuldenregel verstießen, wurde sie kurzerhand geändert. Kann eine Regierung diese Maßnahmen nicht durchsetzen, muß sie den Bankrott erklären.

Destruktive Vermögensbildung

Über seine hoheitlichen Rechte verfügt der Staat bereits zum Zeitpunkt der Entscheidung über eine Kreditaufnahme. Die schwäbische Hausfrau, die ihr Häuschen nach einer etwaigen Katastrophe wieder aufbauen muß, hat keine Wahl. Wenn die Versicherung nicht genügend zahlt, wird sie einen Kredit aufnehmen müssen. Sparen geht nicht, sie hat ja alles verloren. Aber eine Regierung hat immer die Option, Steuern und Abgaben zu erhöhen oder einen Kredit aufzunehmen. Es besteht kein Zwang, sich zu verschulden. Und tut sie es dennoch, sind dafür politische Gründe und die Machtverhältnisse ausschlaggebend. Letzteres gilt übrigens auch für die deutschen Länder und Kommunen. Sie können keine eigenständige Steuer- und Finanzpolitik machen, es bleiben oft nur Kreditaufnahme oder Sparhaushalte als Option, und das Diktat der Schuldenbremse beraubt sie selbst dieser letzten Wahlmöglichkeit.

Wenn also vom »über die Verhältnisse leben« gesprochen wird, impliziert dies stillschweigend, daß die Regierung die Steuern nicht erhöhen und nicht zu anderen Mitteln der Entschuldung greifen will oder kann, aber immer brav die Zinsen an die Gläubigern zahlen möchte. Das Argument, Steuererhöhungen seien wachstumsfeindlich, stimmt so nicht. Es hängt davon ab, wo sie greifen. Werden die Vermögen potentieller Staatsgläubiger höher besteuert, ist das keineswegs wachstumsschädlich. Ganz im Gegenteil, damit wird die effiziente Allokation (Verteilung) ansonsten brachliegenden Vermögens gewährleistet, weil es einer besseren Nutzung zugeführt wird. So könnten die Sanierung kaputter Brücken oder auch Ausgabensteigerungen im kulturellen und Bildungsbereich erfolgen. Letztere sind zwar aus kurzfristiger Sicht konsumtiv, somit keine Vergrößerung des öffentlichen Vermögens, aber ihr längerfristiger Nutzen ist unbestreitbar.

Aber wie ist es mit den kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen in der Weltwirtschaftskrise? Wäre ohne sie und die milliardenschwere Bankenrettung nicht alles viel schlimmer gekommen? Stimmt! Wenn es in einer Rezession an Nachfrage fehlt, weil zu wenig konsumiert wird und die Investitionen zu gering sind, weil sie nicht ausreichend Profit abwerfen, kann der Staat die fehlende Nachfrage ausgleichen. Er nimmt bei denjenigen Kredite auf, die ihr Geld nicht ausgeben, sondern sparen, und gibt es nachfragewirksam selbst aus. Würde er das nicht tun und womöglich eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte durch Sparen einleiten, wäre die Nachfrage noch niedriger. Die Produktion, die Beschäftigung und die Einkommen würden, wie in Griechenland zu erleben, weiter sinken.

Ist diese Logik nicht widersinnig? Stimmt auch! Der Staat kann zwar so handeln, er kann aber auch anders. In der Krise saßen die Banken auf ihrem Geld wie Dagobert Duck im Geldspeicher und waren weder mit guten Worten noch kaum mit Barem herauszulocken, denn das Verborgen war trotz hoher Zinsen zu unsicher (Kreditklemme). Staatsanleihen sind da sehr willkommen, zwar niedrig verzinst, aber immerhin sicher. Wenn jedoch zuviel gespart und zu wenig nachgefragt wird, warum soll der Staat das brachliegende, überakkumulierte Kapitalvermögen wiederum nur über Kreditaufnahme abschöpfen, um mit dem Schuldendienst in der nächsten Runde das Sparen und die Reichtumsblase erneut zu fördern? Warum versucht er nicht wenigstens, diese destruktive Vermögensbildung an der falschen Stelle und bei den falschen Leuten zu reduzieren (wenn er sie denn nicht gänzlich unterbinden kann), indem er für eine ausgeglichene Verteilung sorgt und Überschüsse – wie es sogar das Stabilitätsgesetz mit der Konjunkturabgabe vorsieht – wegsteuert? In den zwanzig Jahren seit Beginn der 1990er hat der Staat, wie wir gesehen haben, seinen Gläubigern 1,3 Billionen Euro in Form von Zinsen zugeführt und damit, weil diese es nicht vollständig konsumtiv oder investiv ausgeben, das Sparen gefördert. Im selben Zeitraum hat er netto 0,9 Billionen ausgabenwirksame Kredite aufgenommen. Das heißt, er hat die Vermögensblase mit einem höheren Betrag als die Nachfrage gefüttert. Und sein Bankenrettungsprogramm hat Reichtum abgesichert, der jetzt, im Aufschwung innerhalb des Wirtschaftszyklus, erneut Überakkumulation und Blasenbildung befeuert.

Auf in den nächsten Crash

Steht alles wieder auf Anfang? Nicht ganz. Die Staatsgläubiger kriegen kalte Füße. Das Ponzi-Spiel soll mal pausieren, sie rufen nach Cash. Sie wollen keinen Haircut riskieren oder ihr Vermögen in einer Inflation dahinschmelzen sehen. Steuern erhöhen wollen sie auch nicht, es sei denn, es handelt sich um indirekte für die Verbraucher. Aber wie kommen sie dann zu ihrem Geld? Klar, der Staat soll sparen, um den Schuldendienst aufrechtzuerhalten, denn diese Zahlungen sind ihnen sakrosankt. Dafür wird die öffentliche Daseinsvorsorge geschreddert, das öffentliche Eigentum privatisiert, es werden Rentner und Hartz-IV-Bezieher geschröpft, soziale Leistungen, Kultur und Bildung vielerorts geopfert oder verteuert. Nachdem auch infolge der Vermögensblase die Wirtschaft in eine ihrer tiefsten Krisen gerutscht war und die Bankrotteure mit Milliarden Steuergeldern gerettet wurden, bitten sie zur Kasse, und die Regierung führt das Inkasso durch. Und so geht es in den nächsten Crash. Wie dieser Irrsinn endet? Gar nicht, wenn er nicht beendet wird.

Dr. oec. habil. Jürgen Leibiger ist Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Sächsischen Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Dresden. 2010 veröffentlichte er im Verlag PapyRossa das Standardwerk für eine alternative Finanzpolitik »Reclaim the Budget – Staatsfinanzen reformieren«

Vom Autor erscheint im August: Bankrotteure bitten zur Kasse. Mythen und Realitäten der Staatsverschuldung, PapyRossa, Köln 2011, etwa 220 Seiten, ca. 12,90 Euro, ISBN 978-3-89438-466-1



Posted via email from Daten zum Denken, Nachdenken und Mitdenken

#Dasein# unter #Plastikmüll - über die Arbeit auf Almerías Feldern #Spanien [via Der Standard]


Südspanien

Dasein unter Plastikmüll

von Michael Matzenberger 
[Der Standard]
 
http://derstandard.at/1308679612170/Suedspanien-Dasein-unter-Plastikmuell

 

Margarete Ziegler von "Weltumspannend Arbeiten" über die Arbeit auf Almerías Feldern

Margarete Ziegler war im Mai gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Vereins "Weltumspannend Arbeiten", einem entwicklungspolitischen Projekt des ÖGB Oberösterreich, in der Provinz Almería, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen in den Gewächshäusern der regionalen Gemüseproduktion zu machen. Von den geschätzten 120.000 meist afrikanischen Feldarbeitern in der Region sind nur etwas mehr als ein Drittel bei der Sozialversicherung gemeldet. Sie arbeiten und leben in den Plantagen der etwa 45.000 Hektar großen Anbauregion. derStandard.at sprach mit Margarete Ziegler.

derStandard.at: Wie lassen sich die Arbeitsverhältnisse auf den Feldern Andalusiens beschreiben?

Ziegler: Die Arbeiter müssen dort mit gröbsten Verstößen gegen das Arbeitsrecht leben. Theoretisch unterstehen sie einem Kollektivvertrag, der ihnen einen Tagessatz von 44 Euro und 20 Minuten Pause pro Schicht zusichert. Die Realität schaut aber anders aus. Die angemeldeten Arbeiter müssen mit 20 bis 30 Euro auskommen. Viele der illegal Beschäftigten erhalten praktisch nichts und sind natürlich auch nicht versichert, was einen großen Sozialbetrug darstellt. Die circa 75.000 unangemeldeten Arbeiter haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und leben von den Gemüseabfällen und der Solidarität ihrer Kollegen. Sie können sich mit dieser Ausbeutung aber an kaum jemanden wenden, weil sie sich illegal im Land aufhalten. Es gibt für die ganze Region 15 Arbeitsinspektoren, aber wirkliches Vertrauen haben die Arbeiter nur zu den Leuten von der andalusischen Landarbeitergewerkschaft SOC.

derStandard.at: Grenzen solche Zustände nicht an Sklaverei?

