Mittwoch, 16. September 2015

Corbyn: "Vor allem hat sich gezeigt, dass #Millionen #Menschen eine #echte #Alternative #wollen ."

 

Corbyn: „Vor allem hat sich gezeigt, dass Millionen Menschen eine echte Alternative wollen …"

 
[via Nachdenkseiten]
 

Am 13. September erschien ein Artikel des neuen Labour-Vorsitzenden im Guardian. Carsten Weikamp hat diesen Beitrag für die NachDenkSeiten übersetzt. Danke und das ist gut so, weil darin einige weiterführende Äußerungen Corbyns enthalten sind. Sie finden unten diesen Text und dann noch einige wenige Leserbriefe zum Thema und zu meinem Beitrag von gestern.

Albrecht Müller.

„Großbritannien kann sich nicht zu Wohlstand sparen. Wir müssen ihn schaffen."

von Jeremy Corbyn, Sonntag, 13. September 2015

Quelle: the guardian

(Übersetzt für die NachDenkSeiten von Carsten Weikamp)

Die Wahl der Labour-Parteiführung war eine außerordentliche Demonstration von Basisdemokratie und öffentlicher Beteiligung, die die konventionellen Vorstellungen von Politik auf den Kopf gestellt hat. Wir haben hunderttausende Menschen aller Altersstufen und Hintergründe überall im Land erreicht, weit über die langjährigen Aktivisten und Mitstreiter hinaus.

Wer kann jetzt noch ernsthaft behaupten, dass sich junge Leute nicht für Politik interessieren, oder dass es kein Interesse für Politik gibt?

Vor allem hat sich gezeigt, dass Millionen Menschen eine echte Alternative wollen, nicht „business as usual", sowohl innerhalb als auch außerhalb der Labour-Partei.

Die Hoffnung auf Veränderung und das Einbringen großer Ideen ist jetzt in die Politik zurückgekehrt: Beenden der Austerität, Beseitigen von Ungleichheit, Streben nach Frieden und sozialer Gerechtigkeit im In- und Ausland. Dafür war die Labour-Partei vor mehr als einhundert Jahren gegründet worden.

Diese Wahl hat dem Gründungsauftrag eine neue Kraft für das 21. Jahrhundert gegeben: eine Labour-Partei, die den 99% eine Stimme verleiht.

Die Deutlichkeit der Wahl vom Samstag ist ein unmissverständliches Mandat eines demokratischen Aufschwungs, der bereits eine soziale Bewegung geworden ist. Ich bin geehrt und demütig angesichts des Vertrauens, das unsere Mitglieder und Unterstützer in mich setzen, und ich werde alles geben, das ich habe, um dieses Vertrauen zurückzuzahlen.

Wir haben auf der Grundlage von Themen, nicht Personen, gekämpft und gewonnen, ohne Schmähungen und Groll. Um jeden Zweifel absolut auszuräumen: Unter meiner Führung soll es um Einheit gehen, darum, alle Talente einzubinden – die Hälfte meines Schattenkabinetts ist mit Frauen besetzt – und auf jeder Ebene der Partei zusammenzuarbeiten.

Unser Ziel ist, die hunderttausende, die sich an den Parteiführungswahlen und der Londoner Bürgermeisterwahl beteiligt haben, ins Herz der Partei zu schließen. Wir werden Erfolg haben, wenn wir Labour wieder zu einer Bewegung machen.

Es geht auch darum, die Demokratie wieder an die Macht zu bringen. Es wird keine Erlasse der Führung von oben herab geben. Meine Führung wird darin bestehen, Ideen aus allen Ebenen der Partei und der Labour-Bewegung zusammenzuführen, von den Hinterbänken wie aus den vorderen Reihen. Sich inspirieren zu lassen aus einer enorm erweiterten Partei in den Gemeinden und jedermanns Talente zu nutzen, um politischer Konzepte zu entwickeln, die Angriffe der Regierung auf die Gemeinden abzuwehren und Unterstützung für den politischen Wechsel aufzubauen.

Wir können eine neue Art Politik machen: gütiger, respektvoller, aber auch mutig. Wir machen Dinge möglich, indem wir für Veränderung werben. Wir können Meinungen ändern, wir können Politik ändern, wir können die Dinge besser machen.

Die wichtigste Botschaft meiner Wahl für die Millionen, die wir brauchen, um Labour zu wählen und die Tories aus dem Amt zu verdrängen, ist, dass die Partei nun unmissverständlich auf ihrer Seite ist. Wir kennen die Hoffnung, und wir wissen, dass wir unsere Bestrebungen nur gemeinschaftlich realisieren können.

Jeder strebt nach einem bezahlbaren Heim, einem sicheren Job, besserem Lebensstandard, verlässlicher Gesundheitsversorgung und einer anständigen Rente. Meine Generation hat das für selbstverständlich gehalten, und das sollen auch die zukünftigen Generationen.

Die Konservativen führen gerade ein Gewerkschaftsgesetz ein, das es für Arbeiter schwerer machen wird, auf der Arbeit eine faire Behandlung zu bekommen, für eine gerechte Bezahlung und eine bessere Work-Life-Balance zu kämpfen. Gewerkschaften sind eine Kraft des Guten – eine Kraft für eine gleichere Gesellschaft. Vereint wird Labour gegen diese antidemokratische Attacke auf Gewerkschaftsmitglieder stimmen.

Am Dienstag wird die Regierung Verordnungen auf den Weg bringen, die Steueranrechnungen aufheben, wodurch tausende arbeitender Familien schlechter dastehen werden. Steueranrechnungen sind ein wichtiger Rettungsanker für viele Familien, und Labour wird sich diesen Kürzungen entgegenstellen.

Auch ist klar, dass uns der Premierminister bald wieder bitten wird, Syrien zu bombardieren. Das wird Flüchtlingen nicht helfen, das wird mehr Flüchtlinge erzeugen.

Isis ist völlig verabscheuungswürdig, und Präsident Assads Regime hat entsetzliche Verbrechen begangen. Wir müssen aber auch gegen die saudischen Bomben auf den Jemen sein und gegen die Diktatur im Bahrain, die ihre demokratische Bewegung mit von uns gelieferten Waffen ermordet.

Unsere Rolle wird sein, für Frieden und Abrüstung überall auf der Welt zu werben.

Für die Konservativen ist das Haushaltsdefizit nur eine Entschuldigung, um immer weiter die gleiche alte Tory-Agenda durchzupeitschen: Löhne herunterzufahren, Steuern für die Reichsten zu kürzen, zuzulassen, dass Hauspreise ins Unermessliche steigen, unser Staatsvermögen zu verkaufen und die Gewerkschaften anzugreifen. Man kann sich den Weg zum Wohlstand nicht bahnen, man muss ihn schaffen: in moderne Infrastruktur investieren, in Menschen und ihre Fähigkeiten, innovative Ideen nutzen und neue Wege finden, den Klimawandel anzugehen, um unsere Umwelt und unsere Zukunft zu schützen.

Unsere Aufgabe ist, zu zeigen, dass die Wirtschaft und unsere Gesellschaft so gestaltet werden können, dass sie für alle taugen. Das heißt, sicherzustellen, dass wir gegen Ungerechtigkeit aufstehen, wo immer wir sie antreffen, und für eine fairere und demokratischere Zukunft zu kämpfen, die die Bedarfe aller erfüllt.

Die humanitäre Antwort gewöhnlicher Menschen in ganz Europa in den vergangenen Wochen hat das Verlangen nach einer anderen Art Politik und Gesellschaft gezeigt. Die Werte von Mitgefühl, sozialer Gerechtigkeit und Internationalismus sind im Kern der demokratischen Eruption in Labours stark ausgeweiteten Reihen.

Diese Werte sind tief in der Kultur der britischen Bevölkerung verankert. Unser Ziel ist jetzt, dafür zu sorgen, dass der Geist und Hunger nach Veränderung, der die Unterstützung der Labour-Partei gewonnen hat, ganz Großbritannien erfasst.

Leserbriefe zur Vorsitzendenwahl für die Labour Party und zu diesem Beitrag in den NachDenkSeiten:

Verehrte Redaktion,

ich finde bezüglich der Wahl Corbyns zum Labour-Chef auch die Reaktion von Mr. Cameron extrem bezeichnend; das solltet ihr vielleicht noch einbauen.

Er bezeichnet Labour nämlich als Gefahr für die nationale Sicherheit, die Wirtschaft(!) und die Familien.

Und zwar hier.

Das sollte man der Nachwelt nicht vorenthalten, wie ich finde.

mfG

Arndt St.

Sehr geehrter Herr Müller,
vielen dank für die in Ihrem Beitrag enthaltenen notwendigen Klarstellungen.
Wie erwartet liegt der Haupttenor der Medien hier in Frankreich (mit wenigen Ausnahmen) auf der gleichen Linie: „linksradikal", „rückwärtsgewandt", „loony left", usw.
Grüße aus Frankreich.
L. Torrès
PS. Übrigens erinnert Corbyns Eintreten für eine „decent society" sehr stark an Orwells Begriff der von den kleinen Leuten gepflegten „common decency".

Hallo Herr Müller,
zunächst vielen Dank für die umfassende Beschreibung des neuen Labour-Chefs, die sich abhebt von den herabwürdigenden Äußerungen der „Qualitätsmedien". Die Meldung In der Tagesschau am 12. 09. war ebenso tendenziös und hat mich geärgert. Sofort wurde eine Stärkung der Konservativen herbeiprophezeit.
Alle Politiker, die sich von der neoliberalen Linie der führenden Sozialdemokraten in Europa positiv abheben, werden sofort als Spinner oder Utopisten bezeichnet (s. auch Alexis Tsipras oder Pablo Iglesias Tourrion).
Ich hoffe, dass diese Genossen sich bei den jeweils anstehenden Wahlen durchsetzen können und eine wirksame Gegenposition zu der neoliberalen Politik in Europa, insbesondere gegen TTIP, Ceta und Tisa sowie in der Steuer- und Militärpolitik beziehen und auch durchsetzen.
Und vor allem sollte sich unsere SPD durchringen, von ihrer teilweise verfehlten Politik in der GroKo etc. endlich Abstand zu nehmen und sich mit diesen Bewegungen zu solidarisieren anstatt sie zu verteufeln.
Mit freundlichen Grüßen
Peter B.

Beitrag über Jeremy Corbyn
Sternstunde
Gerhard G.

Danke für die Reaktionen, A.M.




--->>> #Geplanter #Verschleiß #als #organisierter #Betrug [via Nachde4nkseiten]

Geplanter Verschleiß als organisierter Betrug

[via Nachdenkseiten]
 
 

Ob Drucker, Mobiltelefon oder Fernseher – bereits kurz nach Ablauf der Garantie sind viele Geräte reif für den Müll. Eine Reparatur lohnt sich nicht oder ist gar nicht erst möglich. Kalkuliert sorgen die Hersteller dafür, dass ihre Produkte frühzeitig kaputtgehen, damit wir Verbraucher mehr konsumieren.

Sinnlose Müllberge und ein enormer Ressourcenverbrauch sind die Folge. 

Jens Wernicke sprach mit Christian Kreiß, der seit Langem zum Thema forscht und publiziert.

Herr Kreiß, das Thema „Geplante Obsoleszenz" geistert immer wieder einmal durch die Medien, dennoch wissen wir viel zu wenig hiervon. Sie sind Autor eines der wichtigsten Bücher zum Thema. Um was geht es bei dieser „Obsoleszenz"?

Es geht darum, dass Hersteller verdeckt die ökonomische Haltbarkeit von Produkten verkürzen, so dass wir als Kunden vorzeitige Ersatzkäufe machen müssen. Das ist ein sehr effektives Absatzinstrument und eine Spielart der verdeckten Produktverschlechterung.