Ziegler: Was wir dort gesehen haben, ist Sklaverei. Die Tagelöhner werden am Arbeiterstrich wie Tiere nach ihrer körperlichen Verfassung ausgewählt. Die Unternehmer spielen die Arbeiter auch untereinander aus, weil sie natürlich wissen, dass es irgendwer immer noch billiger macht, um zumindest ein paar Euro zu verdienen. Noch schlimmer wird das natürlich jetzt, wo die Haupterntezeit vorbei ist und die verfügbare Arbeit und die Löhne weiter sinken. Jetzt in der Nebensaison wird nur mehr ein Bruchteil von den Mengen im Winter angebaut, wo in 32.000 Gewächshäusern Tomaten, Paprika und Gurken angebaut und nach ganz Europa geliefert werden.

derStandard.at: Wie war der Kontakt zu den Arbeitern?

Ziegler: Die Arbeiter leben in sogenannten "Chabolas", Behausungen aus Plastikmüll, versteckt zwischen den Plantagen. Es gibt dort keine Straßennahmen und man würde diese Siedlungen nicht finden, wenn man sich in der Gegend nicht auskennt. Unsere Kontakte haben uns dort hingebracht und die Arbeiter hatten zuerst Angst vor uns. Als sie aber gemerkt haben, dass wir uns für ihre Situation interessieren, haben uns einige von ihnen spontan eingeladen und das war für mich am beeindruckendsten und berührendsten an der ganzen Reise: Sie haben uns mit einer solchen Herzlichkeit empfangen, Tee gekocht und Fladenbrot angeboten, obwohl sie selbst zwischen Müllbergen und Pestizidkanistern in bitterer Armut leben. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Duschen. Die Stromkabel, wenn es überhaupt welche gibt, liegen offen über der Erde und Schotterstraßen.

derStandard.at: Woher kam die ursprüngliche Angst vor Ihrer Gruppe?

Ziegler: Die Arbeiter sind anfangs allen Außenstehenden gegenüber misstrauisch, weil sie grundsätzlich sozial isoliert sind und an der Gesellschaft nicht teilnehmen dürfen. Sie werden von vielen Einheimischen für Krankheiten und Kriminalität verantwortlich gemacht. Es gibt dort Hetzkampagnen und rassistische Übergriffe, bei denen regelmäßig Hütten niedergebrannt werden.

derStandard.at: Mit welcher Motivation, mit welchen Träumen kommen die Arbeiter nach Europa?

Ziegler: Eine der Arbeiterinnen, die uns eingeladen hat, erzählte von ihrer früheren Arbeit in Afrika. Dort verdiente sie fünf Euro am Tag in einer Sardinenfabrik. Sie hat vom reichen Europa geträumt, aber nachdem sie hier angekommen ist, hat sie gemerkt, dass es keine Verbesserung war. Sie war nicht die einzige, die gesagt hat, dass sie diesen Schritt bereut und am liebsten einfach heim will. Sie können aber nicht so einfach zurück, weil sich ihre Angehörigen für die Überfahrt bei Schleppern und Banken hoch verschuldet haben. Also schauen sie, dass sie jede Arbeit machen, die sie kriegen können, um Geld nach Hause zu schicken.

derStandard.at: Spielt hier auch Scham vor ihren Familien mit, es in Europa nicht geschafft zu haben?

Ziegler: Ja, viele versuchen daheim das Image aufrechterhalten, hier erfolgreich zu sein, weil sie so unter Druck stehen. Bei Frauen ist dieser Druck noch weit größer, denn sie zahlen für den Schlepper nicht wie ein Mann zehn- bis zwölftausend Euro, sondern bis zu 40.000 Euro. Der Grund ist: Wenn ein Mann in den Gewächshäusern keinen Job mehr bekommt, lässt sich nicht mehr viel Geld holen. Frauen landen aber früher oder später in der Prostitution und die Chance ist einfach größer, dass sie den Betrag zurückzahlen können. Zur Verschuldung tragen aber auch die Gemüseproduzenten selbst bei. Sie verkaufen Arbeitsverträge, an die auch Aufenthaltsgenehmigungen gekoppelt sind, nach Afrika und je nach Angebot und Nachfrage variiert der Preis für so ein Papier. Momentan liegt er bei 13.000 Euro.

derStandard.at: Also ein von Spanien und der EU abgesegnetes Schlepperwesen?

Ziegler: Die Behörden wissen natürlich, dass man auf diese Arbeiter angewiesen ist, weil kein Spanier um ein paar Euro täglich auf der Plantage arbeiten und die Gemüseproduktion sonst zusammenbrechen würde. Wir wollten auch einen Lokalpolitiker damit konfrontieren, mit dem ein Termin ausgemacht war. Er hat uns genauso wie ein Plantagenbesitzer kurz davor abgesagt. Für diese Verhältnisse kann man aber den Arbeitgebern allein auch nicht die Schuld zuschieben. Die Großgrundbesitzer profitieren von der reinen Menge, die sie herstellen können. Wir haben aber auch einen Bauern mit nur ein paar Hektar Feldern besucht und der kämpft selbst ums Überleben. Für ein Kilo Tomaten hat er im Mai durchschnittlich fünf Cent bekommen und durch die Ehec-Krise, die kurz nach unserer Abreise ausgebrochen ist, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Der Differenzbetrag zu unserem Einzelhandelspreis bleibt bei Zwischenhändlern und Supermarktketten hängen.

derStandard.at: Gibt es einen realistischen Ausweg aus der Misere?

Ziegler: Die effektivste Methode wäre wahrscheinlich, bewusst einzukaufen. Wenn wir aufhören, zu jeder Jahreszeit jedes Obst und Gemüse zum billigsten Preis haben zu wollen – von dem wir dann ohnehin wieder viel wegwerfen –, und stattdessen kleinere Mengen aus fairer Produktion kaufen würden, wäre die Situation wahrscheinlich schon anders. Und wir können auch versuchen, die Supermarktketten unter Druck zu setzen. In der Schweiz haben die Ketten Coop und Migros auf den Kundendruck reagiert und ihr Sortiment bei nicht-heimischer Herstellung in Richtung fairem Handel und sozialen Standards bei der Produktion umgestellt. Auch der Präsident des Biobauernverbands hat bei unserem Besuch gesagt: "Wichtig ist, dass die Bauern die Entscheidungsmacht über den Preis haben. Dadurch könnte eine Allianz zwischen Arbeitern, Konsumenten und Bauern gegen die Unternehmer entstehen. Die derzeitige Europapolitik gefährdet die Ernährungsgrundlagen."

derStandard.at: Welche Pläne hat der Verein "Weltumspannend Arbeiten" in nächster Zeit?

Ziegler: Es werden weiterhin solche Reisen organisiert. Aber auch das Projekt Almería ist noch lange nicht abgeschlossen und soll eine nachhaltige Wirkung haben. Wir werden ab Herbst Vorträge halten und Ausstellungen organisieren. Außerdem wurde auf den Feldern und in den Hütten gefilmt. Anfang Oktober soll ein Kurzfilm über die Situation in Almería erscheinen, der Schülern bei Workshops gezeigt wird und in einer Auflage von rund 2.000 Stück auch gegen freiwillige Spenden erhältlich sein wird. Die Einnahmen gehen an die SOC, die damit einen Arbeitsplatz in einem regionalen Büro finanzieren wird. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 27.6.2011)

Ansichtssache
Das weiße Meer von Almería

Margarete ZieglerMargarete Ziegler arbeitet im Regionalsekretariat Linz-Stadt des ÖGB Oberösterreich und ist Mitglied des Vereins "Weltumspannend Arbeiten". Der Verein nimmt Spenden für die andalusische Landarbeitergewerkschaft SOC an, das Spendenkonto bei der Posojilnica-Bank Železna Kapla/Bad Eisenkappel (Bankleitzahl 39130) lautet auf die Kontonummer 8055451 (Vermerk: SOC-Solidaritätskampagne)




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Posted via email from Daten zum Denken, Nachdenken und Mitdenken

48 h #Generalstreik #legt das #Wirtschaftsleben in #Griechenland #weitgehend #lahm. [via Junge Welt v. 29.06.2011]

 

48 Stunden Generalstreik

Von Heike Schrader, Athen

[via Junge Welt]
 
http://www.jungewelt.de/2011/06-29/055.php
 

Ein gleich auf zwei Tage angesetzter Generalstreik legt das Wirtschaftsleben in Griechenland weitgehend lahm. Zu dem am Dienstag begonnenen Ausstand, der bereits der vierte Generalstreik in diesem Jahr ist, haben die beiden Gewerkschaftsdachverbände im öffentlichen Dienst (ADEDY) und in der privaten Wirtschaft (GSEE) aufgerufen.

Nach deren Angaben lag die Beteiligung gestern in Schulen, Behörden, Banken, staatlichen Krankenhäusern und Großunternehmen zwischen 80 und 100 Prozent. Obwohl sich die griechische Branchengewerkschaft in der Schiff­fahrt, PNO, als Ganzes nicht am Streik beteiligte, wurde jedes Auslaufen von Schiffen von zwei streikenden Einzelgewerkschaften der Seeleute, die der kommunistisch orientierten PAME angehören, erfolgreich verhindert. Bereits am frühen Morgen waren in den wichtigsten Häfen des Landes Streikposten aufgezogen.

Demgegenüber fiel die Beteiligung an den Großdemonstrationen in der Hauptstadt Athen am Dienstag geringer aus als beim letzten Generalstreik am 15. Juni. Die von der regierungsnahen Gewerkschaftsströmung PASKE dominierten Einzelorganisationen bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben hatten sich entgegen einer vorherigen Ankündigung, man werde arbeiten, um den Streikenden die Teilnahme an den Kundgebungen zu ermöglichen, mehrheitlich in letzter Minute doch dem Ausstand angeschlossen. Lediglich zwei Metrolinien fuhren am Dienstag.

Anlaß der neuen Zuspitzung der sozialen Auseinandersetzungen in Griechenland ist die für den heutigen Mittwoch oder den morgigen Donnerstag anstehende Verabschiedung eines zusätzlichen Kürzungspaketes, das zwischen der regierenden PASOK, der EU und dem Internationalen Währungsfonds ausgehandelt wurde. Dazu gehören weitere Beschneidungen bei Renten und den Bezügen der öffentlichen Angestellten, Steuererhöhungen für Jahreseinkommen ab 8000 Euro, bis zu 500 Euro Kopfsteuer für alle Selbständigen, neue Erhöhungen der Mineralölsteuer sowie den Ausverkauf aller noch unter staatlicher Kontrolle stehenden Unternehmen.

Letzteres hat auch einige der PASOK nahestehende Gewerkschaften in den Aufstand gegen die eigene Partei getrieben. Die seit Montag letzter Woche gegen den geplanten Verkauf des Stromkonzerns streikenden Gewerkschafter der GENOP-DEI waren gestern zahlreich auf der Demonstration vertreten. Während das Unternehmen versucht, den Streik gerichtlich verbieten zu lassen, haben sich dessen Beschäftigte entschieden, auf jeden Fall weiterzumachen. »Wenn jemand entschlossen ist zu kämpfen, findet er einen Weg«, erklärte GENOP-DEI-Mitglied Giorgos gegenüber junge Welt. »Dann stoppen ihn auch Gerichte und Vorschriften nicht.«

Gegen Mittag zogen die Gewerkschafter auf den Syntagma-Platz im Zentrum Athens, wo die Bewegung der »Empörten« bereits an einer symbolischen Umzingelung des Parlamentes arbeitete. Schon am Vormittag war hier auch eine mehrere tausend Teilnehmer starke Demonstration der Gewerkschaftsfront PAME aufgezogen.

Deren Sprecher Kostas Ziogas erklärte, die Arbeiter hätten nur die Möglichkeit, »mit den Monopolen auf Konfrontation zu gehen, diese Politik zu stürzen, die Fundamente für Ausbeutung, Armut, Elend und Arbeitslosigkeit zu zerstören«. Auch für den zweiten Streiktag am heutigen Mittwoch hat die PAME zu einer weiteren Demonstration am Vormittag aufgerufen, während die sozialdemokratisch dominierten Dachverbände ihren eigenen Streik abwerten, indem sie erst für den frühen Abend mobilisieren.



Posted via email from Dresden und Umgebung

#Wider #die #Politik #des #asozialen #Reichtums - #Grundeinkommen #durch #Reichtumssteuer

 

Wider die Politik des asozialen Reichtums

Rede zum 75-jährigen Jubiläum des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes (SAH)

Zürich am 16. Juni 2011 im Volkshaus Zürich.

 

Wir geben den Text leicht gekürzt wieder. 

 

[via http://www.haelfte.ch/ ]


Von Oswald Sigg

 
Es ist üblich geworden, vor einem solchen Vortrag seine Interessenbindungen offen zu legen: ich gehöre keinem Verwaltungsrat an. Ohnehin ist man wohl stärker geprägt durch die familiäre und soziale Herkunft. Aufgewachsen bin ich in Höngg und stamme aus einer mittelständischen Familie. Mein Vater verbrachte seine Jugend auf einem Bauernhof in Ossingen und studierte am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich Landwirtschaft.
 
Er hatte sich das Studium als Dorfschullehrer in Rafz verdient und arbeitete später als Steuerkomissär des Kantons Zürich. Er war für die steuerliche Einschätzung der Bauern verantwortlich.
 
Die Bauern sassen damals auf stark verschuldeten Betrieben – ein grosses soziales Problem der Zwischenkriegszeit. Meine Mutter stammte aus ganz einfachen Verhältnissen, sie konnte keine Lehre machen, weil ihre Brüder etwas werden mussten, der eine Coiffeur, der andere kfm. Angestellter.
 
Ihr blieb das Los einer Serviertochter übrig. Aber: sie war kämpferisch. Sie arbeitete sich von der Serviertochter im Bahnhofbuffet Sargans über die Saaldame in einem Hotel in Neapel und über die Kellnerin im holländischen Seebad Scheveningen bis zur Serviertochter im Bahnhofbuffet Zürich empor. Und zwar, wie sie betonte, im Buffet Zürich 1. Klasse. Sie war klassenbewusst, meine Mutter. Übrigens, meine Tante, auch in Höngg wohnhaft, war Lehrerin und Sozialistin, und sie unter-stützte das Arbeiterhilfswerk. Durchaus möglich, dass sie zu den Mitgründerinnen der proletarischen Kinderhilfe gehörte. Damals.

 Für Menschen in der Arbeitswelt

 75 Jahre SAH Zürich. Das sind 75 Jahre Sozialhilfe. 75 Jahre praktische Sozialpolitik an der Basis. Das bedeutet eine Vielzahl einzelner Angebote, wohl weit über 100 verschiedene Formen der Unterstützung von Menschen, die in unserer Arbeitswelt Hilfe benötigen.

 Vom Assessment über die AVIG-Orientierung in arabischer, albanischer oder portugiesischer Sprache, über berufliche Eignungs-Abklärungen, Rechtsberatung, von der Vermittlung von Stundenarbeit bis zur Stellenvermittlung für Langzeiterwerbslose, Bewerbungs-Training, Kinderferienlager, Bildungstage, Arbeitstraining, Gesundheitsförderung, Deutschkurse, usw. usf..

 Besonders angetan bin ich von den SalSAH- und SAHltinbocca-Angeboten, einfach weil ich zuhause immer gern zum Abendessen gekocht habe und mich dabei vom Bundeshaus erholen konnte. Am besten beim Zwiebeln hacken für die Salsa, da konnte man sich wieder einmal richtig ausweinen. Ich möchte endlich etwas Neues lernen in der Küche, also wenn ihr da einen Platz frei habt ( … ).

 Freiwllige Sozialarbeit

 Das SAH wendet sich aber nicht nur an Betroffene, sondern es bietet auch Möglichkeiten der freiwilligen Sozialarbeit an. Und es vermittelt zwischen Gemeindebehörden oder Sozialversicherungen, Unternehmen oder Privaten und den Betroffenen. Eine riesige gesellschaftliche und soziale, kulturelle und politische Integrationsarbeit wird hier tagtäglich verrichtet. Und dies, seit 1932 in Zürich die Proletarische Kinderhilfe, als Vorläuferin des Arbeiterhilfswerks, gegründet wurde.

 
Das SAH Zürich ist eine Perle der traditionellen Arbeiterbewegung. Es ist aber heute auch ein Kern einer mo-dernen, solidarischen Schweiz. Ich komme darauf zurück.