Wenn wir Kunden ein Produkt kaufen, erwerben wir im Normalfall die Nutzung des Gutes für eine bestimmte Zeit. Gelingt es dem Hersteller, die Haltbarkeit des Produktes zu verkürzen, ohne dass der Preis entsprechend gesenkt wird, steigt der Preis pro Nutzung. So eine verdeckte Preiserhöhung hat für den Hersteller den großen Vorteil, dass wir Kunden sie normalerweise nicht so leicht erkennen, weil es oft Jahre dauert, bis man es merkt.

Verstehe ich recht: Die Verbraucher werden also … raffiniert behumst?

Ja, betrogen, mittels eines ganz legalen Betrugssystems. Seit ungefähr 90 Jahren bekommen wir beispielsweise minderwertige Glühbirnchen, werden seit drei Generationen also mit schlechter Qualität über den Tisch gezogen. Denn 1926 beschlossen alle namhaften Glühbirnenhersteller in einem internationalen Kartell in Genf, die Lebensdauer der Glühbirnen ungefähr zu halbieren. Das hat über ein internes Kontroll- uns Strafensystem auch perfekt funktioniert und funktioniert auch heute noch. Die Vorgehensweise dazu kann man in den Akten nachlesen, das ist ganz offen bewiesen. Und dieses System wird auf ganz vielen Gebieten bis heute angewandt.

Früher hat man ganz anders darüber gesprochen. Zum Beispiel sagte ein führender Manager des großen US-Autobauers General Motors in den 20er Jahren: „Our big job is to hasten obsolescence", unsere große Aufgabe ist die Verkürzung der Lebensdauer. Und bei General Electric hieß es in den 30er Jahren zur heimlichen Reduzierung der Produktlebensdauer etwa: „We are giving no publicity whatever to the fact". Na logisch, wer wirbt schon mit: „Neu, unser neuestes Produkt hält jetzt kürzer!" ?
Also die Strategie war ganz klar: Machen, aber ja nicht darüber reden, das würde den Umsatz killen. Einer der führenden US-Entwicklungsingenieure, Brooks Stevens, sagte schon 1958: „Our whole economy is based on planned obsolescence". Das Betrugssystem ist also alt, etabliert und funktioniert bis heute einwandfrei.

Und wie müssen wir uns das genau vorstellen? Können Sie bitte beschreiben, wie derlei organisiert wird?

Ganz einfach. Angenommen im Markt für elektrische Rasierapparate gibt es zwei große Anbieter. Anbieter A hat die Idee, bei einer neuen Modellreihe billigeres Material zu verwenden, zum Beispiel Plastik statt Stahl. Das bringt ihm zwei Vorteile: 1. Kosteneinsparungen durch die billigeren Materialien: Dadurch gehen die Gewinne hoch. 2. Die Lebensdauer verkürzt sich um vielleicht ein Zehntel, also vielleicht um ein Jahr – das merkt kein Mann: oder wissen Sie noch, wann Sie Ihren Rasierer gekauft haben? – und wir Männer müssen uns früher einen Ersatzrasierer anschaffen. Dadurch geht der Umsatz hoch und die Gewinne steigen nochmal.

Ein Zahlenbeispiel dazu: Angenommen, ein elektrischer Rasierer kostet 100 Euro und hat eine Laufzeit von 2.000 Rasuren, dann kostet einmal rasieren 5 Cent. Wird die Laufzeit um 20 Prozent auf 1.600 Rasuren reduziert, dann steigt der Preis für einmal rasieren um satte 25 Prozent auf 6,25 Cent. Bei gleichbleibenden oder gar sinkenden Herstellkosten bedeutet das einen riesigen Anstieg der Gewinne. Das ist ein gigantischer Anreiz für Hersteller.

Konkurrent B sieht den Erfolg von Anbieter A und macht dasselbe. So wird das Spiel und werden dessen Regeln zum Normalfall und jeder konkurriert mit jedem um das beste Mitspiel-Ergebnis. Für uns bedeutet das, dass über viele Jahre hin die Lebensdauer der Produkte ständig leicht abnimmt, sodass sie sich zum Beispiel über einen Zeitraum von 20 Jahren halbiert.

Ja, aber auf sowas Primitives fallen die Kunden doch nicht herein – die wandern doch sofort ab zur Konkurrenz!

Es funktioniert natürlich nur, wenn wir Kunden es nicht merken, genauer: wenn wir nicht gescheit vergleichen können.

Stellen wir uns mal vor, wir wollen einen Staubsauger in einem großen Elektromarkt einkaufen. Wir schauen sie uns an und fragen uns, ob auf den Staubsaugern draufsteht:

  1. Wie lange halte ich?
  2. Kann man mich reparieren (bin ich verklebt oder verschraubt)?
  3. Gibt es für mich nach 3 Jahren noch Ersatzteile?
  4. Was kosten meine Ersatzteile?
  5. Was kostet meine Reparatur in 3 Jahren?

Das müssten wir nämlich alles wissen, damit wir herausbekommen, was eigentlich eine Stunde staubsaugen tatsächlich kosten wird – wie hoch also die so genannten Total Costs of Ownership sind. Und nur wenn wir den Preis pro Nutzung wissen, können wir uns überhaupt vernünftig entscheiden und ggf. zur Konkurrenz abwandern. Wir wissen es aber nicht – und vom Konkurrenten wissen wir es genauso wenig. Der schreibt es ja auch nicht drauf. Und wo das Wasser so trübe ist, funktioniert die Strategie der verdeckten Preiserhöhung durch verdeckte Produktverkürzung eben wunderbar; weil wir Kunden ja sozusagen wehrlos dagegen sind.

Können Sie denn belegen, dass das irgendwer macht? Ein Beispiel, ein nachweisbares, wäre gut…

Na, nichts leichter als das. Schrauben Sie mal einen Laserdrucker auf und sehen sich den Toner bzw. den eingebauten Chip an. Der signalisiert zum Beispiel nach 2.500 Druckseiten „Toner leer" und druckt daher nicht weiter. Stimmt aber gar nicht. Der Toner hat dann oft noch Saft für weitere 2.500 oder 5.000 Seiten. Man braucht nur den Chip neu zu programmieren, schon findet ein kleines Druckwunder statt. Zufall?

Oder versuchen Sie mal den Akku aus einer elektrischen Zahnbürste oder so manchem anderen Elektrogerät auszubauen, wenn er seinen Geist aufgegeben hat. Gerät funktioniert noch tadellos, da der Akku aber in aller Regel nicht austauschbar ist, liegt ein Totalschaden vor. Dummer Zufall? Zufällig wirken alle diese Phänomene immer zugunsten der Gewinne der Hersteller und zulasten der Geldbeutel der Verbraucher.

Eine kleine Anekdote hierzu auch noch: Auf einer wissenschaftlichen Tagung zu geplanter Obsoleszenz, auf der ich anwesend war, wurde der Vertreter der Stiftung Warentest gefragt, ob denn Stiftung Warentest diesen Vorwürfen mit den Chips nachgehe und einfach einmal Drucker aufschraube und nachsehe. Die Antwort war sinngemäß: Solchen unhaltbaren Gerüchten würde man aus Prinzip nicht nachgehen. Man hat also nichts aufgeschraubt. Dabei sind diese sogenannten Gerüchte hundertfach belegt, auch durch Reparatur-Profis. Merkwürdig. Und das von sogenannten Verbraucherschützern…

Und um was für Produkte geht es dabei?

Hauptsächlich um Haushalts-Elektroprodukte wie Kühlschränke, Bügeleisen, Glühbirnen oder Fernseher. Aber auch andere Produkte wie Kleidung, Möbel oder Schuhe sind davon betroffen. Ein Beispiel: Wenn Sie ein Sofa kaufen: Wissen Sie, wie viele Sitzstunden das hält? Oder bei einem Paar Schuhe? Oder beim Kauf einer Hose? Und solange wir das nicht wissen, ist es für den Hersteller im Zweifelsfall klüger, ein kürzer haltendes, billiger herzustellendes Produkt anzubieten. Der Hersteller darf natürlich nicht so dumm oder dreist sein, dass er sich durch Kurzlebigkeit von der Konkurrenz abhebt. Dann wird er durch Kundenabwanderung bestraft. Aber solange er diesen Fehler nicht macht, ist es eine lohnende Strategie.

Geben Sie doch bitte noch ein wenig „Butter zu die Fische"… Hat man Hersteller schon bei derlei „ertappt"? Was ist in Summe bekannt und nachweisbar? Gibt es Beispiele von verschiedenen Geräten, bei denen die Problematik besonders deutlich wird?

Das Problem ist: Die Absicht kann man dem Hersteller nie nachweisen, nur die Ergebnisse ihres Tuns. Und sie behaupten natürlich stets, wenn es einmal zum Thema kommt, dass alles eben keine Absicht sei; das müssen sie auch, denn sonst würden sie verknackt.

Zusätzlich zu den Glühbirnen und Druckern mit den eingebauten Chips, zu nicht auswechselbaren Akkus und horrend teuren oder sogar verunmöglichten Reparaturen gibt es als Beispiel vor allem noch die geplante und gemachte „Inkompatibilität" unter Produkten, wie sie etwa Wolfgang Heckl, der Chef des Deutschen Museums, humorvoll in seinem Buch „Die Kultur der Reparatur" skizziert. Geplante Inkompatibilität heißt, dass nachfolgende Produktgenerationen nicht mit den vorherigen zusammenpassen, dass zum Beispiel die Bauteile der neuen Produkte nicht zum Reparieren der alten verwendet werden können – mit Absicht laut Heckel.

Und erwähnenswert in diesem Kontext ist auch noch die Resolution der 140 deutschen Repair-Cafés vom 11. Oktober 2014 in München, in der es heißt: „Geplanter Verschleiß ist kein Mythos. Bei  jeder Reparatur-Aktion entdecken wir Schwachstellen an elektrischen und  elektronischen Geräten, ebenso an Gehäusen, die nicht oder nur sehr schwer zu öffnen sind." Damit ist gemeint, dass gewollt falsch dimensionierte beziehungsweise fehlplatzierte Eletrolytkondensatoren für schätzungsweise zwei Drittel aller Bildschirmausfälle verantwortlich sind. Eine Tatsache, die zigfach nachgewiesen worden ist.

Die Debatte zum Thema wird ja wirklich heiß geführt und Kritiken wie der Ihren dabei ein Denken in „Verschwörungstheorien" testiert – ein Stigma, nachdem weiteres Argumentieren in aller Regel gar nicht mehr lohnt, da man sozusagen als Spinner diskreditiert worden ist. So bezeichnete etwa Andreas Hirstein in der NZZ „geplante Obsoleszenz im Sinne einer gezielten Produkte-Selbstzerstörung zur Ankurbelung des Konsums" als moderne Legende. Er argumentiert, dass Hersteller eine Abwägung zwischen Lebensdauer und Preis auf der einen sowie Zahlungsbereitschaft der Kunden auf der anderen Seite treffen müssten. Und auch eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes kam zu dem Schluss, dass derlei Probleme … nun ja, eigentlich nicht wirklich vorhanden seien.

Das stimmt leider. Marktgläubige Menschen wie Andreas Hirstein gehen dabei implizit von transparenten Märkten aus, die es in Wirklichkeit jedoch kaum jemals gibt. Eliminiert man diese Voraussetzung aber – was die Realität de facto deutlich besser beschreibt -, bricht auch schon die ganze Argumentation in sich zusammen – genau wie die des führenden wissenschaftlichen Referenzartikels zu geplanter Obsoleszenz von Jeremy Bulow aus dem Jahre 1986: Eine völlig weltfremde Theorie mit völlig falschen Ergebnissen, die jedoch ständig zitiert wird und dazu führt, dass man geplanten Verschleiß als „Legende" und also Märchen abstempelt. Sehr praktisch für die Gewinnlage der Großkonzerne.