 Eine absolute Wohltat, das will ich Ihnen hier auch noch sagen, für einen politischen Bürger mindestens, ist die Lektüre des SAH-Leitbilds. Da steht doch: "Wir engagieren uns dafür, dass alle Menschen hier in Würde und sozial gesichert leben können, unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht." So ein einfacher und kluger Satz enthält nicht einmal das sozialdemokratische Parteiprogramm. Und da steht auch: "Wir setzen uns – auf der Grundlage der Menschenrechte – für Solidarität und Gerechtigkeit in der Gesellschaft ein." Das sind grosse Worte und der Satz klingt wohl etwas pathetisch, aber das SAH Zürich macht ihn glaubwürdig durch die vielen Tatbeweise.

 Und schliesslich: "Wir arbeiten für Menschen, die aus individuellen oder strukturellen Gründen benachteiligt sind." Das sagt mehr als: wir arbeiten für benachteiligte Menschen. Denn wir alle sind die Verlierer in unserer u.a. vom Konsum, vom Profitdenken strukturierten neoliberalen Wirtschaftsgesellschaft. Wir, die arbeitenden Menschen und nicht nur die hier arbeitenden Ausländer, sind in diesen Prozessen zu Fremden geworden.

 
Die Globalisierung gibt uns nicht das Gefühl, hier zuhause zu sein. Wir alle sind die Opfer der betriebswirtschaftlichen Ideologie geworden, welche heute die weltweite Basis des Unternehmertums ist. Der Effizienzwahn, gekoppelt mit dem Irrglauben ewigen Wachstums, produziert bei den Mitarbeitenden vor allem eines: Stress. Viele unter ihnen fallen infolge Krankheit dauerhaft aus dem Arbeitsprozess. Deshalb wohl bastelt man in der innovativen Finanzwirtschaft, so habe ich kürzlich gelesen, an einem neuen Typus von Unternehmen, der gänzlich ohne Fabriken und damit auch ohne Arbeitende auskommen soll.

 Das SAH ist Teil einer grossen Bewegung, die den Kern einer solidarischen Schweiz darstellt. Damit wir eine solche entwickeln können, müssen wir auch politisch aktiver werden.

 Entsolidarisierung in der Gesellschaft

 Der zentrale, die soziale und solidarische Qualität einer Gesellschaft bestimmende Faktor ist die Arbeit. Wir arbeiten für andere. Wir arbeiten für uns.

 
Wer keine sinnvolle Arbeit verrichten kann, verarmt. Nicht nur im ökonomischen, auch im geistigen Sinn. Dieser Armut gegenüber steht der materielle Reichtum. Gesellschaftlich ist der Reichtum dann sinnlos, wenn er nur gerade Besitz oder Erbschaft  darstellt. Aus der Spanne zwischen Armut und Reichtum liest sich die Asozialität, die Entsolidarisierung einer Gesellschaft ab. In der Schweiz haben wir es damit sehr weit gebracht.

 Aus dem Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) geht hervor: Der grösste Teil der Bevölkerung hat am wachsenden Reichtum in unserem Land nicht nur keinen Anteil.

 
Durch die Erhöhung der indirekten Steuern und Gebühren und Abgaben sowie der Kopfprämien für die Krankenkassen haben viele Leute weniger Geld zum Leben als noch vor gut zehn Jahren. Demgegenüber gibt es heute sieben mal mehr Gehaltsmillionäre, annähernd 3'000. Die höchstbezahlten Manager haben ihre Löhne real um über 20% steigern können, während die tiefen Löhne um ca. 2% gestiegen sind. Anhand der Vermögensverteilung sieht man deutlich, wie die Reichen noch reicher geworden sind.
 
Die Hälfte des Gesamtvermögens gehörte 1997 noch etwas über 4% der Bevölkerung. Heute gehört die Hälfte des ganzen Vermögens 2 % der Bevölkerung. So sieht also das Robotbild einer Sozialpolitik mit umgekehrten Vorzeichen aus.  Es ist die asoziale Politik der ungehemmten Reichtumsakkumulation. Gefördert durch kommunale und kantonale Siedlungs- und Steuerpolitiken und durch die bundesweite Erleichterung der Unternehmenssteuern.

 Geld bestimmt die Politik

 Das Geld, der Besitz bestimmt auch und gerade die Politik. Die grösste Partei in diesem Land hat am meisten Geld. Das ist kein Zufall. Wir wissen nicht, wieviel und woher sie das Geld hat, aber wir wissen, was sie damit tut. Sie investiert es in Wahlen und Abstimmungen.

 
Und gewinnt. Auch das ist kein Zufall. Und sie schlägt mit ihrer medialen Macht zum Beispiel die öffentliche Sozialpolitik sturmreif. Was heisst das? Die Bezüger öffentlicher und privater Sozialhilfe werden stigmatisiert und verachtet.
 
Als Scheininvalide behandelt, die uns auf der Tasche liegen. Ich habe in meiner Arbeit für die "Hälfte" einen IV-Bezüger kennen gelernt, der aufgrund dieser kollektiven Verachtung in seiner Nachbarschaft richtig und dauerhaft krank wurde. Er musste umziehen und er ist damit nicht gesund geworden.

 Das Misstrauen gegenüber Sozialhilfeempfängern schleicht sich mittlerweilen in die Gesetze ein. Zwei Beispiele. Im Kanton Bern kann jemand nur Sozialhilfe beanspruchen, wenn er auf den Schutz seiner persönlichen Daten verzichtet. In Basel kann ein Sozialhilfeempfänger ohne Einkünfte und Vermögen zu Zwangsarbeit verpflichtet werden. Verläuft diese nicht zur Zufriedenheit der kantonalen Verwaltung, kann sie die Leistungen bis zu 100 % kürzen.   

 Mit ihrem vielen Geld bringt die Milliardärenpartei aber auch grundrechtswidrige Volksinitiativen an die Urne und sorgt mit einer menschenverachtenden Propagandawalze dafür, dass diese auch angenommen werden.  Stichworte: Minarettverbot und Ausschaffung krimineller Ausländer. Oder sie sorgt in den nationalen Wahlen dafür, dass sich in der Schweiz die grösste rechtsextreme Partei Europas breit macht.

 Wir haben eine direkte Demokratie, aber sie ist zur Aktionärsdemokratie geworden. Sie funktioniert nach dem Prinzip der Generalversammlung einer Aktiengesellschaft: nicht der Mensch zählt dort, sondern der Besitz.

 Wir sollten staatspolitisch und sozialpolitisch aktiv werden. Staatspolitisch: Wir sollten die direkte Demokratie schützen. Die Finanzierung der Parteien ist als erstes gesetzlich zu regeln. Der Missbrauch der Volksrechte muss bekämpft werden. Und wir sollten sozialpolitisch aktiv werden. Die Umverteilung um 180 Grad drehen, von oben nach unten.

 Grundeinkommen durch Reichtumssteuer

 Die Linke hat das schon vor mehr als 75 Jahren versucht. In den zwanziger Jahren haben die Sozialdemokraten und die Kommunisten in Deutschland eine Volksinitiative zur Enteignung der Fürsten zur Abstimmung gebracht. Natürlich ohne Erfolg. Zur selben Zeit lancierte in der Schweiz die Linke mit den Gewerkschaften die Vermögensabgabeinitiative.

 
Die grossen und grössten Vermögen sollten zur Tilgung der während des Weltkriegs entstandenen Staatsschulden herbeigezogen werden. Es kam zu einer historischen Abstimmungsschlacht.
 
Über 86% der Stimmbürger gingen zur Urne. Und fast alle stimmten für die Reichen.
 
Nach den vergeblichen Versuchen mit den Reichtumssteuer-Initiativen in den letzten dreissig Jahren sollten wir wieder einen neuen, aber einen ganz anderen  Anlauf starten. Wir leben ja in einem Land der Minderheiten und bis jetzt haben wir in den Abstimmungen meistens die Minderheit der Reichen in den Schutz genommen. Es wäre an der Zeit, einmal etwas für die grosse Mehrheit, etwas für alle zu tun.

 Es ist heute eine Idee, eine Utopie im Umlauf, die man für die Umverteilung von oben nach unten gezielt einsetzen könnte: das bedingungslose Grundeinkommen. Seine heutigen Verfechter wollen es über Konsumsteuern finanzieren. Einfacher und sozialer wäre es, wenn ein Grundeinkommen für alle über die Abschöpfung des immensen Reichtums in der Schweiz finanziert würde. 

 Eine solche Idee müssten wir hartnäckig verfolgen. Sie wäre die wirkliche Umverteilung. Dann wären wir auf dem Weg zu einer solidarischen Schweiz. Denkt daran: wir sind hier im Volkshaus. Von hier sind seit je die besseren Ideen hervorgegangen, als jene aus den Häusern der Volkspartei. Und vielleicht, wenn das SAH Zürich den 150. Geburtstag hier feiert, dann gibt es diese solidarische Schweiz.

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#Tauberbischofsheim - #Nichtwähler #bilden #die #stärkste #Gruppe [Fränkische Nachrichten]

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Bürgermeisterwahl: Wahlergebnisse nach den Stimmbezirken beleuchtet

Nichtwähler bilden die stärkste Gruppe

Tauberbischofsheim. Es war eigentlich gar kein richtiger Wahlkampf im Vorfeld der Bürgermeisterwahl. So sah es auch der alte und neue Bürgermeister Wolfgang Vockel, der nicht von Wahl- sondern von Informationsveranstaltungen im Vorfeld des Wahltages sprach. Gegenkandidat Georg Honikel stellte sich sogar nur "auf der Straße" den Bürgerinnen und Bürgern vor. Und dann ein solches Ergebnis: Jeder Vierte, der zu dieser Wahl am Sonntag gegangen war, verweigerte dem Amtsinhaber die Gefolgschaft.

Stadtteile

Am deutlichsten war das in Dittigheim. Dort erhielt Lokalmatador Georg Honikel immerhin 45,7 Prozent der Stimmen, auf Bürgermeister Wolfgang Vockel entfielen 53,7 Prozent. Auch in Hochhauen (28,7 Prozent) und Distelhausen (28,5) erhielt der Herausforderer nahezu ein Drittel der Stimmen.

Kernstadt

In den Wahlbezirken der Kernstadt war es der Kirschengarten, in dem Georg Honikel auf 30,1 Prozent kam, 68,8 Prozent wählten den Amtsinhaber. Ansonsten kam Wolfgang Vockel in allen anderen Innenstadtwahlbezirken über die 70 Prozent hinaus, am meisten Zustimmung kam aus dem Bezirk 6 (Burgweg-Heimbergsflur) mit fast 80 Prozent der Stimmen.

In den Stadtteilen erzielt Bürgermeister Vockel sein bestes Ergebnis in Dienstadt (84,3 Prozent), gefolgt von Dittwar (79,3).

Beim Blick auf die Wahlbeteiligung (im Schnitt 41,7 Prozent) wird in keinem der Wahlbezirke die 50-Prozent-Hürde übersprungen. Dittwar hat diese Marke mit 49,5 Prozent knapp verfehlt. Schlusslicht bei den Stadtteilen ist Distelhausen mit lediglich 36 Prozent.

Die fleißigsten Wähler in der Kernstadt kommen aus der Altstadt im Bezirk südlich der Hauptstraße: 37,5 Prozent der Wahlberechtigten gaben dort ihre Stimme ab. Am unteren Ende steht hier der "Kirschengarten", wo sich lediglich 21,6 Prozent zu den Wahlurnen begaben.

Ganz erstaunlich: In der Gruppe der Briefwähler, die sich ja über das gesamte Stadtgebiet verteilen, lag Wolfgang Vockel bei über 82 Prozent, Georg Honikel lediglich bei 14,6 Prozent. sey

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#Braunes #Treiben in #Brandenburg - Landkreis Barnim entwickelt sich zu Schwerpunkt der Neonaziszene [via Junge Welt]


Braunes Treiben in Brandenburg

Landkreis Barnim entwickelt sich zu Schwerpunkt der Neonaziszene.

Behörden fehlt es an Problembewußtsein

[via Junge Welt]http://www.jungewelt.de/2011/06-29/006.php
 

Von Maria Schopp/Lothar Bassermann

Der nordöstlich von Berlin gelegene Landkreis Barnim in Brandenburg macht derzeit durch verstärktes neonazistisches Treiben von sich reden. Als bisheriger Höhepunkt dieser Aktivitäten fand am vergangenen Wochenende eine rechte Sommersonnenwendfeier in Finowfurt statt. Rund 300 Neonazis wohnten dem vom NPD-Kreisverband Barnim-Uckermark ausgerichteten »Sommerfest« auf dem Grundstück des DVU-Kaders Klaus Mann in der Gemeinde Schorfheide bei. Tagsüber gab's Schminken und Hüpfburg für die Kleinen, die Älteren konnten sich an zahlreichen Ständen mit brauner Propaganda eindecken.
 
Abends traten eine Handvoll rechter Bands auf. In den Vorjahren waren hier bis zu 500 Neonazis zugegen. Auch diesmal reisten etliche aus Berlin an.

Unter den Bewohnern in Schorfheide und bei den verantwortlichen Behörden scheint das Problembewußtsein hinsichtlich dieser alljährlichen Neonaziveranstaltung gering. Kaum von Interesse auch, daß Manns Privatgrundstück sich inzwischen zum größten Veranstaltungsort für braune Feste und Konzerte in Brandenburg entwickeln konnte.

 
Auch in Polizeikreisen scheint eine gewisse Gleichgültigkeit vorzuherrschen: Eine jW-Anfrage Anfang dieser Woche bei der Pressestelle des zuständigen Polizeiabschnitts über den Ablauf von Neonazifest und Polizeieinsatz begegnete man mit »Fragen Sie doch beim Veranstalter«. Den zuständigen Bürgermeister der Gemeinde Schorfheide, Uwe Schoknecht, erregt statt dessen mehr der sehr verhaltene antifaschistische Protest, der sich am Samstag auf das Verteilen von Informationsblättern an die Anwohner beschränkte. Gegen das Fest unternimmt Schoknecht hingegen nichts.

Bereits eine Woche zuvor, am 18. Juni, hatte es in der Kneipe »Alter Dorfkrug« in Bernau, etwa 40 Kilometer von Finowfurt entfernt, ein einschlägiges Konzert gegeben. Hier trat unter anderem »Kategorie C«, eine gewaltbereite, der Neonaziszene nahestehende Band auf. In Bernau bekam man erst am Abend wegen eines massiven Polizeiaufgebots Wind von der konspirativ vorbereiteten rechten Abendveranstaltung. Die Entrüstung über die Informationspolitik von Polizei und Behörden war im Nachgang groß: Sichtbarer Protest sei damit unmöglich gemacht worden, kritisierten mehrere Stadtverordnete und das lokale Bernauer Bürgerbündnis in Erklärungen. Bereits im Oktober 2010 hatte »Kategorie C« die Kneipe für ein Konzert nutzen können. Der »Alte Dorfkrug« war schon zuvor durch überregionale rechte Veranstaltungen aufgefallen.

Auch die braunen Machenschaften der Inhaber eines Reiterhofes in Blumberg (Gemeinde Ahrensfelde, bei Berlin) erregten zuletzt einige Aufmerksamkeit. Das Anwesen wird von Kadern der NPD und Aktivistinnen der neofaschistischen Organisation »Gemeinschaft Deutscher Frauen« (GDF) betrieben. Neben regelmäßigen Neonazitreffen finden hier Reitkurse und -ferien für Kinder statt. Wie erst jetzt bekannt wurde, sollen verantwortliche Ämter, insbesondere die Zuständigen für Jugendarbeit, über diese Aktivitäten seit längerem informiert gewesen sein.



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"D. #deutschen #Forderungen #an d. #Ausland übersteigen d. #Verbindlichkeiten um fast 700 Milliarden Euro." [via Junge Welt]

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Bankrotteure bitten zur Kasse

Hintergrund. Wie, warum und bei wem nehmen Länder Kredite auf? Wer muß sie letztlich zurückzahlen, und wer profitiert davon? Über Mythen und Wirklichkeit im Zusammenhang mit Staatsschulden