Zur Studie des Umweltbundesamtes nur soviel: Ich kann Ihnen gern einmal ein paar Zitate aus der 104 Seiten umfassenden Studie vom Februar 2015 vorlesen, die man eben auch ganz anders zu lesen vermag als dies üblicherweise geschieht: „Das Durchschnittsalter ‚kaputter Geräte' beträgt in den Jahren 2012/113 12,5 Jahre, in den Jahren 2004 und 2008 lag dies noch bei 13,9 bzw. 13,5 Jahren." Oder: „Außerdem kann der Tabelle 8 entnommen werden, dass alle Haushaltsgroßgeräte (…) in 2012/13 etwas früher aufgrund eines Defektes (…) getauscht werden mussten als im Jahre 2004." Und noch eindeutiger: „Zwischen 2004 und 2012 stieg der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die nach weniger als 5 Jahren aufgrund eines Defektes ausgetauscht werden mussten, von 3,5 Prozent auf 8,3 Prozent der Gesamtersatzkäufe". Das zeigt doch deutlich, dass die Qualität von Neugeräten deutlich gesunken ist: Statt 3,5 Prozent wie 2004 gehen acht Jahre später bereits mehr als doppelt so viele in den ersten 5 Jahren kaputt. Qualitätsoase Deutschland? Made in Germany? Ein Witz.

Wer genau gewinnt eigentlich durch geplante Obsoleszenz?

Durch gezielte, verdeckte Verkürzung der Produktlebenszeit steigen, wie oben erwähnt, die Konzerngewinne und damit die Rendite auf das eingesetzte Kapital. Nutznießer sind deshalb vor allem die Aktionäre der Großunternehmen. Das Eigentum an Unternehmen ist sehr ungleich verteilt. So sind beispielsweise nur 10 Prozent der deutschen Bevölkerung im Besitz von Betriebsvermögen, nur etwa 11 Prozent der deutschen Haushalte besitzen Aktien. Dabei ist die Eigentumskonzentration an der Spitze besonders stark. So kontrollieren in Deutschland laut dem Historiker Wehler 7700 Haushalte, das sind 0,02 Prozent aller deutschen Haushalte, über die Hälfte des deutschen Betriebsvermögens. Ähnlich ungleiche Verteilungsverhältnisse finden sich in fast allen anderen Ländern der Erde.

Die Vertriebsstrategie „Geplante Obsoleszenz" könnte man daher als eine Besteuerung aller Verbraucher zu Gunsten der kleinen Schicht der Kapitaleigentümer von Großunternehmen ansehen, das erhebliche Kollateralschäden für die Umwelt bewirkt. Ein absurdes, aber sehr stabiles System.

Und was tun wir als Verbraucher nun am besten? Was raten Sie?

Nicht nur auf den Preis schauen, weniger „Geiz ist geil"-Mentalität, sich auf Internet-Portalen und in Fachzeitschriften informieren. Aber gute Infos über die tatsächlichen Nutzungskosten pro Einheit gibt es fast nirgends.

Und: Jeder von uns hat im Durchschnitt an die 10.000 Produkte zu Hause. Da können wir uns fragen: Brauche ich die wirklich? Man könnte etwa sinnieren über dem Satz: „Wo kann ich auf Unnötiges verzichten?" Wenn man das lange Zeit über macht, kann langsam eine neue Kultur im Umgang mit den uns anvertrauten Dingen entstehen. Das wäre wunderbar.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

 

Christian Kreiß, Jahrgang 1962, studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in München über die Große Depression 1929 bis 1932. Nach neun Jahren Berufstätigkeit als Bankier in verschiedenen Geschäftsbanken, davon sieben Jahre als Investment Banker, unterrichtet er seit 2002 als Professor an der Hochschule Aalen Finanzierung und Wirtschaftspolitik. Er ist Autor dreier Bücher und zahlreicher Veröffentlichungen.

 

Weiterlesen:

Psychische Tätigkeit und objektive Realität --->>> Das Problem der Erkenntnis

 
 

Sein und Bewusstsein [Teil 12]
 
von Sergej L. Rubinstein, bereitgestellt von Reinhold Schramm
 
[via scharf-links.de]
 
 
 

Psychische Tätigkeit und objektive Realität

Das Problem der Erkenntnis

4. Der Erkenntnisprozess.

Die Wahrnehmung als sinnliche Erkenntnis der äußeren Welt

Der wechselseitige Zusammenhang der Daten des Gesichts- und des Tastsinns beruht darauf, dass die Gesichts- und die Tastempfindungen wenigstens teilweise ein und dieselben Eigenschaften (Form, Größe usw.) des Gegenstandes in verschiedenen Modalitäten widerspiegeln. Sehen und Tasten sind also keine isolierten Sphären (Modalitäten) der Sinnlichkeit: sie haben ihre gemeinsame Grundlage in den Eigenschaften des Gegenstandes, den sie widerspiegeln. Das System der zwischen den Analysatoren bestehenden Verbindungen hängt primär von den Gegenständen ab, die widergespiegelt werden. Dagegen hängt die Widerspiegelung des Gegenstandes sekundär vom System der Verbindungen ab, die sich auf Grund der vorausgegangenen Erfahrungen gebildet haben. Deshalb kann man die Tätigkeit der Analysatoren nur dann richtig verstehen, wenn man von der Notwendigkeit ausgeht, die sie gesetzmäßig hervorgebracht hat, nämlich von der Notwendigkeit, die Welt wiederzuspiegeln, um in ihr leben und handeln zu können. Nur dann wird auch die biologische Rolle und die erkenntnistheoretische Bedeutung der Analysatoren verständlich.

Die neurodynamische Grundlage für das Abbild des Gegenstandes ist ein System kortikaler Verbindungen, in dem die verschiedenen Analysatoren miteinander verknüpft sind. Das optische Bild eines Dinges enthält auch Tastqualitäten, weil dem Wahrnehmen zentrale kortikale Verbindungen zugrunde liegen, die nicht innerhalb eines Analysators, sondern auch zwischen den verschiedenen Analysatoren entstehen. Grundlage der optischen Wahrnehmung ist nicht das Netzhautbild an und für sich; dieses ist lediglich der Ausgangspunkt für die Entstehung einer optischen Wahrnehmung. Die „retinale", das heißt peripherische Psychologie des Sehens sowie aller anderen Sinnestätigkeiten ist zusammengebrochen [89].

Zum System der kortikalen Verbindungen, welche die neurodynamische Grundlage für das sinnliche Bild des Gegenstandes sind, gehören nicht nur die vorhandenen Erregungen, sondern auch Erregungsspuren – das Resultat früherer Erfahrung. Schon A. A. Uchtomski schrieb: „Bei der optischen Rezeption der Gegenstände lässt sich der Mensch keineswegs nur von der optischen Struktur leiten, die in jedem Auge entsteht, sondern vor allem von der Projektion des Netzhautbildes auf die Großhirnrinde und von den Verbindungen, die bei dessen Formung in das kortikale Bild eingehen, und zwar von der gleichzeitigen Rezeption des Gehörs, des vestibularen, taktilen und propriorezeptiven Apparates. Das fertige optische Bild ist die Frucht vielfältiger praktischer Korrelation und Kontrolle [90]." Da die optische Wahrnehmung eines Gegenstandes nicht einfach eine subjektive Modifikation des Sehens, der optischen Sensibilität, sondern eine Wahrnehmung des Gegenstandes ist, nimmt sie gesetzmäßig nicht nur das in sich auf und schließt es zu einem einheitlichen Gebilde zusammen, was speziell und ausschließlich das Sehen als Form der Sensibilität kennzeichnet, sondern den wahrnehmenden Gegenstand. Das optische Abbild eines Gegenstandes ist nicht das Ergebnis der Tätigkeit des optischen Rezeptors allein, sondern auch das der menschlichen Erfahrung und Praxis.

Für die wirklichkeitsadäquate Wahrnehmung spielt die sogenannte Wahrnehmungskonstanz eine wesentliche Rolle. Die Größen-, Formkonstanz usw. besteht darin, dass wir die tatsächliche Größe, Form usw. des Gegenstandes, seiner wirklichen Größe, Form usw. entsprechend, als beständig wahrnehmen, und zwar in bestimmten Grenzen unabhängig von den Veränderungen der Wahrnehmungsbedingungen (Entfernung, Gesichtswinkel), obwohl sich das Netzhautbild dabei verändert. Diese Formulierung zeigt, weshalb die Tatsache der Konstanz zu einem Problem wird. Die Wahrnehmungskonstanz wird zu einem Problem, das eigentlich unlösbar ist, wenn wir das Abbild des Gegenstandes unmittelbar auf das periphere (Netzhaut-)Bild beziehen. Wenn sich die Entfernung der Gegenstände vom Auge und der Gesichtswinkel, unter dem sie betrachtet werden, verändern, so verändert sich auch die Projektion des Gegenstandes auf der Netzhaut. Deshalb kann die peripherische Theorie nicht erklären, wie eine beständige (konstante) Wahrnehmung der wirklichen Größe und Form des Gegenstandes zustande kommt.

Das Konstanzproblem kann nur gelöst werden, wenn man die Konzeption der „Analysatoren" zugrunde legt, nach welcher der periphere Rezeptor, die Leitungsbahnen und das entsprechende zentrale Feld als einheitlich funktionierendes Ganzes aufgefasst werden. [91].

Die alte Auffassung versuchte, dieses Problem mit Hilfe einer merkwürdigen Zweifaktorentheorie zu lösen, nach der die Empfindung (als Ergebnis peripherer rezeptorischer Tätigkeit) „akonstant" ist: Sie verändert sich mit jeder Veränderung der Netzhautprojektion und entspricht nicht der wirklichen Größe und Form des wahrgenommenen Gegenstandes. Dieses „akonstante" Bild wird dann durch zentrale Faktoren korrigiert, „transformiert" u. ä., die nicht mehr sensorischer, sondern bereits intellektueller Natur sind und sich mit den peripheren vereinigen. Einem solchen, eigentlich „klassischen" Standpunkt begegnet man bereits bei Helmholtz. In diesen oder jenen Varianten ist er bis heute erhalten geblieben. Er hängt organisch mit der dualistischen Zweifaktentheorie der Wahrnehmung zusammen, nach der die Wahrnehmung das Produkt zweier verschiedenartiger Faktoren ist, des peripheren und des zentralen, des sensorischen und des intellektuellen. Mit der dualistischen Wahrnehmungstheorie fällt auch ihre „Erklärung" der Konstanz.

Entgegen den Versuchen, die Konstanz ausschließlich auf den äußeren Eingriff intellektueller Faktoren zurückzuführen [92], ist zu sagen, dass die Konstanz eine der Wirklichkeit entsprechende Wahrnehmung der räumlichen und anderer (sensorischer) Eigenschaften des Gegenstandes ist und primär durch die Organisation des sensorischen Prozesses der Wahrnehmung bedingt ist. Zum besseren Verständnis dieser Tatsache ist zu bedenken, dass, wie wir bereits bemerkt haben, das sinnliche Abbild des Gegenstandes als Ergebnis einer komplizierten kortikalen Tätigkeit entsteht und das Produkt vielfältiger Verbindungen mit den Rezeptoren anderer Apparate (des taktilen, des propriorezeptiven u. a.), in welche die Netzhautprojektion einbezogen wird, sowie der mannigfachen praktischen Korrelation und Kontrolle ist.

Die intellektuellen Faktoren (Wiedererkennen des Gegenstandes, Kenntnis seiner Eigenschaften auf Grund früherer Erfahrung) begünstigen die Wahrnehmungskonstanz, wie das insbesondere Beins Daten über das Verhältnis der Wahrnehmung der Größe der Gegenstände bezeugen [93]. Aber erstens darf man die Größen- und Formkonstanz sowie die anderer Eigenschaften der Gegenstände nicht nur von diesen intellektuellen Faktoren her ableiten (isoliert betrachtet, sind sie nicht imstande, die Erscheinung der Konstanz als Ganzes zu erklären), und zweitens bedingen die intellektuellen Faktoren – Vorstellungen, Kenntnisse über die Eigenschaften des wahrgenommenen Gegenstandes, die in der Praxis, in der Erfahrung entstanden sind – die Wahrnehmungskonstanz nicht in der Weise, dass sie die ursprünglich sinnlichen Daten von außen her „transformieren", sondern bedingen sie im Prinzip genauso, wie das die Daten der anderen Rezeptoren tun, indem sie durch die kortikalen Verbindungen in den einheitlichen Prozess der Gegenstandswahrnehmung einbezogen werden.