Der Irrsinn endet nicht von selbst, er muß beendet werden
Der Irrsinn endet nicht von selbst, er muß beendet werden (Demonstration in Berlin unter dem Motto »Die Krise heißt Kapitalismus«, 12.6.2010)
Foto: Christian Ditsch/Version
Deutschland hat zwei Billionen Euro Schulden, lesen wir, das sind
ungefähr 24000 Euro für jeden Einwohner. Deutschland?
Jeder Einwohner? Ich habe keine Schulden. Nun, der Staat sei bei
seinen Bürgern verschuldet. Schulden bei mir? Nicht, daß
ich wüßte! Und wieso soll ich Gläubiger der
Staatsschuld und zugleich Schuldner sein? Kann das mal jemand
erklären? Sind die BRD oder ihre Bürger vielleicht
gegenüber dem Ausland verschuldet? Eigentlich nicht, im
Gegenteil. Die deutschen Forderungen an das Ausland
übersteigen die Verbindlichkeiten um fast 700 Milliarden Euro.
Es ist verrückt: Was man in einigen Zeitungen zu lesen und von
manchen Politikern darüber zu hören kriegt, macht einfach
keinen Sinn.
Wenn die Bundesfinanzagentur, die das Schuldenmanagement des Bundes
betreibt, Schuldenpapiere verkauft, tut sie das nicht auf mein
Geheiß und sie verkauft diese auch nicht an mich. Sie agiert
im Auftrag der Bundesregierung, die zwar vorgibt, dabei meine
Interessen zu vertreten, aber so ganz sicher bin ich mir da nicht.
Und weil ich wie die meisten Bürger gar kein Geld habe, um
Bundesanleihen zu kaufen, müssen es andere sein, die das tun.
Ungefähr die Hälfte der Staatsschuldenpapiere
Deutschlands besitzen ausländische Banken, Pensionsfonds,
andere Staaten und ausländische Privatpersonen. Die andere
Hälfte gehört Banken, Versicherungen, diversen
Vermögensfonds, Beziehern hoher Einkommen und Besitzern
großer Vermögen im Inland. Halten wir also zunächst
fest: Die Regierung verschuldet sich, und sie tut das, ohne mich zu
fragen, in meinem Namen. Und die Gläubiger, diejenigen, die
der Regierung Geld leihen und damit Renditen einfahren, sind
diejenigen, die sowieso schon das meiste verdienen und besitzen.
Sie verwenden diese handelbaren Papiere sogar wie Geld, können
sie be- oder verleihen und machen damit noch mal Profit.

Refundierung der Schuld

Und ich bin derjenige, der mit seinen Steuern die Zinsen bezahlen
muß. Na ja, vielleicht bin ich es auch nicht. Wenn eine
Bundesanleihe fällig wird und die laufenden Zinsen zu
entrichten sind, fragt sich die Bundesregierung, warum soll sie
gerade jetzt die Steuerzahler, von denen sie ja wiedergewählt
werden will, dazu heranziehen? Sie nimmt also lieber einen neuen
Kredit auf und begibt eine neue Anleihe. Das wird nicht an die
große Glocke gehängt, kaum jemand merkt es. Die
Schuldentilgung überläßt sie künftigen
Regierungen und Steuerzahlern, so wie die früheren Regierungen
auch ihr Kreditverpflichtungen hinterlassen haben. Eigentlich ganz
bequem.
Das Verfahren (Refundierung der Schuld) ist uralt. Es funktioniert
so lange, wie mögliche Anleihekäufer genug
überschüssiges Finanzvermögen haben und
überzeugt sind, daß sie ihre Zinsen bekommen und am Ende
den Anleihebetrag zurückkriegen. Außerdem sollte sich
der Kauf einer Staatsanleihe mehr als andere Geldanlagen lohnen,
zumindest aber sicherer sein. Dieser Mechanismus funktioniert auch
im privaten Bereich, wenn ein Fondsverwalter immer aufs neue
willige und liquide Anleger überzeugen kann, ihm ihr Geld
anzuvertrauen. Er zahlt damit seine »älteren«
Gläubiger aus, obwohl der Fonds, in den eingezahlt wird,
vielleicht gar nicht profitabel verwendet wurde. Vor einiger Zeit
hatte der US-Finanzier Bernard Madoff ein solches Pyramidenspiel im
Kettenbriefverfahren mit Superreichen aufgezogen. Es wird nach
einem ähnlichen Betrüger aus den 1920er Jahren auch
Ponzi-Spiel genannt. Madoff genoß als ehemaliger Vorsitzender
der Nasdaq-Börse das Vertrauen der Anleger, bereitwillig
übergaben sie ihm ihre Finanzen. Sein Spiel flog auf, als in
der Krise trotz seiner Reputation niemand mehr Geld bei ihm anlegen
konnte und wollte. Die Pyramide brach zusammen, er konnte den
Schuldendienst nicht mehr aus neuen Anleihen bezahlen und wanderte
in den Knast. Seine Gläubiger verloren nicht weniger als 50
Milliarden Dollar. Auch beim Anleihegeschäft des Staates sind
die Existenz liquider Privatmittel im Inland (zur inneren
Verschuldung) und/oder im Ausland (äußere Verschuldung)
und das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit die entscheidenden
Voraussetzungen dafür, daß eine wachsende Staatsschuld
tragbar bleibt. Madoff hatte gar nicht so unrecht, als er aus dem
Gefängnis heraus seine Kritiker angiftete, der ganze Staat sei
ein Ponzi-Game.



Aber ich habe in diesem Spiel die Arschkarte gezogen. Wenn es die
Regierungen immer weiter betreiben, steigt die Verschuldung. Und wo
es wachsende Verbindlichkeiten gibt, da gibt es wachsende
Vermögen. Ich bin also am Ende der Schuldner, und andere sind
die Gewinner. Halt, sagt man mir, du bist auch ein Gewinner, weil
die Regierung mit den Krediten Investitionen vorgenommen und das
öffentliche Vermögen gemehrt hat. Schön
wär’s! Das öffentliche Bruttovermögen –
dessen Miteigentümer ich angeblich bin – ist zwar
größer geworden, aber die Schulden sind viel
stärker gestiegen. Der Saldo, das Reinvermögen des
Staates, hat sich von 800 Milliarden Euro Anfang der 1990er Jahre
auf 192 Milliarden Euro im Jahr 2009 (aktuellere Zahlen liegen
nicht vor) verringert, die BRD ist verarmt. Und wo ist das ganze
Vermögen hin? Nun, die Banken haben ihr Reinvermögen auf
450 Milliarden Euro etwa verdreifacht und die nichtfinanziellen
Kapitalgesellschaften um etwa 50 Prozent auf 1,5 Billionen
gesteigert. Das meiste Vermögen liegt bei privaten Besitzern,
die vor zwanzig Jahren über reichlich vier Billionen Euro
verfügten und deren Reinvermögen sich auf 8,5 Billionen
mehr als verdoppelte, was einer jährlich vierprozentigen
Verzinsung entspricht. Und es ist kein Geheimnis, daß diese
Güter höchst ungleich verteilt sind. Den oberen zwei
Zehntel der Bevölkerung gehören 80 Prozent davon, dem
reichsten Zehntel allein über 60 Prozent. Die unteren
Schichten haben nichts und weniger als nichts, sie sind wie der
Staat verschuldet. Die Formel »öffentliche Armut bei
privatem Reichtum« ist also höchst
überarbeitungsbedürftig; öffentlicher und privater
Armut steht der ungeheure private Reichtum weniger gegenüber.
An dieser Verteilungsspirale haben die Regierungen eifrig
mitgedreht. Jahr für Jahr fließen den
Staatsgläubigern je nach Zinsstand zur Zeit zwischen 60 und
70, in den kommenden Jahren sogar bis an die 100 Milliarden Euro zu
– jedes Jahr, wohlgemerkt. Das sind in den letzten zwanzig
Jahren über 1,3 Billionen Euro, die der Staat zum Aufpumpen
der Vermögensblase beigetragen hat. Die müssen zwar
versteuert werden, aber ohne daß etwas übrig bleibt,
werden die Besitzenden dem Staat wohl kaum Geld leihen, ganz davon
abgesehen, daß sie die Regierungen dazu gebracht haben, ihre
Steuern immer weiter zu senken.

Abhängigkeit vom Finanzkapital


Und dann gibt es noch die Aasgeier der Finanzwelt, die am Abfall
der Schulden verdienen. Die Gläubiger wollen sich vor einem
Kreditausfall schützen, und diese Versicherungen, die Credit
Default Swaps, kosten Prämien. Wenn die Versicherer, diverse
Spekulanten und die Rating­agenturen die Zahlungsfähigkeit
eines Staates schlechtreden, können höhere Prämien
kassiert werden. Bei ihren Zinsforderungen berücksichtigen das
die Käufer der Anleihen – und der Staat muß
höhere Zinsen zahlen. Am Ende kommt es vielleicht genau wegen
solcher Spekulationen zu Zahlungsschwierigkeiten. Deutschland ist
zwar momentan davon nicht betroffen, bei einigen Euro-Ländern
ist das jedoch der Fall. Hier zeigt sich in besonders eklatanter
Weise die Abhängigkeit eines verschuldeten Staates von den
Finanzjongleuren, die den Kreditmarkt beherrschen. Der ehemalige
Bundesbankpräsident Axel Weber forderte sogar die
»Disziplinierung« der Politik durch »den
Markt«. Den Schaden haben die Steuerzahler; ganz zu schweigen
von der Demokratie.



Manche sagen, es sei gut, wenn sich der Staat verschuldet, weil
damit ein intergenerativer Lastenausgleich stattfinde. Wenn zum
Beispiel eine Brücke mit Steuergeldern gebaut worden war,
hatte er damit die damalige Generation belastet, und auch ich
hätte heute den Nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Das
wäre doch ungerecht. Aber egal, ob steuer- oder
kreditfinanziert, die Vorfahren hätten diese Kosten auf jeden
Fall tragen müssen, weil man von noch nicht Lebenden nichts
borgen kann. Wenn der Staat ein Vorhaben mit Krediten finanziert,
sind seine Gläubiger immer Angehörige der existierenden
Generation, und die Güter und Leistungen, die er braucht, sind
ebenfalls von ihr produziert. Ob steuer- oder kreditfinanziert, die
öffentliche Investition wird immer – von
Auslandskrediten abgesehen – von der jeweils lebenden
Generation bezahlt. Es kann also nicht richtig sein, einfach nur
verschiedene Altersstufen zu unterscheiden. Vielmehr müssen
Gläubiger und Schuldner, im speziellen Fall Steuerschuldner,
in damaligen, gegenwärtigen und künftigen Generationen
unterschieden werden. Meine hat nicht nur die Staatsschulden von
damals geerbt, sondern – abgesehen vom öffentlichen
Vermögen, das mit diesen Investitionen geschaffen wurde, wenn
es denn geschaffen wurde – natürlich auch die damit
untrennbar verbundenen Forderungen. Nur das in der heutigen
Generation eben die Erben der reichen Gläubiger und die Erben
mit der Arschkarte unterschieden werden müssen. Die
Steuerschuldner zahlen den Kredit an die Erben der
Staatsgläubiger zurück. Schuldensumme und Forderungssumme
sind innerhalb jeder Generation gleich groß.



Der Nutzen aus öffentlichen Investitionen steht in keinem
Bezug zu Laufzeit, Verzinsung und Tilgung der Verbindlichkeiten aus
Staatspapieren. Außerdem wird diejenige Generation der
Steuerzahler, bei der diese Schuld schließlich zur Tilgung
ansteht, keineswegs gerecht behandelt, weil sie allein belastet
wird (die Erben der Gläubiger verbuchen das in dieser Zeit als
Einnahme), während die nachfolgenden und die
Zwischengenerationen nur den Nutzen und keine Kosten haben. Erfolgt
keine Tilgung, sondern nur eine Refundierung der Schuld, leisten
die künftigen Steuerzahler den Schuldendienst weiter, obwohl
die Vermögen, in die vor Jahrzehnten investiert wurde,
vielleicht gar nicht mehr existieren. Die Brücke ist
womöglich längst zusammengebrochen, weil wegen der
Zinsbelastung das Geld zu ihrem Erhalt gefehlt hat. Ist es in den
Unterhalt einer Armee von Erwerbslosen geflossen (von anderen
Armeen ganz zu schweigen), die nicht beschäftigt wurden, weil
sie zu wenig Profit erwirtschaftet hätten, sind die
kreditfinanzierten Mittel aufgezehrt, konsumiert worden. Das
Erwerbslosenheer von vier Millionen Menschen kostete im vergangenen
Jahrzehnt dem Staat jährlich zwischen 70 und 90 Milliarden
Euro. Ohne diese Ausgaben hätte er locker ausgeglichene
Haushalte hinlegen können. Und all das soll vernünftig
und gerecht sein?

Steuern oder Schulden


Die Regierung hätte die Mittel für öffentliche
Investitionen auch über Steuern auf jenes Vermögen
aufbringen können, aus dem diese Kredite gespeist worden
waren. Zieht sie eine Schuldenaufnahme vor, handelt es sich
lediglich um diejenige Finanzierung, die politisch am ehesten
durchgesetzt werden kann. Die Staatsgläubiger gehören in
der Regel jener Schicht an, die über die Mittel verfügt,
die auch für eine Steuerfinanzierung zur Verfügung
stünden. Aber dies ist zugleich jene Schicht, die über
den politischen Einfluß verfügt, eine höhere
Besteuerung ihrer Einkommen und Vermögen zu verhindern oder
sogar Steuersenkungen für sich durchzusetzen. Also nehmen die
Regierungen bei ihnen lieber Kredite auf. Zu einer solchen
Geldanlage sind die Vermögenden gerne bereit, denn die vom
Staat angebotene Verzinsung ist akzeptabel und sicher; man kann
sich die Hände reiben. Ein guter Teil der Steuersenkungen
für sie wurde durch Steuer- und Abgabensteigerung sowie
Gebührenerhöhung an anderer Stelle wieder herausgeholt.
Das »Netto vom Brutto« hat sich bei den
Arbeitseinkommen kontinuierlich verringert (nur bei den
Schwerverdienern wurde durch Senkung der Spitzensteuern
gegengehalten), während es sich bei den Kapitaleinkünften
sukzessive erhöht hat. Das Argument der Gerechtigkeit zwischen
Generationen ist also nur vorgeschoben. Gerecht wäre es, wenn
angesichts des vorhandenen Reichtums der Vermögenden diese
nicht in Form von verzinslichen Staatsanleihen, sondern durch
Anhebung der progressiven Steuerkurve am oberen Ende sowie durch
eine angemessene Besteuerung der Kapitaleinkommen, Vermögen
und Vermögenstransfers stärker zur Finanzierung des
Gemeinwesens herangezogen würden.



Zu den Legenden über die Verschuldung gehört auch die
These, wir lebten »über unsere Verhältnisse«
und müßten deshalb sparen. Wie die Analyse gezeigt hat,
sind nicht einfach »wir« verschuldet, und es sind auch
nicht »die« Bürger Nutznießer oder
Gläubiger der Staatsschuld. Also können es auch nicht
»wir« sein, die über die Verhältnisse leben.
Nachdem dies klargestellt ist, sollte dennoch gefragt werden, ob,
und wenn ja, wer bei einer Verschuldung über seine
Verhältnisse lebt. Unterstellt, der Staat in der Gestalt der
Regierung sei der demokratisch legitimierte Wahrer unser aller
Interessen. Nehmen wir weiter an, seine Steuerpolitik belaste alle
Bürger in gerechter Weise, und seine Ausgaben kommen allen
angemessen zugute. Unterstellen wir ferner, bei einer
Kreditaufnahme würden wir alle Anleihen kaufen und damit im
selben Maße Gläubiger des Staates werden und an den
Zinsen partizipieren. Was wäre dann unter »über
unsere Verhältnisse leben« zu verstehen? Das hier
charakterisierte Gemeinwesen kann schwerlich über seine
Verhältnisse leben, wenn der Staat nur nach innen, seinen
Bürgern gegenüber, verschuldet ist. Denn
»wir« sind zwar in der einen Tasche verschuldet, haben
aber in der anderen Tasche dafür eine Anleihe als Forderung.
Über seine Verhältnisse lebt ein solches Gemeinwesen nur
dann, wenn es netto nach außen verschuldet ist und die
Forderungen des Auslands höher als seine an das Ausland sind.
Dies ist, wie gesagt, in Deutschland nicht der Fall.



Heben wir jetzt die Fiktion der Identität von Staat und
Bürger und eines gerechten Gemeinwesens auf. Jeder, der einen
Kredit aufnimmt, sei es ein Unternehmen, ein Privathaushalt oder
eine Regierung, tut das, weil seine momentane Einkommens- und
Vermögenssituation die Finanzierung eines bestimmten Vorhabens
nicht zuläßt. Letzteres kann aus freien Stücken
geplant sein, etwa die Investition eines Unternehmens oder der Kauf
eines Autos oder ein Hochschul­erweiterungs­programm. Die
Entscheidung kann auch einer Notlage entspringen, was zum Beispiel
der Fall ist, wenn eine Naturkatastrophe die Beschäftigung und
die Staatseinnahmen sinken läßt, die Beseitigung der
Folgen aber Mehrausgaben erfordern. Den
»Verhältnissen« entspricht eine solche
Kreditaufnahme immer dann, wenn zu erwarten ist, daß der
Schuldner in der Lage sein wird, den künftigen Schuldendienst
pünktlich zu leisten. Die von der Bundeskanzlerin Angela
Merkel zur Begründung ihres Sparkurses zitierte
schwäbische Hausfrau, die angeblich wisse, daß man nicht
mehr ausgeben kann, als man habe oder verdiene, würde sich
für Merkelsche Ratschläge schön bedanken. Mit dieser
Weisheit hätte sie sich ihr berühmtes Häuschen im
Grünen nie und nimmer kaufen können.