Der Komplex der optischen und taktilen Qualitäten bildet das Skelett der Gegenstandswahrnehmung. Insbesondere durch das Tasten werden, wie bereits gesagt, die Haupteigenschaften des Gegenstandes als eines materiellen Dinges erkannt. Durch das aktive Tasten der sich bewegenden Hand werden außerdem die Ergebnisse des optischen Wahrnehmens anderer, insbesondere der räumlichen Eigenschaften der Dinge überprüft und kontrolliert. Im Zusammenhang damit zeigt die Untersuchung, dass die beim Betasten eines Gegenstandes gewonnenen Daten in das Bild des Gegenstandes eingehen, indem sie vorher visualisiert werden, einen optischen Ausdruck erhalten. Die bildhafte Wahrnehmung des Menschen ist vorwiegend optischer Natur. Das optische Bild des Dinges sammelt, synthetisiert und organisiert gleichsam um sich herum die Angaben der übrigen Sinnesorgane. Die grundlegenden Angaben, die das optische Bild in sich aufnimmt, sind die Daten des Tastsinns.

Die Daten aller übrigen Rezeptoren gruppieren sich um dieses Zentrum, sie vereinigen die Eigenschaften des auf diese Weise umrissenen Dinges zu seinem Erscheinungsbild. So orientieren sich beispielsweise die Gehörsempfindungen nach den optischen Daten des Gegenstandes als der Quelle, der die Töne entstammen.

Eine solche Organisation der Wahrnehmung bildet sich während der Ontogenese in dem Maße, wie beim Kinde die entsprechenden bedingtreflektorischen Verbindungen entstehen. Ungefähr im zweiten Lebensmonat kann man bereits beobachten, dass sich die Augen der Schallquelle zuwenden. Ein Ton beginnt optisches Suchen nach diesem Gegenstand hervorzurufen.

Die Daten aller Arten von Sensibilität gruppieren sich um jene „Modalität", in welcher der Gegenstand der Wahrnehmung am ausgeprägtesten in Erscheinung tritt. Zahlreiche Tatsachen beweisen dies. So zeigen Beobachtungen über die Lokalisierung einer Rede in einem mit Lautsprechern ausgestatteten Saal, dass der Ton, der, solange der Hörer den Sprecher nicht sah, im nächstliegenden Lautsprecher lokalisiert wurde, in dem Moment auf den Sprecher bezogen wird, in dem dieser im Gesichtsfeld des Hörers auftaucht [94]. Die Bedeutung dieser Tatsache besteht nicht darin, dass die akustische Wahrnehmung der optischen untergeordnet ist, sondern dass sich jede Wahrnehmung, auch die akustische, nach dem Gegenstand orientiert, der in der Sensibilität dieser oder jener Art (Gesicht, Gehör, Tastsinn u. a.) am ausgeprägtesten in Erscheinung tritt.

Das Wesen der Sache liegt darin, dass nicht die akustische Empfindung, sondern der Ton als eine im akustischen Abbild widergespiegelte physikalische Erscheinung lokalisiert wird. Darum wird ein Ton abhängig vom optisch wahrnehmbaren Ort des Gegenstandes lokalisiert, der ihn hervorbringt [95]. In ähnlicher Weise wird ein optisch wahrgenommener Gegenstand dort lokalisiert, wo er für das aktive Tasten, für die auf ihn gerichtete Tätigkeit, erscheint. Lokalisiert wie wahrgenommen werden eigentlich nicht die optischen Abbilder, sondern die optisch wahrgenommenen Gegenstände, die materiellen Dinge, genauso wie die Wahrnehmung selbst keine Wahrnehmung der Abbilder (Wahrnehmung der Wahrnehmung), sondern der Gegenstände, der materiellen Dinge ist.

Das gleiche kann auf dem Gebiet des Tastsinns und des kinästhetischen Sinns beobachtet werden. Wenn wir die Hand bewegen, beteiligen sich die Muskeln der Schultern und des Oberarms an der Bewegung, aber uns werden nicht die Signale von den Muskelverschiebungen bewusst, sondern die Gegenstände, welche die Bewegungen bedingen. Wenn wir mit einem Werkzeug arbeiten, das wir in der Hand halten, dann spüren wir die Besonderheiten des Materials, das wir mit dem Werkzeug berühren. So empfinden wir beim Schreiben den Widerstand, den die Oberfläche des Tisches dem Bleistiftdruck entgegensetzt; der Chirurg empfindet den Widerstand der Organe, die er mit dem Skalpell berührt. Ebenso werden wir uns beim Gehen nicht der Impulse bewusst, die von den Muskelkontraktionen ausgehen, sondern der Beschaffenheit der Oberfläche, auf der wir gehen.« [Teil 12] {...}

Anmerkungen

89 S. L. Rubinstein, Die Lehre I. P. Pawlows und die Probleme der Psychologie. S. 160; E. N. Sokolow, Der wechselseitige Zusammenhang der Analysatoren bei der Widerspiegelung der Außenwelt. S. 207. Sammelband: Die Lehre I. P. Pawlows und die philosophischen Fragen der Psychologie. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1955.

90 A. A. Uchtomski, Abriss der Physiologie des Nervensystems. Gesammelte Werke. Leningrad 1954, Bd. IV, S. 175 (russ.).

91 Über die Wahrnehmung der tatsächlichen Größe und Tiefe vgl. vor allem I. P. Pawlow, Naturwissenschaft und Gehirn, Sämtliche Werke, Akademie-Verlag, Berlin 1953, Bd. III/1. Vgl. auch E. N. Sokolow, Probleme der Wahrnehmungskonstanz im Lichte der Lehre I. P. Pawlows. „Sowjetskajy pedagogika" (Sowjetpädagogik), 1953, Nr. 4, S. 67–77 (russ.).

92 Einen solchen Standpunkt nahm Wygctski ein, der ihn ontogenetisch zu erhärten versuchte. Obwohl von einigen Autoren ein geringes Anwachsen der Wahrnehmungskonstanz im Alter zwischen zwei und vier Jahren beobachtet wird, spricht eine ganze Reihe von Untersuchungen dafür (Frank, Beyrl, Klimpfinger, Brunswik), dass im allgemeinen die Größen-, Form- und Farbkonstanz bereits im Alter von zwei Jahren vorhanden ist. Nach den gleichen Untersuchungen sinkt sie im Alter von 16 bis 18 Jahren. Vgl. S. Klimpfinger, Die Entwicklung der Gestaltkonstanz vom Kind zum Erwachsenen. (In der Reihe: E. Brunswik, Untersuchungen über Wahrnehmungsgegenstände) „Archiv für die gesamte Psychologie", Heft 88, S. 3-4.

93 Siehe E. S. Bein, Zum Problem der Größenkonstanz. In: „Untersuchungen zur Psychologie der Wahrnehmung", Moskau/Leningrad 1948, S. 167-199 (russ.).

94 Vgl. die Beschreibung einer von uns protokollarisch festgehaltenen Beobachtung in den „Grundlagen der allgemeinen Psychologie" (Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1961, S. 282/283), die in Untersuchungen von Kulagin, der den bedingt-reflektorischen Mechanismus dieser Erscheinung untersuchte, experimentell überprüft wurde.

95 Vgl. J. A. Kulagin, Experimentelle Untersuchungen zur Richtungswahrnehmung eines tönenden Gegenstandes. „Woprossy psychologii" (Fragen der Psychologie), 1956, Nr. 6 (russ.).

Quelle: Sergej L. Rubinstein: Sein und Bewusstsein. Die Stellung des Psychischen im allgemeinen Zusammenhang der Erscheinungen in der materiellen Welt. Psychische Tätigkeit und objektive Realität. Das Problem der Erkenntnis. Der Erkenntnisprozess. Die Wahrnehmung als sinnliche Erkenntnis der äußeren Welt. Akademie-Verlag, Berlin 1977.

05.09.2015, Reinhold Schramm (Bereitstellung)




--->>> #Wir . #vegetieren lieber im kollektiven Merkeln dahin, während das Böse triumphiert.

 
 

„Krieg dem Kriege" – der Triumph des Bösen in Deutschland

 
Von
 
[via Nachrichtenspiegel.de]
 
http://www.nachrichtenspiegel.de/2015/09/11/krieg-dem-kriege-der-triumph-des-boesen-in-deutschland/
 

Ja – das Böse, was ist das eigentlich? In unseren Zeiten ist das keine Frage: der Hass gegen Ausländer, dass ist das absolut Böse, gegen den sich das deutsche Volk nun wie ein Mann erhebt, falls es sich nicht gerade gegen die Ausländer selbst erhebt. Krieg ist in der Luft, wer auch nur leiseste Kritik an der Asylpolitik erhebt – ja, überhaupt nur reflektiert darüber reden möchte – ist sofort ein Nazi und damit zum Abschuss freigegeben. Die alten echten Nazis hätte das sehr erfreut, sie hatten eine gewisse eingeschränkte Vorstellung von politischer Debattenkultur, der heute auch die Ex-Grüne Jutta Ditfurth und ihre „Aluhut für Ken"-Brigaden (eine kleine Facebook-Hassseite für amateurhafte Hobbydenunzianten) frönen: für den Beweis der Schuldhaftigkeit reicht es, wenn der private Volksgerichtshof „Aluhut für Ken" Anklage erhebt, das Recht auf Verteidigung des Angeklagten erlischt, wer vom Kommitee für Volksgesundheit und richtiger Meinung angeklagt wird, darf umgehend diffarmiert, beleidigt, entwürdigt und mit Steinen und Flaschen beworfen werden. Was haben die Ditfurth-Nazis getan? Sie haben für Frieden demonstriert, angesichts rasant anwachsender Kriegsgefahr in Europa. Es gibt – scheinbar – wichtigeres als den Frieden. Linientreue zum Beispiel, die von den Ex- und Pseudolinken um Frau Ditfurth mit äußerster verbaler Gewalt eingefordert wird – im Kampf gegen „das Böse".

Die alten Nazis würden sich überhaupt in unserer Zeit wieder recht zuhause fühlen, leben wir doch nahezu wieder in Zeiten des Ermächtigungsgesetzes (siehe BpB):

Am späten Nachmittag unterschrieb Reichspräsident Hindenburg die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933, mit der wesentliche Grundrechte der Verfassung wie Freiheit der Person, die Unverletzbarkeit der Wohnung, das Post- und Telefongeheimnis, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Vereinigungsrecht sowie die Gewährleistung des Eigentums außer Kraft gesetzt wurden. Statt wie bisher mit lebenslangem Zuchthaus konnten nun Hochverrat, Brandstiftung, Sprengstoffanschläge, Attentate und selbst die Beschädigung von Eisenbahnanlagen mit dem Tod bestraft werden.

Ja, die Bundeszentrale für politische Bildung – immer eine Reise wert. Grundrechte wurden damals ausgehebelt – Grundrechte wie das Post- und Telefongeheimnis. In einem der am besten ausspionierten Länder der Welt gibt es dieses Geheimnis schon lange nicht mehr – und das Beste daran ist: sowohl die deutschen Geheimdienste (siehe Spiegel) als auch das Kanzleramt (siehe Spiegel) verteidigen den Bruch des Post- und Telefongeheimnisses vehement: man sieht, es geht auch ohne Ermächtigungsgesetz.

Freiheit der Person? Nur noch für jene Personen, die für das aktuell herrschende System eine hinreichende Verwertbarkeit aufweisen? „Verwertbarkeit"? Ja, diese faschistoide Begrifflichkeit kommt in Deutschland wieder zum Einsatz, aktuell mit Bezug auf Asylbewerber, die Grüne Claudia Roth hatte ihn unlängst im Fernsehen gebraucht (siehe Yahoo), im aktuellen bürgerlichen Neofaschismus darf man solche Maßstäbe wieder an Menschen anlegen. Wer nicht verwertbar genug ist oder sich nicht mit maximalem persönlichen Einsatz um seine Verwertbarkeit kümmert, landet bei „Hartz IV" und verliert – ganz ohne Ermächtigungsgesetz – elementare Grundrechte wie die Reisefreiheit, ohne dass sich die braven Merkeluntertanen groß drum kümmern – es wird halt nicht nur im Kanzleramt gemerkelt.