Aber der Staat ist alles andere als eine schwäbische Hausfrau.
Seine Hoheitsrechte, die Steuerhoheit, die Währungshoheit und
das Gewaltmonopol, erlauben es ihm, den Schuldendienst unter nahezu
allen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Reichen Steuererhöhungen
und Sparprogramme nicht aus, könnten die Schulden mittels der
Ausgabe neugedruckten Papiergeldes bezahlt werden (Monetarisierung
der Staatsschuld) oder ganz bzw. teilweise gestrichen werden
(Haircut). Stünden gesetzliche Regelungen solchen
Lösungen entgegen, könnte man sie ja ändern. All
dies muß natürlich politisch durchgesetzt werden und
wird zu Konflikten darüber führen, welche sozialen
Schichten mehr oder weniger belastet werden sollen. Die
Staatsgläubiger jedenfalls sind, wenn es hart auf hart kommt,
auch einer gewaltsamen, womöglich diktatorischen Lösung
nicht abgeneigt. Dies gilt für die innere Verschuldung
uneingeschränkt, auch wenn es unschöne Nebenwirkungen und
Risiken gibt. Für die äußere Verschuldung trifft
das freilich nur bei entsprechenden außenpolitischen
Machtverhältnissen zu. Hier liegt eine Achillesferse der
Staatsverschuldung, was anhand des politisch und ökonomisch
schwachen Griechenlands studiert werden kann. Als Deutschland und
Frankreich 2003 als erste Euro-Länder gegen die Schuldenregel
verstießen, wurde sie kurzerhand geändert. Kann eine
Regierung diese Maßnahmen nicht durchsetzen, muß sie
den Bankrott erklären.

Destruktive Vermögensbildung


Über seine hoheitlichen Rechte verfügt der Staat bereits
zum Zeitpunkt der Entscheidung über eine Kreditaufnahme. Die
schwäbische Hausfrau, die ihr Häuschen nach einer
etwaigen Katastrophe wieder aufbauen muß, hat keine Wahl.
Wenn die Versicherung nicht genügend zahlt, wird sie einen
Kredit aufnehmen müssen. Sparen geht nicht, sie hat ja alles
verloren. Aber eine Regierung hat immer die Option, Steuern und
Abgaben zu erhöhen oder einen Kredit aufzunehmen. Es besteht
kein Zwang, sich zu verschulden. Und tut sie es dennoch, sind
dafür politische Gründe und die Machtverhältnisse
ausschlaggebend. Letzteres gilt übrigens auch für die
deutschen Länder und Kommunen. Sie können keine
eigenständige Steuer- und Finanzpolitik machen, es bleiben oft
nur Kreditaufnahme oder Sparhaushalte als Option, und das Diktat
der Schuldenbremse beraubt sie selbst dieser letzten
Wahlmöglichkeit.



Wenn also vom »über die Verhältnisse leben«
gesprochen wird, impliziert dies stillschweigend, daß die
Regierung die Steuern nicht erhöhen und nicht zu anderen
Mitteln der Entschuldung greifen will oder kann, aber immer brav
die Zinsen an die Gläubigern zahlen möchte. Das Argument,
Steuererhöhungen seien wachstumsfeindlich, stimmt so nicht. Es
hängt davon ab, wo sie greifen. Werden die Vermögen
potentieller Staatsgläubiger höher besteuert, ist das
keineswegs wachstumsschädlich. Ganz im Gegenteil, damit wird
die effiziente Allokation (Verteilung) ansonsten brachliegenden
Vermögens gewährleistet, weil es einer besseren Nutzung
zugeführt wird. So könnten die Sanierung kaputter
Brücken oder auch Ausgabensteigerungen im kulturellen und
Bildungsbereich erfolgen. Letztere sind zwar aus kurzfristiger
Sicht konsumtiv, somit keine Vergrößerung des
öffentlichen Vermögens, aber ihr längerfristiger
Nutzen ist unbestreitbar.



Aber wie ist es mit den kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen in
der Weltwirtschaftskrise? Wäre ohne sie und die
milliardenschwere Bankenrettung nicht alles viel schlimmer
gekommen? Stimmt! Wenn es in einer Rezession an Nachfrage fehlt,
weil zu wenig konsumiert wird und die Investitionen zu gering sind,
weil sie nicht ausreichend Profit abwerfen, kann der Staat die
fehlende Nachfrage ausgleichen. Er nimmt bei denjenigen Kredite
auf, die ihr Geld nicht ausgeben, sondern sparen, und gibt es
nachfragewirksam selbst aus. Würde er das nicht tun und
womöglich eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte
durch Sparen einleiten, wäre die Nachfrage noch niedriger. Die
Produktion, die Beschäftigung und die Einkommen würden,
wie in Griechenland zu erleben, weiter sinken.



Ist diese Logik nicht widersinnig? Stimmt auch! Der Staat kann zwar
so handeln, er kann aber auch anders. In der Krise saßen die
Banken auf ihrem Geld wie Dagobert Duck im Geldspeicher und waren
weder mit guten Worten noch kaum mit Barem herauszulocken, denn das
Verborgen war trotz hoher Zinsen zu unsicher (Kreditklemme).
Staatsanleihen sind da sehr willkommen, zwar niedrig verzinst, aber
immerhin sicher. Wenn jedoch zuviel gespart und zu wenig
nachgefragt wird, warum soll der Staat das brachliegende,
überakkumulierte Kapitalvermögen wiederum nur über
Kreditaufnahme abschöpfen, um mit dem Schuldendienst in der
nächsten Runde das Sparen und die Reichtumsblase erneut zu
fördern? Warum versucht er nicht wenigstens, diese destruktive
Vermögensbildung an der falschen Stelle und bei den falschen
Leuten zu reduzieren (wenn er sie denn nicht gänzlich
unterbinden kann), indem er für eine ausgeglichene Verteilung
sorgt und Überschüsse – wie es sogar das
Stabilitätsgesetz mit der Konjunkturabgabe vorsieht –
wegsteuert? In den zwanzig Jahren seit Beginn der 1990er hat der
Staat, wie wir gesehen haben, seinen Gläubigern 1,3 Billionen
Euro in Form von Zinsen zugeführt und damit, weil diese es
nicht vollständig konsumtiv oder investiv ausgeben, das Sparen
gefördert. Im selben Zeitraum hat er netto 0,9 Billionen
ausgabenwirksame Kredite aufgenommen. Das heißt, er hat die
Vermögensblase mit einem höheren Betrag als die Nachfrage
gefüttert. Und sein Bankenrettungsprogramm hat Reichtum
abgesichert, der jetzt, im Aufschwung innerhalb des
Wirtschaftszyklus, erneut Überakkumulation und Blasenbildung
befeuert.

Auf in den nächsten Crash


Steht alles wieder auf Anfang? Nicht ganz. Die Staatsgläubiger
kriegen kalte Füße. Das Ponzi-Spiel soll mal pausieren,
sie rufen nach Cash. Sie wollen keinen Haircut riskieren oder ihr
Vermögen in einer Inflation dahinschmelzen sehen. Steuern
erhöhen wollen sie auch nicht, es sei denn, es handelt sich um
indirekte für die Verbraucher. Aber wie kommen sie dann zu
ihrem Geld? Klar, der Staat soll sparen, um den Schuldendienst
aufrechtzuerhalten, denn diese Zahlungen sind ihnen sakrosankt.
Dafür wird die öffentliche Daseinsvorsorge geschreddert,
das öffentliche Eigentum privatisiert, es werden Rentner und
Hartz-IV-Bezieher geschröpft, soziale Leistungen, Kultur und
Bildung vielerorts geopfert oder verteuert. Nachdem auch infolge
der Vermögensblase die Wirtschaft in eine ihrer tiefsten
Krisen gerutscht war und die Bankrotteure mit Milliarden
Steuergeldern gerettet wurden, bitten sie zur Kasse, und die
Regierung führt das Inkasso durch. Und so geht es in den
nächsten Crash. Wie dieser Irrsinn endet? Gar nicht, wenn er
nicht beendet wird.



Dr. oec. habil. Jürgen Leibiger ist Dozent für
Volkswirtschaftslehre an der Sächsischen Verwaltungs- und
Wirtschaftsakademie Dresden. 2010 veröffentlichte er im Verlag
PapyRossa das Standardwerk für eine alternative Finanzpolitik
»Reclaim the Budget – Staatsfinanzen
reformieren«



Vom Autor erscheint im August: Bankrotteure bitten zur Kasse.
Mythen und Realitäten der Staatsverschuldung, PapyRossa,
Köln 2011, etwa 220 Seiten, ca. 12,90 Euro, ISBN
978-3-89438-466
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