Unverletzbarkeit der Wohnung? Schon bei Besuchen des von Nazis ins Leben gerufenem und immer noch aktivem „Jugendamt" nicht mehr gegeben – verliert man die Arbeit, weil Firmen sich kurzzeitig „gesundschrumpfen", ist es ganz vorbei: außer mit Kontrollbesuchen des Ermittlungsdienstes kann man mit dem Verlust der ganzen Wohnung rechnen (siehe rbb):

„Mit den Schlussfolgerungen aus einer Studie erhebt ein Team von Soziologen der Berliner Humboldt-Universität schwere Schuldzuweisungen gegen die Jobcenter. Die Wissenschaftler haben sich die Umstände von Zwangsräumungen genauer angesehen und schließen aus ihren Erhebungen: Vor allem die Jobcenter sind die Hauptverursacher für die zunehmenden Zwangsräumungen in Berlin."

Ja – massenhafte Zwangsräumungen in Deutschland – wie in den dreißiger Jahren. Stört nur keinen … bzw. die meisten haben sich in dem System so eingerichtet, dass sie von diesen Aktionen profitieren – wie auch von den Massenenteignungen von Arbeitslosen, die keine „Gewährleistung des Eigenstums" mehr erwarten dürfen. Wer hat sich damals nicht alles an jüdischem Eigentum bereichert?

Ja – so schnell wird die Welt des Ermächtigungsgesetzes wieder Realität – inklusive der Todesstrafe, die aktuell durch Totalsanktionen für Arbeitslose wieder in den Bereich des Möglichen gerückt ist, ohne dass auch nur eins der gleichgeschalteten großen Medien davon Kenntnis nimmt. Das Böse triumphiert wieder – das Gute merkelt … oder „tut so als ob", gibt den Bomben auf den Kosovo einen ethisch-grünen Anstrich und verleiht dem Krieg gegen die Arbeitslosen das Prädikat „biologisch wertvoll": der Kern des heuchelnden Gutmenschentums.

Das war – mal anders. Und war natürlich in Deutschland verboten. „Krieg dem Kriege" heißt ein kleines Buch von Ernst Friedrich aus dem Jahre 1924, das auf dem Titelbild das „Ebenbild Gottes mit Gasmaske" zeigt und im Inneren dutzende von Nahaufnahmen von verstümmelten Menschen auffährt, Aufnahmen, die heutzutage verpönt sind und mit dem neutralen und sauberen Begriff „Kollateralschäden" getarnt werden, Schäden, die allgemein als alternativlos anerkannt  und allerhöchstens von veralteten Sozialromantikern beklagt werden. Ich möchte ein wenig hieraus zitieren – aber keine Angst, ich halte mich an das kriegsfördernde Tabu, keine Aufnahmen von natürlichen Folgeschäden von Kriegen zu veröffentlichen – keine abgerissenen Gliedmaßen, keine verstümmelten Körper, keine zerfetzten Gesichter … obwohl es schon erstaunlich ist, wie viel Gesicht man verlieren kann, ohne zu sterben, ja, sogar ohne Unter- und Oberkiefer und Nase kann man noch fortbestehen.

Ernst Friedrich wollte – nach den entsetzlichen Erfahrungen des ersten Weltkrieges, die im zweiten Weltkrieg noch in jederlei Hinsicht übertroffen wurden, dem Krieg an sich ein Ende setzen: das war der Sinn seiner Bildersammlung. Hören wir ihm mal ein wenig zu, wie der sich die Beendigung aller kriegerischen Zustände vorstellt:

„Macht Euch frei von bürgerlichem Vorurteil! Kämpft gegen den Kapitalismus in Euch! Aus Eurem Denken und Eurem Tun spricht noch unendlich viel von Spießer- und Soldatentum und fast in jedem steckt noch so ein eingedrillter Unteroffizier, der herrschen und befehlen will, sei´s auch nur über eigene Kameraden, und über Frau und Kind in der Familie!" Und sag ich auch zu jenen bürgerlichen Pazifisten, die nur mit Händestreicheln, mit Teegebäck und frommen Augenaufschlag Kriege zu bekämpfen suchen: „Kämpft gegen den Kapitalismus – und Ihr kämpft gegen jeden Krieg". Das Schlachtfeld in Fabriken und Gruben, den Heldentod in Siechenhäusern, das Massengrab in Mietskasernen, kurzum: den Krieg, den scheinbar ewigen Krieg der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter! Seht Ihr das alles nicht?! (aus Ernst Friedrich, Krieg dem Kriege, Zweitausendeins, 3. Auflage Juli 1980, Seite 11).

Der Krieg als Feind der Menschheit – was wäre das für ein edles Motiv, ihn selbst als Feind zu erkennen anstatt ihn als Werkzeug zu verstehen, mit dem man den „Bösen" erlegen kann – und so selbst zum Werkzeug des Bösen wird wie der Grüne Ludger Vollmer, der 2002 sinngemäß ein „Feuer-frei-auf-Terroristen" forderte (siehe Süddeutsche) – was ja seitdem auch geschieht. Damit die sich auch angemessen wehren können, liefern wir mehr und mehr Waffen in die Welt, die unkontrolliert in alle Hände gelangen. Da dies Arbeitsplätze fördert, haben wir keinerlei Bedenken mehr: wir würden wohl auch Konzentrationslager mit Blick auf die dort vorhandenen Arbeitsplätze vor der Schließung bewahren.

Kampf gegen den Kapitalismus – in Zeiten, in denen vielen Stimmen auch aus konservativen Lagern das Ende dieser Wirtschaftsform beschreiben, eigentlich keine große Herausforderung. Trotzdem bildet sich nirgendwo eine politische Kraft, die den Kampf gegen diesen Moloch aufnimmt – obwohl er den ganzen Planeten zu zerstören droht. Wir stehen sogar fassunglos vor einer deutschen Regierung, die gnadenlos wie eine Besatzungsmacht in die Politik anderer Staaten hineinregiert – wie z.B. in Griechenland, wo die Bundesregierung in einem von Arbeitslosigkeit zerrüteten Land weitere Massenentlassungen fordert (siehe Spiegel). Nun – es ist wohl nicht nur die brutale erfahrbare Übermacht des zusammenbrechenden Systems Kapitalismus, das in Deutschland demnächst leicht Hungersnöte hervorrufen kann – auch wir selbst sind es, weil wir den Kapitalismus als Wertegeber schon längst in uns haben: WIR sind der Kapitalismus selbst. WIR produzieren mit aller Gewalt sein verwertbares Menschenmaterial und machen sogar vor unseren eigenen Kindern nicht halt (siehe Spiegel):

„Endlich Ferien, endlich Nichtstun? Mitnichten. Eine Umfrage unter Eltern zeigt: In 55 Prozent aller Familien lernen die Kinder auch in den schulfreien Wochen."

Für Ferien gibt es gute Argumente, sie sind extrem nützlich für die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen – 55 Prozent der Eltern arbeiten aber gegen jede Vernunft, Menschenliebe und pädagogischer Forschung nur an der Verbesserung der Verwertbarkeit der eigenen Kinder … ein unvorstellbarer Horror. Kann es sein, dass die Kritik von Ernst Friedrich nach 90 Jahren immer noch zutrifft? Nun – wie sollte man sich diese entsetzlichen Entwicklungen sonst erklären, Entwicklungen, die dazu führen, dass die so genormte Ware „Kind" mit 45 wegen „burn out" absolut arbeitsunfähig ist und fortan nur noch im Hartz-IV-Gettho dahinvegetieren kann.

Ist es so, dass in uns immer noch viel „Spießer- und Soldatentum" steckt? „Spießer" kommt von Spießbürger, den ich lieber mit dem „Spießrutenlauf" assoziiere, mit dem Spaß das Kleinbürgers, seine Mitmenschen so oft zu triezen, wie es nur geht. Das wird vielen Kindern von klein auf beigebracht, das Soldatentum ist wieder voll auf dem Vormarsch (siehe srf):

„Der Verlust des Mitgefühls entsteht, weil der Mensch von Anfang an lernt: Kampf und Konkurrenz sind die Triebkräfte des Daseins. Kinder lernen Feind-Denken. Andere Bewusstseinszustände werden als naiv eingestuft, als unrealistisch, als schwach. Empathische, dem Menschen zugewandte Wahrnehmungen werden unterdrückt und unser Bewusstsein wird auf abstrakte kognitive Ideen, über das, was Realität ist, reduziert."

An dieser Vernichtung der Empathie arbeiten mindestens 55 Prozent der deutschen Elternschaft – wenn nicht sogar mehr. „Konkurrenz" ist die Triebkraft des Kapitalismus, er favorisiert einen Sozialdarwinismus, der durch die Agenda 2010 einen neuen Schub in Deutschland bekommen hat, er will eine Gesellschaft, in der nur die Starken überleben … wobei heutzutage die „Starken" die Reichen sind, die die größte Befehlsgewalt über die Maschinen haben, die die notwendigen Arbeiten zunehmend ohne Menschen erledigen können.

Der Krieg gegen den Kapitalismus fängt schon bei der Erziehung unserer Kinder an – und hier versagen wir als Eltern völlig, sind nur noch willfährige Büttel eines sterbenden Systems, die gezielt möglichst effizient verwertbare Ware prodzieren wollen … das es mal eine Wissenschaft wie „Pädagogik" gab, scheint lang vergessen zu sein, wie auch die Tatsache, dass es mal eine politische Einstellung namens „Pazifismus" gab – eine Einstellung, die gerade im letzten Jahrhundert zusehends mehr an Notwendigkeit gewonnen hat. Warum? Nun – der Krieg vernichtet zunehmend mehr Zivilisten als Soldaten, eine perverse Entwicklung, die Jahrtausendelang nicht vorkam und eine Erfindung der Moderne ist.

Wir führen in Deutschland Krieg gegen die eigenen Kinder – eine logische Konsequenz in einem Land, das das Schwache verachtet. Werden die Eltern arbeitslos, bekommt das Kind 2,5o Euro am Tag für die Ernährung – viel zu wenig, um gesund ernährt zu werden …. und viel weniger als das Vierte Reich und Merkelland für die Ernährung seiner Polizeihunde ausgibt. Kinder sind schwach, jahrelang – und deshalb unerwünscht. Kein Wunder, dass wir das Land mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate sind (siehe Spiegel), andererseits sind wir aber Meister im Krieg gegen unsere Umwelt, alles mit dem Segen der Partei der Grünen, die uns als kollektives gutes Gewissen gilt und alle Sauereien gesellschaftsfähig macht.  Immerhin trennen wir den Müll ordentlich – keiner jedoch fragt sich, ob unsere Maschinen uns eigentlich wirklich mit so viel Müll versorgen müssen, noch hindert es uns daran. die größten Drecksäcke des Kontinents zu sein: Meister in der Müllproduktion, uneingeschränkte Könige des Abfalls in Europa (siehe Spiegel), wobei Europa insgesamt eine Vorreiterrolle in der Disziplin „Verseuchung der Landschaft mit Elektromüll" hat (siehe Spiegel).

Neunzig Jahre sind seit dem Buch von Ernst Friedrich ins Land gegangen – und schon wieder geifert die Jounaille nach einem neuen Krieg – so dreist, das selbst der zufriedene Deutsche sich letztes Jahr erregte. Nach dem Arbeitslosen als Ziel für die Spieße der Spießbürger wurde nun der Putin herbeibeschworen als böses Ungeheuer, das es zu vernichten gilt – mit Sondereinsatzkommandos und deutscher Speerspitze, so als hätten wir nie etwas gelernt aus der Geschichte.

Das gilt natürlich alles nicht für Sie, oder?

Deshalb haben Sie auch kein Problem damit, ihr Kind dem überzogenen Verwertungsdruck des Kapitalismus zu entziehen und ihm eine ruhige, gemütliche Kindheit auf der Hauptschule zu gönnen, oder?

Oder … höre ich da jetzt etwa Klagen über den immens hohen Ausländeranteil in den Hauptschulen … und das in einem Land, das gerade offiziell an allen Ecken seine unglaubliche Ausländerfreundlichkeit vortanzt – als gäbe es einen Befehl dazu?

Ich kann Ihnen noch etwas viel Unheimlicheres erzählen – über den Nazi in Ihnen. Jedesmal wenn Sie einem Ihrer Mitmenschen sagen „Du musst" (z.B. bei Fragen der Gesundheit, des korrekten Sozialverhaltens, der Arbeitsdisziplin, der Wohnungseinrichtung, der Ernährungsgewohnheiten, der Altersvorsorge oder der Lebensgestaltung – um nur ein paar Felder zu nennen,  in denen man ungefragt eine Reihe von Rat"schlägen" bekommen kann, die an Spießrutenlauf erinnern) tritt der „eingedrillte Unteroffizier" auf den Plan, der „herrschen und befehlen will".

Krieg gegen den Krieg?

Völlig illusorisch im Deutschland des Ermächtigungsgesetzes bzw. seiner modernen Gestalt.

Wir … vegetieren lieber im kollektiven Merkeln dahin, während das Böse triumphiert.




Montag, 7. September 2015

--->>> Die Hartz IV-Ideologie ... das #zehnjährige #Bestehen einer #neuen #Art #von #Untertanenstaat

 

Die Hartz IV-Ideologie

[via Nachdenkseiten.de]
 
 

Hartz IV hat Geburtstag, doch zu feiern gibt es nichts. Für die Kritiker ist dieser „Jahrestag" vor allem Symbol für das zehnjährige Bestehen einer neuen Art von Untertanenstaat, welcher für die gegenwärtige Zunahme autoritärer, rechtsextremer und antidemokratischer Tendenzen maßgeblich mitverantwortlich und zudem per se menschenfeindlich organisiert ist.

Doch warum gibt es so wenig Widerstand? Warum lassen sich die Betroffenen „so viel" gefallen? Wie wirkt und organisiert sich die neoliberale Ideologie, auf dass sie sich als „Denkgift" in den Köpfen und Herzen der Menschen realisiert?

Zu diesen Fragen sprach Jens Wernicke mit Manfred Bartl.



Herr Bartl, Sie sind nicht nur Initiator des
NachDenkSeiten-Gesprächskreises in Mainz, sondern auch profilierter Kritiker der Agenda 2010. Anfang Januar hat Katja Kipping im ARD-Morgenmagazin die „Ideologie von Hartz IV" kritisiert – und auch Sie nehmen diesen Begriff in den Mund… Was meinen Sie damit? Inwiefern geht es bei Hartz IV um „Ideologie"?

Die Ideologie von Hartz IV macht sich vor allem am ganzen Gerede vom vermeintlichen „Fördern und Fordern" fest und wird als solche erkennbar anhand der Schizophrenie, dass man auf der einen Seite behauptet, gegen die „Hilfebedürftigkeit", also für die Betroffenen zu agieren, auf der anderen Seite aber dringend notwendige Fördermittel immer mehr zusammenstreicht und zugleich mit der Etablierung eines „der besten Niedriglohnsektoren (…), den es in Europa gibt", prahlt und also offen gegen die Betroffenen und deren Interessen agiert. Tatsächlich geht es gar nicht um die Betroffenen oder die Überwindung deren realer Not…

Arno Gruen hat das, denke ich, in seinem Buch „Der Wahnsinn der Normalität", gut veranschaulicht: Hinter der Maske der Menschlichkeit agiert faktisch die Unmenschlichkeit, die jedoch schwer als solche erkennbar ist, wenn man sich die Lügen und Verdrehungen der alltäglichen Propaganda erst einmal zu eigen gemacht hat… Aber wie ist das mit dem „Fördern und Fordern" denn genau, was meinen Sie?

Nun, ich sagte ja schon: Mit der vermeintlichen „Hilfe" für die Betroffenen ist keineswegs wirkliche Hilfe beabsichtigt; vielmehr geht es um die „Unterwerfung" der Betroffenen unter äußere Zwänge, die diese jedoch als Hilfe verstehen sollen.

Im Übrigen kann ich das Gerede vom vermeintlichen „Fördern und Fordern" schon gar nicht mehr hören! Grauenhaft, dass sich dieser Gehirnwäsche-Slogan inzwischen sogar bis in unsere Schulen und Lehrpläne hinein ausgebreitet hat. Wenn diejenigen – Schulleiter, Lehrer und Eltern –, die ihn so oft gedankenlos in ihrem Alltag wiederholen, damit wenigstens „Unterstützen und Herausfordern" meinen würden, hätte ich ja nicht einmal was dagegen. Sie verwenden ihn jedoch sehr wohl, das ist zumindest mein Erleben, in aller Regel in der Bedeutung seiner wahren Intention und meinen „Ködern und Quälen" damit. Und dabei blicken sie eben „auf unsereins" hinab und schließen sich der vorherrschenden Ideologie, Hartz IV-Empfänger seien faul, ungepflegt, müssten erzogen werden etc. an, assoziieren sich sozusagen mit der Unterdrückung durch das System und schreiben diese hierdurch mit und fort!

Wäre denn ein „Unterstützen und Herausfordern" besser für Sie? Und inwiefern?

Ja, „Unterstützen und Herausfordern" wäre bestimmt besser als „Ködern und Quälen", aber ich würde es maximal für schadlos und also noch lange nicht für hilfreich halten. Denn das Problem an der Massenerwerbslosigkeit das sind doch eben nicht die Erwerbslosen, die es nur zu "verbessern" gölte, wie das Hartz IV-Regime dies immer wieder kolportiert, sondern das ist der immer menschenverachtender agierende „Arbeitsmarkt" auf der einen und das Sozialgesetzbuch II, das diese regelrecht draußen hält, auf der anderen Seite!

Hartz IV hält Langzeiterwerbslose "draußen"…? Das verstehe ich nicht. Ich dachte, es ginge darum, die Leute in so große Verzweiflung zu bringen, dass sie schließlich bereit sind, mehr oder minder alles zu tun, um aus Hartz IV zu entkommen…

Ja und nein. Beides ist sozusagen gleichzeitig wahr. Was ich meine, ist, dass Hartz IV mit aller Kraft die Betroffenen klein macht, klein hält, auf die geringstmöglichen Ansprüche an Leben und sozialer Teilhabe trimmt und darauf konditioniert, sich mit einem „Leben in Hartz IV" und später in Altersarmut abzufinden, weil man ja selbst schuld an seiner Situation sei…

Und viele glauben das eben, identifizieren sich mit diesem sozial gewollten und die zunehmende Ungleichheit im Land ideologisch flankierenden „Wahn"… Und eben dadurch, hiermit „hält" man die Menschen auch klein und mittels dieser „Schuldfalle" eben auch „fern"…

Und wie schaffen die Jobcenter das?

Sehr gut, danke! – aber nein, Spaß beiseite… Es ging ja gerade durch die Presse, dass nach DGB-Berechnungen seit Einführung von Hartz IV bereits 15 Millionen verschiedene Menschen zumindest zeitweilig Arbeitslosengeld II bezogen haben – bei immer noch mehr als sechs Millionen Menschen, die aktuell auf Hilfe angewiesen sind. Nimmt man noch die Information dazu, dass der Niedriglohnsektor mit 24,3 Prozent der Beschäftigten in Deutschland heute so groß ist wie in keinem anderen hochentwickelten europäischen Land, zeigt das, dass und wie gut die Masche funktioniert.

Aber zurück zur Frage: Das ideologische Haupt-Instrument der Jobcenter, den Langzeiterwerbslosen die Schuld an ihrer Erwerbslosigkeit in die Schuhe zu schieben, ist wohl die Behauptung so genannter „Vermittlungshemmnisse", also von in den Personen der Langzeiterwerbslosen oder deren Lebensumständen liegenden „Mängeln", welche – und das ist der Witz schlechthin! – deren Vermittlung hemmen würden. Hier offenbart sich die ganze Ideologie im Kleinen, denn so etwas wie Vermittlung findet im Sinne des Wortes ja überhaupt nicht statt..

Wie meinen Sie das?

Nun, den Langzeiterwerbslosen wird doch kein Kontakt vermittelt, der ihnen eine realistische Chance eröffnen würde, dass sie ihre Arbeitskraft wirklich so einsetzen könnten, wie es Paragraph 2, Absatz 2, Satz 2 des SGB II fordert: „Erwerbsfähige Leistungsberechtigte müssen ihre Arbeitskraft zur Beschaffung des Lebensunterhalts für sich und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen einsetzen."

Sie bekommen doch nur mehr oder minder passgenaue Stelleninformationen zugestellt und sollen sich – in immenser Konkurrenz zu vielen anderen – durch Bewerbungen um die betreffenden Stellen bemühen. Im Wesentlichen entsprechen diese Stelleninformationen dabei zwar den Stellenanzeigen, die man in Zeitungen, Online-Jobbörsen und an Schwarzen Brettern findet. Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Denn eine Stelleninformation ist eben keine bloß unverbindliche Stellenanzeige!

Inwiefern?

Tja, eine verbindliche und überdies mit Rechtsbehelfsbelehrungen ausgestattete so genannte „Stelleninformation" ist faktisch eben nichts anderes als eine vorläufig noch nicht vollzogene Sanktion.

Aber ich hole etwas weiter aus: Der ideale Jobvermittler hätte doch ein Interesse, den vor ihm sitzenden Langzeiterwerbslosen auf die optimal passende, von ihm höchstpersönlich identifizierte freie Stelle zu vermitteln, ihn also anzupreisen, Vorschläge zur Passgenauigkeit seitens des Bewerbers zu machen, unterstützende Maßnahmen wie etwa Tipps zum Schreiben der perfekten Bewerbung und alle nötigen Finanzierungsmöglichkeiten bereitzustellen und sich abschließend darüber zu freuen, wenn freie Stelle und Bewerber zusammengefunden haben.

Das ist aber gar nicht das Anliegen des Jobvermittlers – zumindest nicht in systemischer Hinsicht. Denn was geschieht nach der unausgesprochenen Sanktionsdrohung durch die „Stelleninformation" als nächstes? Bewirbt sich der Langzeiterwerbslose ohne wichtigen Grund nicht oder nicht rechtzeitig auf die Stelle, auf die man ihn ohne reale Gelingensaussicht zu zwingen versucht, tritt umgehend eine eine Kürzung des ohnehin zu niedrigen Arbeitslosengeldes II.

Dieses System ist deshalb so perfide, weil ein und dieselbe Stelleninformation bestimmt mehreren, unter Umständen sogar sehr vielen Erwerbslosen im ganzen Bundesgebiet zugewiesen wird. So kann eine einzige Sanktionsandrohung in Gestalt vieler Stelleninformationen womöglich mehrere Sanktionen generieren, also Einsparerfolge realisieren, wenn es für die Controller der Jobcenter „gut läuft".

Im Sinne derselben „gute Kunden" sind also solche Langzeiterwerbslosen, die auf nicht hundertprozentig passgenaue Stelleninformationen mit Unlust reagieren, werbeträchtige Formulierungen beim Versuch, sich selbst anzupreisen, nicht so gekonnt draufhaben oder mit Trotz oder gar Alkoholmissbrauch reagieren, wenn sie – salopp gesagt – mit der Gesamtsituation unzufrieden bzw. unzufrieden gemacht worden sind.

Das Wichtigste an „Vermittlungshemmnissen" dieser Art ist daher auch gar nicht, dass sie irgendwann beseitigt werden. Die werden einfach nur behauptet – und dadurch wird ein immenses gesellschaftliches Problem gekonnt „personalisiert"…

 

 

3sat: Die Arbeitslosen von Marienthal

https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=_-KJ4ks35Nk

 

Ich habe es noch nicht ganz verstanden: Wenn jemand also sanktioniert wird, weil er sinnlose und würdeverletzende Schein-Vermittlungsspielchen nicht mitspielt, dann wird er zum einen sanktioniert und zum anderen alsdann als „mit Vermittlungshemmnissen behaftet" testiert?

Auch das, aber eigentlich werden „Vermittlungshemmnisse" vor allem vorab identifiziert und wirken sich somit während der gesamten „Verfolgungs-Betreuung" auf die Seele der Betroffenen aus.

Der Jobvermittler wird nämlich in der Regel nicht erst darauf warten, dass sich anhand konkret gescheiterter Bewerbungsbemühungen vermeintlich genau aufklären lässt, woran der Misserfolg nun gelegen habe. Derselbe wird stattdessen gleich aus dem ersten Profiling bei der Arbeitsuchend-Meldung als Vermutung „ermittelt" und hiernach in alle künftigen Bewerbungsaussichten hineinprojiziert.

Die daraus resultierenden berüchtigten Bewerbertrainings – ich wähle bewusst die Mehrzahl, denn viele machen mehrere dieser Trainings hintereinander! – dienen dabei auch nicht der Aussicht, dass man irgendwann perfekte Bewerbungen produzieren könne, sondern sind dazu da, von vornherein klarzustellen, dass das Scheitern einer Bewerbung an einem selbst gelegen habe – an in deiner Person oder in deinen Lebensverhältnissen begründeten „Defiziten", den „Vermittlungshemmnissen" also, weil man so das bloße Rütteln und Sieben der Jobvermittler an der großen Jobbörse als „Vermittlungstätigkeit" qualifizieren kann.

Sie merken es, nehme ich an: Es geht an keinem Punkt wirklich um „den Menschen", sondern darum, diesen entweder zu brechen und/oder zur Identifikation mit seiner fortdauernden Unterdrückung zu bringen. Wo das aber gelingt, wehrt sich niemand mehr gegen dieses Regime, denn dann glauben es alle: Ich bin offenbar selbst schuld, habe es inzwischen ja oft genug am eigenen Leibe erfahren und erlebt…

Übrigens: Das krasseste Vermittlungshemmnis wird von der Gesellschaft übrigens vollkommen vernachlässigt, weil es so fest im System verankert ist, dass man es quasi übersehen muss: Vor zehn Jahren hieß es neben den ganzen anderen Versprechungen auch, dass man „Verschiebebahnhöfe" abschaffen und eine „Betreuung aus einer Hand" anstreben würde. Aber wer – in der Regel – zwölf Monate erwerbslos war und dann von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter hinüber wechselt, dem wird umgehend als erstes „Vermittlungshemmnis" seine „Langzeiterwerbslosigkeit" testiert – und das war's dann eigentlich auch schon, denn dieses „Vermittlungshemmnis" wird man nicht wieder los – zumindest nicht ohne existenzsichernden Job, der einen aber auch komplett aus der Erwerbslosigkeit herausholte dann.

Und wie wehrt man sich dagegen, gegen derlei „Denkgifte" und Unterdrückungsmechanismen? Haben Sie eine Idee? Wie leben und überleben Sie selbst „in Hartz IV"?

Das Problem ist natürlich, dass die meisten Umstände, die den Betroffenen als in ihnen selbst angelegte Ursachen ihrer Erwerbslosigkeit verkauft werden, durchaus real sind: Alleinerziehende haben schlicht Kinder, deren Betreuung möglicherweise nicht ideal – zumindest nicht so ideal wie beispielsweise bei der siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen, der früheren Bundesministerin für Arbeit und Soziales – gewährleistet ist. Und auch Schulden sind real und drücken so lange, bis eine Schuldnerberatung vielleicht einen Weg zur Lösung der Probleme gefunden hat. Und auch manche Qualifikation hätte man halt wirklich gerne, wenn man sich erst einmal in eine bestimmte Richtung orientiert hat.

Aber warum wird der Mutter oder dem Vater weisgemacht, sie würden keine Stelle finden, weil sie ein „Problem" mitbrächten? Umgekehrt wird doch ein Schuh daraus! Sämtliche Arbeitgeber sind nicht willens oder in der Lage, ihr oder ihm einen passenden Arbeitsplatz anzubieten, um hierdurch den Lebensunterhalt von sich und den Kindern zu erwirtschaften. Und warum müssen Schulden eigentlich drücken, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits auf eine Erwerbslosigkeit oder eben prekäre Beschäftigung zurückzuführen sind, also ebenfalls aufs Konto der Arbeitsgeber und der gesellschaftlichen Verhältnisse gehen? Und warum finanziert nicht der Arbeitgeber, bei dem man letztlich eingestellt werden soll, die Qualifikation, die notwendig ist, um Mitarbeiter für die Arbeit in eben diesem Unternehmen auch "passgenau" auszubilden? Dass über diesen „Wahnsinn der Normalität" hinaus die Arbeitgeber dann auch noch andauernd ihr Märchen vom „Fachkräftemangel" abjammern, bringt mich regelrecht zur Weißglut!

…was also tun?

Also, ich denke, unsere Gegenstrategie muss individuelle und gewerkschaftliche Aufklärung sowie die Entwicklung eines Arneitnehmerselbstbewusstseins oder besser gleich Klassenbewusstseins forcieren!

Dabei gehört auch die Einbeziehung des vorhin schon angesprochenen Paragraphen 2, Absatz 2, Satz 2, SGB II mit seiner Muss-Vorschrift zum Einsatz der Arbeitskraft in den Fokus unserer Kritik. Und zwar im Sinne eines Lebensunterhaltes nach eigenem Anspruch, um das gleich klarzustellen.

Und dazu gehört bei uns in Rheinland-Pfalz auch das Insistieren auf den Artikel 56 der Landesverfassung, der bestimmt, dass das Arbeitsentgelt zum Lebensbedarf für den Arbeitenden und seine Familie ausreichen und diesen die Teilnahme an den allgemeinen Kulturgütern ermöglichen muss.

Und es gehört der gewerkschaftlich koordinierte Kampf um Arbeitszeitverkürzung auf die von Attac europaweit geforderte 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich dazu. Die Lohnausgleichforderung ist ja bekannt; sie verhindert Lohneinbußen im Zuge einer Arbeitszeitverkürzung. Die zusätzliche Forderung auch nach einem Personalausgleich ist eine der Lehren aus der Einführung der 35-Stunden-Woche und soll rein profitwahrungsorientierte Gegenmaßnahmen der Arbeitgeber wie Rationalisierungen und Arbeitsverdichtung im Zuge der Arbeitszeitverkürzung verhindern.

Ich selbst drehe den Spieß übrigens einfach um und mache nach dem Motto „Kompensation für die Hartz IV-Deprivation" im Rahmen meiner Möglichkeiten allen Beteiligten immer wieder klar, dass meine Lohnansprüche an zukünftige Arbeitgeber mit jedem Jahr unter den Bedingungen von Hartz IV weiter steigen. Dieses die Technokraten der Hartz-Kommission persiflierende Motto bedeutet dabei schlicht, dass ich für die unter Hartz IV-Bedingungen erlittenen Mängel auch einen angemessenen Schadenersatz verlange. Über Stellenangebote mit einer Bezahlung zum gerade eingeführten gesetzlichen Mindestlohn – oder gar darunter – kann ich dabei nur lachen…

Noch ein letztes Wort?

Ja, denn es gibt noch eine Steigerung der Perfidie der „Vermittlungshemmnisse". Nachdem man den „Kunden" des Jobcenters nämlich vermittelt hat, dass sie an ihrer Erwerbslosigkeit selbst schuld seien, verkauft man es ihnen anschließend auch noch als besondere Chance, wenn sie mehr als ein spezifisches „Vermittlungshemmnis" aufweisen.

Wer nämlich „multiple Vermittlungshemmnisse" aufweist, kann einen leichteren Zugang zu Fördermaßnahmen erlangen. Für eine Übernahme ins so genannte Fallmanagement, also die intensivere und gegebenenfalls nachsichtigere, im Glücksfall vielleicht sogar etwas großzügigere Betreuung, gilt das Vorhandensein von drei voneinander abgrenzbaren, schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen als notwendiges Kriterium.

Mit einem „Vermittlungshemmnis" bekommt man die Schuld an der Erwerbslosigkeit aufgeladen, mit drei „Vermittlungshemmnisen" wird einem dann aber – vermeintlich – die Himmelspforte zur Glückseligkeit aufgestoßen! Umso mehr man sich also identifiziert und unterwirft, umso mehr Pseudohilfe wird einem auch zuteil…

Ich bedanke mich für das Gespräch.

 

Manfred Bartl ist (beinahe promovierter) Diplom-Chemiker und Technischer Redakteur, der bis zum Ende der Dotcom-Blase beim mittlerweile filetierten Bertelsmann-Unternehmen Lycos Europe als Chat Manager und hiernach als Datenbank-Entwickler und Dozent in einem der Arbeitsverwaltung zuarbeitenden Maßnahmeprojekt des Caritasverbandes Mainz gearbeitet hat. 2002/2003 hörte er auf, GRÜNEN-Wähler zu sein, trat 2005 als unabhängiger Bundestagskandidat für Mainz an und hat den Bereich der Politik seitdem nicht nur nicht mehr verlassen, sondern sein Leben umfassend auf den politischen Kampf eingestellt. Er organisiert den NachDenkSeiten-Gesprächskreis Mainz, ist aktiv in der Mainzer Initiative gegen Hartz IV, dem Hartz IV-Netzwerk Rheinland-Pfalz, in ver.di, bei attac, der Linkspartei sowie Linkswärts e.V.

 

Weiterlesen:

Thomas Gerlach: Denkgifte. Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse




menschenverachtendes System nicht nur mittels der Hartz-IV-Ideologie, vor allem durch die Tafeln im Lande besorgt

 

Die Armutsindustrie

Verantwortlich:

[via Nachdenkseiten.de]

http://www.nachdenkseiten.de/?p=27438#more-27438


Herr Selke, Sie haben sich mit verschiedenen öffentlichen Beiträgen und zuletzt auch in Ihrem Buch „Schamland" immer wieder kritisch mit den Tafeln im Lande auseinandergesetzt. Wieso? Wo gegen die Armut schon zu wenig getan wird, scheint es doch dringend notwendig, zumindest mehr für die Armen zu tun.

Als Öffentlicher Soziologe ist es mir wichtig, mich zu Themen zu äußern, die sich nicht in einer Tagesaktualität erschöpfen. Die Tafeln habe ich eher zufällig als Thema „entdeckt" – das war 2006. Nachdem ich eine Tafel ein Jahr lang intensiv vor Ort begleitet hatte, wurden mir immer mehr die systematischen Nebeneffekte des Tafelwesens bewusst. Für mich sind die Tafeln damit zu einer „Signatur der Gegenwartsgesellschaft" geworden.

Nach dem Perspektivwechsel vom Lokalen zum Strukturellen war ein weiterer wichtiger Wendepunkt der Wechsel von der Helfer- zur Nutzerperspektive. Diese nehme ich seit circa 2010 konsequent ein. Auch, um denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden. Womit wir wieder bei der Aufgabe Öffentlicher Soziologie wären.

Die Tafeln sind letztlich nur der Prototyp von Institutionen, die den Zeitgeist perfekt verkörpern. Meine Tafelkritik habe ich daher immer als exemplarische Gesellschaftskritik verstanden. Und diese Kritik zielt im Kern immer darauf ab, Systeme der Entmenschlichung zu demaskieren.

Was ist denn entmenschlichend daran, wenn jemand, der zu wenig Geld zum Leben und also auch Essenkaufen hat, selbiges dann geschenkt bekommt? Was genau ist das Problem?

Probleme gibt es auf mehreren Ebenen. Zum einen wird beim Nachdenken über die Tafeln schnell klar, dass wir in einer Zwei-Klassen-Konsumgesellschaft leben. Armutshandel oder Armutsökonomie bedeutet ja, dass reiche Konsumenten sich ihren Konsum auf dem Rücken von armen Konsumenten leisten. Die Textilbranche ist ein Beispiel dafür, aber auch das Almosenwesen bei den Tafeln, die die Reste des 1. Konsummarktes einfach weitergeben. Das sind ja Waren, die für die „Konsumenten 1. Klasse" nicht mehr gut genug sind und dann „großzügig" an die „Konsumenten 2. Klasse" gespendet werden.

Zum anderen ist das System selbst ein Problem: Die Tafeln haben sich als „Un-Orte" mitten in der Gesellschaft platziert und verstetigt. Sie wurden zu einem sozialen Platzanweiser: Wer zu Tafeln geht, der hat ein Problem. Zu dieser „individualisierten" Schuldzuweisung kommt aber noch ein anderer Aspekt: Die Tafeln schaffen durch die pure Dauer ihrer Existenz – immerhin schon über 20 Jahre – einen neuen Typus von Sozialraum. In dieser „Zone" sammeln sich die Ausgeschlossenen, die Entkoppelten, die Überflüssigen, dort sind sie gemeinsam ausgeschlossen. Es handelt sich also keineswegs um eine soziale Utopie, wie etwa Kathrin Göring-Eckardt meint, sondern eine Parallelwelt, eine sich verfestigende Dystopie. Und in dieser haben die, die „geben", alleinige Macht, während jene, die bloß „empfangen", letztlich die Ohnmächtigen sind. Es gibt also strukturelle, zeitliche, sozialräumliche und situative Elemente der Entmenschlichung – verstanden als etwas, das auf Dauer und irreversibel die Grund- und Menschenrechte aushöhlt. Wenn die steigende Zahl der Tafelnutzer – ca. 1 Million 2008 und 1,5 Millionen 2015 – inzwischen als „Erfolg" des Systems gewertet wird, dann stehen die Verhältnisse doch komplett auf dem Kopf.

Und wie wirkt derlei Lebenspraxis sich aus, was macht sie mit den Betroffenen? Sie sind ja selbst immer wieder bei Tafeln und also mit deren „Nutzern" bestens vertraut…

Menschen sind – in Abhängigkeit von der Dauer der Nutzung des Tafelsystems – unterschiedlich von dieser Entmenschlichung betroffen. Über die Zeiteffekte wissen wir noch zu wenig. Fest steht aber, dass die Nutzung der Tafeln mit einer fast bodenlosen Scham einhergeht. Nicht umsonst verschweigen fast alle meine Gesprächspartner selbst in ihrem nahen sozialem Umfeld und teils auch in der eigenen Familie die Nutzung der Tafeln.

Die Wirkung der Tafeln ist überhaupt nicht zu verstehen, wenn man nur einmalige Situationen der Lebensmittelausgabe in den Blick nimmt. Erst, wenn man darüber nachdenkt, was durch die beständige Wiederholung solcher Situationen und also Demütigungen entsteht, merkt man, dass sich das Schamgefühl tief in die Psyche der Menschen eingräbt – als Selbstabwertung, Selbsthass und mehr. Und dass es die Tafelnutzer zudem gleichzeitig tendenziell zu Abhängigen eines fremdbestimmten Versorgungsystems macht, also das Gegenteil von Emanzipation oder Veränderung forciert.

Und wir sind überhaupt nicht fähig, diese Entwicklung und deren Folgen für Psyche, Gesundheit und letztlich Gesellschaft ehrlich und angemessen zu bilanzieren. Neben den „Gewinnen" – erhaltene Lebensmittel also etwa – gibt es immer auch „Verluste" in Form von zusätzlichen Belastungen, für die wir kaum ein Gefühl, kaum eine Sprache haben. Das Erhaltene wiegt das Erlebte dabei nicht unbedingt auf.

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie die Tafeln in Ihrem Buch als „Orte unterschwelliger Gewalt" skizzieren – oder geht diese Beschreibung noch darüber hinaus?

Soziologen haben einen umfassenden Begriff von Gewalt, der weit über körperliche Gewaltanwendung hinausgeht. Tafeln sind zum Beispiel Orte symbolischer Gewalt, weil sie wie mit sozialer Signalfarbe angestrichen wirken und damit verdeutlichen, auf welcher Stufe der Gesellschaft man angekommen ist. Sie sind zudem Orte struktureller Gewalt, weil Macht und Ohnmacht sich gegenüberstehen: Hilfe wird ja auch bei den Tafeln nicht bedingungslos gewährt, sondern ist an offensichtliche – Bedürftigkeitsprüfung – oder latente – Dankbarkeitspflicht – Bedingungen gebunden. Auch kommt es zwischen den Nutzern zu einer Art „Konkurrenz um die Reste", die den letzten Rest Würde dieser Menschen bedroht, einfach weil sie hier in eine Zwangslage gebracht werden, die sich gar nicht gerecht auflösen lässt.

Manch einer wird, wenn er uns so über Armut und Scham und Ohnmacht sprechen hört, sicher einwenden, es gäbe ja gar keine wirkliche Armut im Lande, niemand müsse wirklich Hunger leiden und bei den Verhältnissen in der sogenannten 3. Welt solle man nicht so viel Jammern etc. Was erwidern Sie hier?

Diese Relativierung bringt nicht viel. Armut lässt sich nur unzureichend in blanken Kennziffern abbilden. Wie bei allen qualitativen Dimensionen des Lebens braucht es dazu vor allem Einfühlungsvermögen.

Menschen sind „differenzempfindliche Wesen", wie Georg Simmel es nennt, und der soziale Vergleich zu Bezugsgruppen ist daher wesentlicher als jede Prozentrechnung oder -zahl.
Noch ein Argument gegen die reine Vermessung der Armut: Was sich in unserer Gesellschaft verändert hat, ist nicht allein die Armut, sondern auch und vor allem die Bewertung der Armen.

Mit „Hartz IV" haben wir zudem ein kollektives Stigma erschaffen, dass beispiellos ist und Menschen unter fast grenzenlosen Kollektivverdacht stellt. Das hat mit Jammern nichts zu tun, da geht es um knallharte Diskriminierung.

 

Stefan Selke: „Schamland: Die Armut mitten unter uns"

https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=ujTY7HAhWRk

 

Würden Sie sagen, dass die Tafeln sozusagen Ausdruck dafür sind, dass der Kampf gegen Armut staatlicherseits längst aufgegeben wurde und diese Lücke nun mehr und mehr von freiwilligen und barmherzigen Almosensystemen geschlossen wird?

Wir wissen aus den USA und aus Großbritannien, dass solche Systeme – wie übrigens auch die Sanktionen im Bereich von Hartz-IV – in die staatliche Sozialpolitik einkalkuliert werden. Dadurch geschieht etwas Schlimmes. Denn erstens wird damit freiwilliges Engagement instrumentalisiert. Und zweitens wird damit der Wert der Freiwilligkeit selbst korrumpiert: Wenn wir zunehmend in einer „Freiwilligengesellschaft" leben, in der Bürgerinnen und Bürger Lückenbüßerfunktionen für staatlicherseits eingestellte allgemeine und nachhaltige Unterstützungen übernehmen, dann gewöhnen wir uns mehr und mehr an einen Zustand, der alles andere als dem sozialen Zusammenhalt zuträglich ist. Auch das ist wieder eine Diagnose, die erst mit dem Blick auf die Dauerhaftigkeit des Grundzustandes verständlich wird.

Das allein scheint mir dennoch nicht den Boom der Tafeln, aber auch jenen von 1-Euro-Shops und vielem anderen im Lande zu erklären. Vielmehr sieht es so aus, als hätte der Markt die Armen und ihre Armut sozusagen als Geschäftsmodell entdeckt. Kann das wohl sein?

Die Grundierung durch Zynismus, der in der Behauptung liegt, dass es empirisch gesehen schon immer Armut gab und immer geben wird, bekommt aktuell eine neoliberale Neu-Lackierung. Und zwar, indem man, ganz wie Sie sagen, zunehmend entdeckt, dass diese Armut ja auch die Grundlage für neue Geschäftsmodelle sein kann – gerade weil sie einfach freiwillig abtreten zu wollen scheint.

Und, ja: Um das Phänomen Armut lässt sich eine ganze Wertschöpfungskette installieren und sie wird wohl gerade auch installiert. Angefangen bei mit Steuergeldern bezahlten Beschäftigungs- und Weiterbildungsangeboten, weiter über einen eigenen Billigsegmentmarkt für Arme in immer mehr Bereichen – Lebensmittel, Kleidung, Dienstleistungen etc. – bis hin zu der Veredelung der Armut durch moralische Unternehmen innerhalb der Armutsökonomie.

Sie meinen, da wird richtig Geld verdient – auch mit den Tafeln? Wie denn konkret? Wie funktioniert sozusagen „das System"?

Innerhalb der Armutsökonomie lassen sich zwei Märkte unterscheiden. Erstens der Markt, in dem direkt Umsatz mit Armen gemacht wird – hieran sind auch alle Wohlfahrtsverbände beteiligt, die Armut geradezu für ihre Existenz voraussetzen müssen.

Zweitens moralische Märkte, die ein gutes Gefühl und symbolische Reputation für Dritte vermarkten. Die Tafeln sind dabei der Prototyp solcher moralischen Unternehmen. Sie lassen sich von Industriepartnern sponsern und offerieren diesen im Gegenzug den Schein von Moralität. Die Unternehmen können diese Moralität dann in ihre Märkte und bei ihren Kunden in unterschiedlicher Form – direkt oder indirekt – wieder zu Profit machen. In moralischen Unternehmen wird quasi „über Bande" gespielt, frei nach der Devise: „Wir sind gerecht, kauft am besten bei uns."

Und all das erkennen aber nur wenige Betroffene? Will sagen: Gibt es denn bei und an den Tafeln nicht immer auch Kritik?

Was die Betroffenen erkennen, wissen wir nicht, weil sie keine Lobby haben. Anders übrigens als die ehrenamtlichen Helfer, denen man gerne zuhört – denn sie produzieren ja Moralität. Kritik gibt es jedoch überall.

 

 

Podiumsdiskussion: „Alternativen zur Vertafelung der Gesellschaft"

https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=81NPeF37jOM

 

Die Gründerin der ersten Tafel, Sabine Werth, kritisiert inzwischen selbst Aspekte der Tafeln – wie etwa den Zukauf von Lebensmitteln -, und auch ehemalige Tafelhelfer geben sich kritisch. Und im „Kritischen Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" haben sich nun alle möglichen Kritiker – auch aus den Reihen der Wohlfahrtsverbände – zusammengeschlossen und geben der Kritik hierdurch mehr Gewicht.

Was all das aber nicht ausrichten kann, ist, den Zeitgeist zu verscheuchen, der nur das Gute und Hilfreiche an den Tafeln sehen will. Vielleicht müssen wir erst weitere „Jubiläen" erleben – 2018: 25 Jahre Tafeln! -, um zu begreifen, dass sich schleichend eine soziale Katastrophe mitten unter uns entwickelt hat.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

 

Stefan Selke ist Professor für Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Furtwangen im Schwarzwald. Als Buchautor, Publizist und öffentlicher Soziologe wurde Stefan Selke zum zentralen Kritiker der sogenannten „Tafelbewegung" in Deutschland. In seinem Blog „Stabile Seitenlage" äußert sich Selke regelmäßig zum gesellschaftlichen Wandel.

 

Weiterlesen:

Hintergrund: „Zahlen & Fakten" zu den Tafeln vom Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V.
Interview: „Tafeln sind weder sozial noch nachhaltig"
Artikel: „Armut darf keine Ware werden. 20 Jahre Tafeln in Deutschland und die Folgen"
Artikel: „Die Scham geht wenn der Hunger kommt"
Artikel: „Da wird mir schlecht"
Artikel: „Am Rand der Gesellschaft"
Artikel: „Hartz IV: Ten Years after. Von Resignation und schlechtem Essen – der Alltag in der neuen Armut"
Podcast: „Stefan Selke über die Tafeln"

 

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